Fast zwei Millionen Euro sind im Kulturbetrieb vor allem dann viel Geld, wenn sie plötzlich fehlen. Jan Vogler ist das unlängst passiert. Sollte man in so einem Fall gar nicht mehr weiter wissen, könnte man ihn einfach mal fragen. Natürlich nicht nach Geld, sondern eher danach, wie er dieses Finanzloch gestopft hat. Der gebürtige Ostberliner findet für seine Belange immer irgendwo Geld. Wenn Geld in der Kultur zwar nicht alles, aber ohne Geld so ziemlich alles nichts ist, dann ist genau diese Fähigkeit eine beneidenswerte Eigenschaft. Sie ist einer der Bausteine seines Erfolgs.
Jan Vogler ist seit 2008 Intendant der Dresdner Musikfestspiele, die Mitte Mai in ihre 49. Saison starten. Er hat allein die Einnahmen über Ticketverkäufe von 380.000 Euro auf 2,1 Millionen Euro gesteigert. Der Zweiundsechzigjährige ist aber auch Star-Cellist, international gefragter denn je. Gerade kommt er von einer Tournee, die an der Westküste der Vereinigten Staaten begonnen hat und in Asien zu Ende ging. Darüber hinaus entwickelt er immer neue Formate für das Publikum, tritt mit der amerikanischen Dichterin und Aktivistin Amanda Gorman oder dem Comedian-Star Bill Murray auf, kombiniert deren Worte mit seinem Cellospiel.
Und irgendwie funktioniert auch das. Weil er zwar von Hause und Ausbildung her Künstler ist, im Herzen aber doch auch ein Macher und Manager, gilt er in der weitläufigen Szene der Klassik-Festivals hierzulande als Unikum. In Dresden ist er – sehr ungewöhnlich – künstlerischer und geschäftsführender Intendant in einem. Als solcher hat er das Budget der Dresdner Festspiele in den vergangenen vier Jahren verdoppelt, bei konstant sinkenden öffentlichen Zuschüssen. Unter seiner Führung hat Dresden einen Platz in der Top-Liga der Musikfestivals erobert. Mit einem künstlerischen Niveau der A-Klasse – auch das dank Vogler. Und man fragt sich: Wie macht er das alles?
Beim Mauerfall in den Staaten
„Ich glaube, die Tatsache, dass ich ziemlich bald nach der Wende von Dresden nach New York gezogen bin, hat etwas damit zu tun“, sagt er. 1996 war das. In Amerika habe er Demokratie und Kapitalismus auf ganz ungefilterte Weise lernen können und als freischaffender Cellist mitbekommen, wie sich Musikveranstaltungen finanzieren. Weitgehend privat nämlich. Doch sein Schlüsselmoment in dieser Hinsicht datiert um einiges früher. Noch als Solo-Cellist der Dresdner Staatskapelle, der er mit gerade einmal 20 Jahren wurde, hatte er sich 1988 eine Reiseerlaubnis der DDR zum berühmten Marlboro-Musikfest in die Vereinigten Staaten erkämpft. Erstmals erfuhr er, dass sich Musikfeste allein aus den Zinsen eines üppigen Kapitalstocks finanzieren lassen. Im Fall von Marlboro waren das seinerzeit für ihn unvorstellbare 38 Millionen Dollar.
Die Geschichte spielt manchmal verrückt. Ein Jahr später, am 9. November 1989 war er wieder in den Staaten, erfuhr durch Kollegen vom Fall der Mauer und lag sich später mit wildfremden Deutschen auf den New Yorker Straßen in den Armen. „Schon in der Zeit war mir klar: Wenn uns die Wende wirklich Freiheit bringt, was in dieser Nacht für uns alles andere als sicher war, muss ich irgendetwas gründen.“ Am liebsten ein eigenes Festival – nach dem Vorbild Marlboros.
