Ist das nicht der Schimmi auf dem Sockel gegenüber der Kneipe „Beim Hübi“? Horst Schimanski, der hemdsärmelige Hauptkommissar im abgewetzten Parka, gespielt von Götz George, hat Duisburg bei Tatort-Fans bekannt gemacht, auch wenn die Stadt sich um ihr Image sorgte. Da war nichts Charmantes, die Stadt und der Hafen waren geprägt von Maloche und Arbeitskämpfen – und doch kam das Ruhrgebiet cool rüber. „Duisburg Ruhrort“ hieß die erste Folge – vor 45 Jahren. Damals war das Wort „Scheiße“, das Schimmi so gern in den Mund nahm, tatsächlich noch unerhört. Ruhrort, ein Ort mit zweifelhaftem Ruf – dazu aber später.

Vielleicht hat es auch deshalb gedauert, bis der Kult-Kommissar aus dem Ruhrpott seine eigene Gasse bekam. Doch die Zeiten ändern sich. Und inzwischen gibt es sogar Touren auf Schimmis Spuren.

Guide Frank Switala führt durch Duisburg auf den Spuren des legendären Tatort-Kommissar Horst Schimanski.

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Guide Frank Switala führt durch Duisburg auf den Spuren des legendären Tatort-Kommissar Horst Schimanski.
Foto: Lilo Solcher

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Guide Frank Switala führt durch Duisburg auf den Spuren des legendären Tatort-Kommissar Horst Schimanski.
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Duisburg hat den weltgrößten Binnenhafen

Auch Duisburg ist nicht mehr die Stadt, in der Horst Schimanski ermittelt hat. „Duisburg ist echt – entdeckenswert” so der Slogan des Duisburg Kontors. Bis 2030 will die Stadt im Ruhrgebiet gar an vorderster Front im Tourismus mitspielen, so dessen Leiter Kai-Uwe Homann. Und wenn es nach Henning Deuter von der Ruhr Tourismus GmbH geht, soll das ganze Ruhrgebiet „eine der weltweit führenden Städtedestinationen“ werden. Echt jetzt? Kann aus dem einstigen Aschenbrödel eine Prinzessin oder besser ein Topmodel werden? Oder ist das nicht zu hoch gegriffen?

Homann nennt einige Superlative: Duisburg sei der weltgrößte Binnenhafen, die Stadt habe mit dem Landschaftspark Nord die zweitgrößte Ruhrgebiets-Attraktion nach der Zeche Zollverein, in Marxloh die zweitgrößte Moschee Deutschlands und eben dort mit 52 Brautmoden-Geschäften den wohl größten zusammenhängenden Hochzeit-Hotspot in Europa. „Wir sind der größte Abenteuerspielplatz Europas“, sagt der Touristiker scherzhaft und fügt noch hinzu: „Wir hatten keine Chance, aber wir haben sie genutzt.“ Und wie!

Die modernen Bauten von Star-Architekt Norman Forster stehen am Innenhafen von Duisburg Duisburg, Innenhafen, Norman Foster, Five Boats

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Die modernen Bauten von Star-Architekt Norman Forster stehen am Innenhafen von Duisburg Duisburg, Innenhafen, Norman Foster, Five Boats
Foto: Lennart – stock.adobe.com

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Die modernen Bauten von Star-Architekt Norman Forster stehen am Innenhafen von Duisburg Duisburg, Innenhafen, Norman Foster, Five Boats
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Die Neuerfindung des Ruhrgebiets nach Kohle und Stahl

Das erschließt sich uns schnell bei einem längeren Spaziergang mit Guide Frank Switala – grauer Dreitagebart, blaue Augen mit Lachfalten. Der gebürtige Duisburger, der Geschichte, Politik und Anglistik studiert hat, hat vor 30 Jahren sein Hobby zum Beruf gemacht und führt mit ansteckender Begeisterung Gäste durch seine Stadt. Nach einem kurzen Exkurs in die Geschichte, die bis ins neunte Jahrhundert oder noch weiter bis in die Römerzeit zurückreicht, kommt er schnell zu der jüngeren Vergangenheit und die „Neu-Erfindung des Ruhrgebiets“ nach dem Ende von Kohle und Stahl.

