„Polizei Esslingen, komm eins gegen eins oder eins gegen fünf. Fünf von euch gegen mich alleine, komm!“, ruft der muskelbepackte Mann vor Esslingens Polizeirevier und beginnt, schnelle Faustschläge in die Luft zu zimmern. Er dreht sich zur Kamera – der Mann mit dem hautengen Oberteil und langem schwarzen Bart hat einen Livestream gestartet, im Anschluss kursieren Videos zu dem Vorfall im Netz. Tausende Menschen sehen, wie er einen Esslinger Beamten anbrüllt.
Bei dem Mann vor dem Revier handelt es sich um Fethullah K., bei manchen besser bekannt als Influencer und Kampfsportler unter dem Namen Vitamin114. „Dich nehme ich nicht ernst“, sagt er zu dem Polizisten, der schließlich zu Fethullah K. spricht, um ihm einen Platzverweis zu erteilen. Die Antwort: „Ich scheiß auf den Platzverweis. Ich scheiß auf was du sagt.“ Dann geht der aufgebrachte Kampfsportler, dem auf Tiktok rund 100 000 Accounts folgen.
Mehrere Zwischenfälle in Esslingen
Nachfrage beim auch für Esslingen zuständigen Polizeipräsidium Reutlingen. Was war da los? Bei einer Verkehrskontrolle am Karfreitag sei den Beamten der fehlende Versicherungsschutz für Fethullah K.s Auto – ein Mercedes SUV – aufgefallen. „Nach derzeitigem Stand werden deswegen sowie wegen des unberechtigten Filmens der eingesetzten Polizeibeamten im Rahmen der Kontrolle Anzeigen bei der zuständigen Staatsanwaltschaft vorgelegt.“ Es ist nicht die erste Begegnung, die Esslinger Polizisten mit dem Kampfsportler haben. Der sieht inzwischen ein, dass er in einzelnen Momenten „ruhiger hätte reagieren müssen“, wie er gegenüber unserer Zeitung sagt.
@die.besten.tiktok7 #foryoupage❤️❤️ #tiktoksportlich #viralvideos #bitteviral #foryoupagе ♬ الصوت الأصلي – Amir alhmadi
Vitamin114 verhöhnt Esslinger Polizisten
Einige Wochen zuvor auf einem Esslinger Spielplatz: Fethullah K. spielt nach eigenen Angaben mit seinen und anderen Kindern – erneut überträgt er live ins Netz. Bei der Polizei meldet sich eine nicht näher benannte Zeugin, „dass sich ein Mann auf dem Spielplatz aufhalte und hierbei Kinder ansprechen sowie filmen soll“, teilt die Polizei auf Nachfrage mit. Die Beamten rücken aus. Was folgt, sind skurrile Szenen.
Mehrere Polizisten versammeln sich an dem gut besuchten Spielplatz, erneut ignoriert Fethullah K. den ausgesprochenen Platzverweis. Er rennt zu einem Spielplatzturm und klettert hinauf. Auf dem Platz sind rund ein dutzend Kinder unterwegs. Er ruft hinunter: „Kinder, wollt ihr, dass ich gehe?“ Gebrüll von unten: „Nein!“ Fethullah K.: „Soll die Polizei gehen?“ Einige rufen: „Ja!“ Der Influencer wendet sich an die Beamten: „Also, was macht ihr noch hier?“ Minutenlang folgen Geschrei und Vorwürfe vor Tausenden von Zuschauern. Live im Stream befragt der Kampfsportler zwei offenbar fremde Mütter vor Ort, auch die sagen, sie hätten kein Problem mit ihm.
„Der Mann leistete den Weisungen der Polizeibeamten vor Ort keine Folge und filmte beziehungsweise streamte den Polizeieinsatz live im Internet. Hierbei beleidigte er unter anderem auch die eingesetzten Polizeikräfte“, erklärt die Polizei. Den Influencer, der inzwischen den Dialog mit den Beamten gesucht hat, erwarteten Anzeigen wegen Beleidigung und Missachtung der ausgesprochenen Platzverweise.