1993 entstand daraus das Moritzburg Festival bei Dresden mit eigener Akademie für junge Musikerinnen und Musiker, das es bis heute gibt. Die Erfahrung, wie Klassik-Festspiele ohne ein dem Zweck gewidmetes millionenschweres Kapitalvermögen auf deutschem Boden funktionieren können, lernte er zunächst also in der ostdeutschen Schlossidylle. Irgendwann fragte ihn der damalige Dresdner Oberbürgermeister, ob er nicht 2008 als Intendant auch noch die Dresdner Musikfestspiele übernehmen wolle. Vogler war unsicher, seine Freunde waren es nicht: „Na klar machst du das!“
„Dazu gehört unglaublich viel Mut“
Ermuntert hatte ihn dazu auch Thomas de Maizière, seinerzeit Chef des Bundeskanzleramts unter Angela Merkel. Da kannte er Vogler seit gut 15 Jahren und hatte ihn als Leiter der sächsischen Staatskanzlei schon in Moritzburg unterstützt. „Wenn ein Musiker Intendant wird, ist das eigentlich immer verdächtig“, sagt er. Entweder seien die Musiker nicht gut genug oder befänden sich am Ende ihrer Laufbahn und wollten sich durch ein eigenes Festival Bedeutungszuwachs verschaffen. „Auf Jan Vogler traf beides nicht zu.“ Seine internationale Karriere hatte 2005 nach einem Debüt in der Carnegie Hall unter Lorin Maazel gerade so richtig Fahrt aufgenommen – mit 41 Jahren. „Er hat sich als Musiker kein Festival gesucht, sondern die Festspiele auch aus einer inneren Verpflichtung und Verantwortung Dresden gegenüber übernommen.“ Es ist schon so etwas wie Hochachtung, die da in de Maizières Worten mitschwingt – nicht nur, weil er selbst ein großer Liebhaber klassischer Musik ist. „Noch ganz jung hat er seine sichere Stelle als erster Cellist bei der Staatskapelle aufgegeben, um sich eine Solo-Karriere in Amerika aufzubauen. Dazu gehört unglaublich viel Mut.“ Klar, er hätte auch scheitern können. Die ersten Jahre spielte Vogler vor allem jenseits der musikalischen Zentren.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Festspiele benötigten mehr als ein Facelift, als Vogler schließlich die Verantwortung übernahm. „Wir brauchten mehr Stars, mehr Geld, ein gutes Marketing, Team-Bildung und vor allem Sponsoren.“ Vogler erinnert sich an die Anfangszeit rückblickend mit Erstaunen. „Ich hatte viele Hürden erwartet, aber sie verschwanden fast von selbst.“ Das mag an dem Elan gelegen haben, den er aus Amerika mitbrachte. „Schon damals hat mich das Engagement in den Vereinigten Staaten fasziniert und der feste Wille, Dinge zu ermöglichen.“ Es lag aber sicher auch an seinem Langmut, den ihn der Umgang mit DDR-Behörden gelehrt hatte: zahllose Anträge für Reisegenehmigungen, Stunden am Telefon, meist wartend, in völliger Ungewissheit, ob sie ihn noch einmal rausließen.
Zu Beginn holte Vogler die Stars, neben denen der Klassik-Szene auch Größen wie Sting, Eric Clapton und viele mehr. Die berühmtesten Orchester spielten plötzlich in Dresden auf. 2015 etwa eröffnete er mit den New Yorker Philharmonikern die wiedererrichtete Dresdner Frauenkirche. Bis heute zehrt er von seinen amerikanischen Freundschaften. So wie mit dem weltbekannten Comedian Bill Murray, den er am Berliner Flughafen nur deshalb kennenlernte, weil dieser wissen wollte, was mit dem Cello im Flugzeug passiere. „Ein eigener Platz“, antwortete Vogler, weil Celli nun mal nicht ins Gepäckfach passen. So kamen sie ins Gespräch.
Fragt man Bill Murray heute, wie daraus später eine gemeinsame Show geworden ist, sagt er: „Eines Tages setzte mich Jan Vogler in seiner New Yorker Wohnung vor einen Stapel Schallplatten, eine Tasse Kaffee, Gebäck und eine Reihe von zerlesenen Büchern.“ Bereits beim zweiten Nachschenken habe er, Murray, gehört und gelesen, was später zu dem Programm New Worlds werden sollte: eine Kombination aus Musik, Versen und Liedern, die jetzt auch in Dresden zu hören ist. „So ist Jan“, sagt Bill Murray auch. „Sehr ambitioniert, er ist ein Denker, kriegt die Dinge einfach hin. Er hat die ganze Arbeit gemacht. Ich laufe da eigentlich nur mit.“
Verschiedene Genres einbeziehen
Die Musikfestspiele sind bis heute städtisch, auch wenn die Stadt bei weitem nicht die finanzielle Hauptlast der vielen Veranstaltungen in den 25 Spielstätten trägt. Sie bezahlt die 20 Angestellten, die Vogler braucht, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. „Wir bekommen darüber hinaus einen Zuschuss von 900.000 Euro“, sagt er, „diese Summe ist über die Jahre immer weiter gesunken.“ Warum es ohne nicht geht, erklärt er auch. „Man braucht Startkapital. Ich muss ein Orchester einkaufen, Musiker verpflichten, Säle mieten. Erst dann kann ich damit beginnen, Tickets zu verkaufen und Sponsoren zu begeistern.“ Insgesamt ergibt sich daraus eine Summe von 2,5 Millionen Euro, die Dresden der musikalische Sommer-Zauber wert ist. „Unsere eigenen Einnahmen liegen bei 6,6 Millionen Euro.“ Die setzten sich aus Ticket-Verkäufen und Sponsoren-Geldern zusammen. „Ich habe der Stadt immer gesagt: Gebt mir ein bisschen Stabilität, den Rest mache ich selbst.“
Vogler baut für jeden Sommer eine Veranstaltungsreihe aus verschiedenen Genres: Klassik, Pop und Jazz. „Ich würde die Zusammenstellung eklektisch nennen“, sagt er. Das sei das Alleinstellungsmerkmal der Festspiele unter den wenigen großen und unzähligen kleinen Klassik-Festivals, die es in Deutschland gibt. „Für jeden muss etwas dabei sein.“ Dazu hat ihn nach eigenen Worten das vielfältige Angebot New Yorks inspiriert. Eine zweite Regel: Es muss krachen. Das heißt, keine Kompromisse bei der künstlerischen Qualität, unabhängig von Genre und Veranstaltungsort. Das fängt schon bei ihm selbst an. „Die Grundenergie muss hoch sein, egal, ob Du als Cellist auf der Bühne bist oder als Festivaldirektor im Hintergrund.“ Die dritte Erfolgsregel ist das Netzwerk: „Ich habe mit all den Menschen, die mich beeindruckt haben, immer Kontakt gehalten.“ Da spielt es keine Rolle, ob diese Musikerinnen oder Musiker sind, Financiers, Personen aus Wirtschaft und Politik, Wissenschaft oder der Medizin. So kommt Vogler bis heute nicht nur an die Top-Künstler, sondern vor allem auch an Sponsoren.