Besonders eindrucksvoll zeigt sie sich im Innenhafen mit dem imposanten Backsteinbau des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, bei dem Duisburg eher überraschend den Zuschlag bekommen habe. Switala erzählt die Vergabe-Geschichte im Schnelldurchgang und mit viel Witz. Ganz offensichtlich liebt er die Stadt, sieht aber auch ihre Schattenseiten und so manche Fehlentscheidung wie den Abriss des Mercator Hauses. Immerhin hatte Gerhard Mercator Duisburg im 16. Jahrhundert zum Zentrum der Kartografie gemacht.  

Stararchitekten gestalteten Teile der Duisburger Innenstadt

Dafür durfte Sir Norman Foster mit einem Gesamt-Masterplan zur Neugestaltung des Innenhafens unter dem Arbeitstitel „Wohnen und Arbeiten am Wasser“ verwirklichen und der britische Stararchitekt Nicholas Grimshaw einen ikonischen Häuserblock hinstellen, „Five Boats” genannt. Schließlich konnte das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron im Backsteinbau der Küppersmühle moderner Kunst von Richter, Kiefer, Baselitz & Co eine große Bühne bereiten.

Mit dem Park der Erinnerung des Israeli Dani Karavan und dem Neubau der Synagoge hat sich Duisburg noch etwas Außergewöhnliches getraut und Industrie-Relikte wie Mauerreste in ein Landschaftskunstwerk verwandelt. So wurde die Synagoge in Betonskelette integriert. Das Ganze soll wie ein aufgeschlagenes Buch wirken. Eindrucksvoll!

Duisburg hat einen besonderen Landschaftspark

Die Horst-Schimanski-Gasse hat ihre eigene Geschichte. Duisburg, Ruhrort, Horst-Schimanski-Gasse

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Die Horst-Schimanski-Gasse hat ihre eigene Geschichte. Duisburg, Ruhrort, Horst-Schimanski-Gasse
Foto: Lilo Solcher

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Die Horst-Schimanski-Gasse hat ihre eigene Geschichte. Duisburg, Ruhrort, Horst-Schimanski-Gasse
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Inzwischen ist es dunkel und kalt geworden. Zeit für einen gemütlichen Ausklang im Königs-Pilsener-Wirtshaus. Morgen ist auch noch ein Tag. Und der beginnt mit Regen. Dabei wollen wir heute den viel gerühmten Landschaftspark anschauen, ein ganz besonderes Freiluftmuseum. Nein, kein Museum, sagt Manuela Sass, die sich mit rosa Mütze, rosa Anorak und türkisfarbenem Schal schon auf Wetterunbilde eingestellt hat. Für den Landschaftspark müsse man schließlich keinen Eintritt bezahlen.

Sieht man die gigantischen Hochöfen, die Rohrkonstruktionen, den Gaskessel kann man kaum glauben, dass sich die Leute hier frei bewegen dürfen. Nur beim Hochseil-Klettergarten am Hochofen 2 geht nichts ohne Führung. Und natürlich im Gasometer, wo Taucher heute eine ganz einzigartige Unterwasserwelt erkunden können. Ohne Fische, dafür mit Flugzeugen und Autos.

Der Hochofen 5 in Duisburg erinnert an alte Zeiten

Nur am Hochofen 5, der als letzter stillgelegt wurde, kann man den Weg vom Erz zum Eisen noch nachverfolgen. Am besten mit einer so gut gelaunten Führerin wie Manuela Sass, die allen Wetterunbilden trotzt. Die „Duisburgerin durch und durch“ (Sass über Sass) hat ihren Job als Innenarchitektin hingeschmissen, um ihre zwei Leidenschaften zum Beruf zu machen: Duisburg und das Reisen. Als ausgebildete Reiseleiterin und Gästeführerin hat sie den Kontakt zu Menschen, der ihr in ihrem alten Beruf fehlte. Die Freude daran teilt sie bei ihren interaktiven Führungen ebenso wie ihr großes Wissen. 

