Jahrelang galt Griechenland als kranker Mann Europas. Während der Euro-Krise rang der gesamte Kontinent darum, das hoch verschuldete Land in der Währungsunion zu halten. Heute zeigt sich, dass die Anstrengungen nicht umsonst waren. Mittlerweile kann Griechenland auf überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, eine sinkende Staatsverschuldung und niedrigere Arbeitslosenzahlen als noch vor einigen Jahren verweisen. Im Gegenzug rutscht Deutschland, der einstige Wachstumsmotor des Kontinents, immer tiefer in die Krise. Die Wirtschaft stagniert seit Jahren, eine Erholung lässt auf sich warten. Die Vorzeichen haben sich gewendet. Deshalb lohnt heute ein Blick nach Griechenland.

Was Deutschland angesichts seiner seit Jahren schwächelnden Wirtschaft von Griechenland lernen kann, wurde bei der diesjährigen Karlspreis-Verleihung in Aachen deutlich. Als Festredner traten dort neben Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auch Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis auf. Die Auszeichnung selbst erhielt der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi. Er versprach auf dem Höhepunkt der Eurokrise, dass man tun werde, „whatever it takes“ – was immer nötig ist – um die gemeinsame Währung zu sichern.

In der Euro-Krise glaubten viele nicht daran, dass Griechenland reformfähig ist. Aktuelle Zahlen belegen allerdings das Gegenteil: Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt des Landes um mehr als zwei Prozent, die Prognose für dieses Jahr fällt nur geringfügig schwächer aus. Wie Griechenland das geschafft hat? Unter anderem mit Haushaltskürzungen, Strukturreformen bei der Rente und einer Digitalisierung der Verwaltung.

Auch Kanzler Merz sagte in Richtung des griechischen Ministerpräsidenten, dass die Reformen „hart, aber richtig“ gewesen seien. Die Anstrengungen hätten sich gelohnt. Doch während Griechenland unter enormem Druck harte Strukturreformen durchsetzte, ringt Deutschland trotz deutlich besserer Ausgangslage oft schon bei kleineren Reformprojekten jahrelang um Kompromisse.

Um die innenpolitischen Herausforderungen ging es in Aachen nicht. Stattdessen mahnten die Redner europäische Reformen an, die es ebenso braucht. Merz sprach sich für eine „grundlegende Modernisierung“ des EU-Haushalts aus, Preisträger Draghi warb für Reformen zur Schaffung eines wirklich integrierten Wirtschaftsraums. Der Tenor: Je mehr sich Europa reformiere, desto weniger müsse es sich in Schulden stürzen. Das Beispiel Griechenland zeigt: Reformen können politische Zumutungen sein – aber wirtschaftlich wirken. Für Europa und insbesondere für Deutschland ist das gerade jetzt eine wichtige Erkenntnis.