Hier passt die Geschichte von den zwei Millionen Dollar oder 1,7 Millionen Euro, die Vogler für ein ganz besonderes Projekt der bevorstehenden Festspiele plötzlich fehlten, weil sich die öffentliche Hand im vergangenen November gegen die beantragte Fortsetzung der Förderung entschied. Betroffen war die konzertante Aufführung von Richard Wagners Götterdämmerung, die historisch erklingen wird, ganz wie zu Wagners Zeiten, alles auf Basis ganz neuer Forschungsergebnisse als Bestandteil der Produktion. „Ich muss 100 freiberufliche Orchestermusiker bezahlen, 25 Sänger, die Saalmiete“, sagt Vogler.
Sponsoren sind sehr unterschiedlich
Doch stand plötzlich alles auf der Kippe. Er erinnerte sich an David Packard, Mitgründer des Technologiekonzerns Hewlett-Packard, kurz HP, den er einst kennengelernt hatte. Er ist als Unterstützer von Wissenschaft und Forschung bekannt. Packard hat nicht viel mit Dresden zu tun und auch nicht unbedingt mit Wagner, aber offenbar ein tiefes Vertrauen, dass das Projekt die Wagner-Forschung ein gutes Stück weiter bringen würde. Genau am 24. Dezember gingen zwei Millionen Dollar auf dem Konto der Stadt Dresden ein, zweckgebunden.
Man fragt sich, was für großzügige Sponsoren wie Packard dabei herausspringt. „Sponsoren sind sehr unterschiedlich. Viele Firmen wollen ihren Namen mit einem Projekt verbunden wissen“, sagt Vogler. Der Ostsächsischen Sparkasse etwa, einer langjährigen Partnerin der Festspiele, ginge es darum, Dresdner Kultur für den Bürger sichtbar zu fördern. Für andere wie Packard stünde die Qualität des Projekts, seine Veränderungswirkung oder das, was bleibt, im Vordergrund. So versucht Vogler stets, die Ziele seiner potentiellen Sponsoren erspüren. „Er ist ungemein hartnäckig, gibt sich, wenn er Geld braucht, mit einer Absage nicht zufrieden, fragt mehrfach an, immer wieder mit neuen Varianten eines Vorhabens, bis es auch für seine Geldgeber passt“, sagt de Maizière. Denn ohne die geht schließlich gar nichts in der Kunst, vor allem dann nicht, wenn Kunst nicht ausschließlich unterhalten soll. Doch Vogler bleibt auch Künstler, ein zutiefst ernsthafter, wenig auf die eigene Show bedacht. Zu seinem Debüt in der Carnegie Hall stieg er in die New Yorker U-Bahn, das Cello geschultert.
Sein aktueller Vertrag mit der Stadt Dresden läuft in diesem Jahr aus. Dass sie ihn dort noch fünf weitere Jahre behalten wollen, muss hier kein Geheimnis bleiben. Ob sich der umtriebige Cellist und Musikmanager wieder darauf einlässt? Er kennt die Szene, die Behörden, vor allem die Menschen. Er kennt sein Publikum, weiß, wie viel kreative Energie die Stadt beherbergt. Und er weiß auch, dass ihm dieser Job immer noch die Zeit lässt, täglich Cello zu üben, mit seiner Musik ganz für sich zu sein. „Ohne das ginge es nicht“, sagt er noch. „Neue Ideen für meine Arbeit als künstlerischer und auch geschäftsführender Intendant kommen mir eigentlich immer nur beim Cello spielen.“