Auch auf den Stufen der Esslinger Burg hatte Vitamin114 bereits eine verbale Auseinandersetzung mit einem Passanten. Foto: Roberto Bulgrin Esslinger Influencer äußert sich zu den Einsätzen
Die Vorfälle häufen sich. Bei einem anderen Polizeieinsatz in Esslingen mit Vitamin114 im Mittelpunkt handelte es sich laut den Beamten um „innerfamiliäre Streitigkeiten“, immer wieder greift der Influencer seine nach eigenen Angaben Ex-Frau in seinen Videos verbal an. Ein Beobachter schreibt in den Sozialen Medien: „Was ist in Esslingen los? Die Polizei wird vor 10 000 Tiktok-Zuschauern von einem Mann der Lächerlichkeit preisgegeben, beleidigt und in den Dreck gezogen.“
Wir treten mit Vitamin114 in Kontakt. Wie erklärt er sein Verhalten? „Die letzten Jahre waren für mich persönlich eine sehr schwierige Zeit. Ich habe meinen Sohn verloren, meine Ehe ist zerbrochen, und gleichzeitig stand ich durch meine Präsenz auf Tiktok im Fokus von Angriffen und Falschmeldungen“, schreibt uns Fethullah K. Deshalb sei es „wiederholt zu Missverständnissen“ und „emotionalen Reaktionen“ gekommen. „Rückblickend war ich in dieser Phase oft überfordert.“ Ein Teil der Polizeieinsätze beruhe auf Situationen, „die sich im Nachhinein relativiert haben. Gleichzeitig gab es Momente, in denen ich selbst anders hätte reagieren müssen.“
Fethullah K. wirft Polizei Rassismus vor
Vor der Polizei und ihrer Arbeit habe er Respekt. In den von ihm selbst live ins Netz übertragenen Zusammenstößen mit den Beamten sei er „unter erheblichem emotionalem Druck“ gestanden. „Wenn man mehrfach durchsucht wird oder sich nicht verstanden fühlt, reagiert man manchmal unüberlegt.“ In seinen Liveübertragungen warf Vitamin114 einigen Beamten allerdings auch Schikane und Rassismus vor.
Das zuständige Polizeipräsidium Reutlingen erklärt, dass die Beamten nur dann tätig werden, wenn man sie ruft, oder, wenn sie selbst Gefahren oder Störungen bemerken – etwa im Falle des fehlenden Versicherungsschutzes von Fethullah K.s Auto. „Bei letzterem handelt es sich um eine Straftat, zu deren Verfolgung wir per Gesetz verpflichtet sind, weshalb wir die Vorwürfe der Schikane oder des Rassismus entschieden zurückweisen.“
Nicht nur die Polizei, auch die Stadt Esslingen hatte bereits Kontakt mit Vitamin114. Auf einem Friedhof der Stadt filmte sich der Kampfsportler und sprach unter anderem über den muslimischen Glauben. Problem: Es ist nicht erlaubt, Aufnahmen, die auf städtischen Friedhöfen gemacht wurden, zu verbreiten. In den Sozialen Medien wurde die Verwaltung darauf hingewiesen – „in der Folge haben wir ihn kontaktiert und ihn auf unsere Friedhofssatzung hingewiesen“, heißt es auf Anfrage.
Bürgermeister Yalcin Bayraktar folgt Vitamin114 auf Instagram
Ob es abgesehen dieses Vorfalls weitere Berührungspunkte mit Fethullah K. gab, lässt die Stadt unbeantwortet. Dass Vitamin114 aber kein gänzlich Unbekannter zu sein scheint, zeigt folgende Verbindung. Auf Instagram hat der Kampfsportler rund 20 000 Follower. Einer davon ist Esslingens Bürgermeister Yalcin Bayraktar.
Nachfrage: Sind ihm die sich häufenden Ausfälle von Fethullah K. bekannt? „Als Bürgermeister für Sicherheit und Ordnung unserer Stadt ist es meine Aufgabe, die Entwicklungen im öffentlichen Leben aufmerksam zu verfolgen. Dass ich diesem Account folge, ist vor diesem Hintergrund kein Ausdruck persönlicher Unterstützung, sondern dient der Information“, teilt Bayraktar mit und weiter:
„Gerade in Situationen, in denen die öffentliche Ordnung betroffen ist, halte ich es für unerlässlich, relevante Inhalte und Entwicklungen nachvollziehen zu können, um diese angemessen einordnen und – wenn erforderlich – darauf reagieren zu können.“ Ist es erforderlich, in diesem Fall zu reagieren? „Auf Grundlage der aktuellen Erkenntnisse“ sieht die Stadtverwaltung keinen konkreten Handlungsbedarf. „Unabhängig davon wird die Entwicklung weiterhin aufmerksam beobachtet.“
Fethullah K. selbst sagt auf Anfrage unserer Redaktion: „Ich habe bereits aktiv Kontakt zur Polizei aufgenommen […] Dabei ging es darum, zukünftige Konflikte zu vermeiden und den Umgang miteinander zu verbessern. Beiderseits besteht kein Interesse an Konflikten oder Eskalationen.“ Der Influencer arbeite daran, „dass sich solche Situationen nicht wiederholen.“