Manuela Sass schafft es, uns bei strömendem Regen mit dem harten Alltag der ersten Hüttenwerker vertraut zu machen, die sich in der Gießhalle mit Holzschuhen und Filzhut gegen die Gefahren beim Abstechen des auf 1400 Grad erhitzten Roheisenstroms wappneten. Das war nicht nur gefährlich. Es war harte Arbeit – oft zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, auch wenn der Verdienst gut war. Und das Ende war wohl schmerzhaft. Ein Arbeiter namens Paul hinterließ auf einem Rohrdeckel das Datum 4.4.1985.

Filmteams suchen in Duisburg den Charme des Potts

Der Landschaftspark hat sich tatsächlich zu einem Ort für jedermann und jedefrau entwickelt. Auch Filmteams sind hier gern zugange. Für „Manta, der Film“ wurde die Hochofenstraße zum Drehort. Und vor vier Jahren, so die Führerin mit unverhohlenem Stolz, war sogar Hollywood da – für einen Dreh des Prequels der Tribute von Panem.

Die alten Hochöfen von Duisburg sind in einen Landschaftspark integriert und längst Touristenattraktion

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Die alten Hochöfen von Duisburg sind in einen Landschaftspark integriert und längst Touristenattraktion
Foto: haveseen – stock.adobe.com

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Die alten Hochöfen von Duisburg sind in einen Landschaftspark integriert und längst Touristenattraktion
Foto: haveseen – stock.adobe.com

Inzwischen hat der Regen sintflutartige Züge angenommen und wir flüchten in den Bus. Aber wir wollen Duisburg nicht verlassen, ohne dem bronzenen Schimmi einen Besuch abzustatten. Was wäre Duisburg ohne den ruppigen Draufgänger? „Beim Hübi” in der Horst-Schimanski-Gasse gibt’s erst mal die berühmte Currywurst. Und dann kann Frank Switala nochmal eine Probe seines Alleinunterhalter-Talents abliefern.

Die Irrungen und Wirrungen, bis die Gasse ihren Namen bekam und die kleine Büste ihren Sockel schildert er mit bissigem Humor. Die Stadt wollte nicht so recht mitziehen beim Schimanski-Memento in Ruhrort, dem früheren Sankt Pauli des Ruhrgebiets. Der prollige Kommissar blieb lange umstritten, 2014 wurde das Straßenschild dann „sang- und klanglos“ aufgehängt. Auch die Bronzebüste von Carolin Hörbing, die acht Jahre später enthüllt wurde, stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung.  Der gigantische Kopf „Das Echo des Poseidon” von Markus Lüpertz auf der Mercator Insel wendet denn auch den Blick in die andere Richtung.

Hier liegt die Lieblingskneipe von Udo Lindenberg

Dabei ist Ruhrort „eine Großstadt unterm Brennglas“, wie Frank meint. Hier seien Arbeitslose ebenso zu Hause wie Milliardäre, Katholiken wie Protestanten. Und in den noch verbliebenen Kneipen wie „Beim Hübi“ oder „Bei Gerda“ haben sich die Erinnerungen an alte Zeiten, als die Menschen noch ohne Social Media zueinander fanden und Schimmi ermittelte, erhalten. Auf einer Kneipentour könnte man noch mehr erfahren. Zum Beispiel über „Tante Olga“, die in der Fabrikstraße 8 eine illustre Kneipe führte, wo Udo Lindenberg ein und aus ging. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. 

Weitere Informationen über Duisburg

Anreisen. Am besten mit dem Zug. Der fast fertig renovierte Hauptbahnhof kann sich sehen lassen.
Wohnen. Gleich beim Bahnhof in der Mercatorstr. 57 liegt das Intercity Hotel Duisburg, Tel. 0203/607160, E-Mail: duisburg@intercityhotel.com, DZ ab 80 Euro
Schimmi-Tour. Ca Zwei Stunden, 22 Euro pro Person, buchbar über https://www.duisburg.de/tourismus/stadt_erleben/fuehrungen_und_rundfahrten/schimmi-tour
Informieren. www.duisburg.de