Everswinkel (gl) – Fruchtfolge nennt man in der Landwirtschaft die zeitliche Abfolge der auf dem Acker angebauten Nutzpflanzenarten im Ablauf von Vegetationsperiode und Jahren. Sie soll die Bodenfruchtbarkeit erhalten und ist unverzichtbarer Bestandteil modernen Agrarmanagements. Christian und Dörte Püning haben auf ihrem Hof in Everswinkel die Felderwirtschaft auf eine neue Ebene gehoben, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Weihnachtsbäume sind Haupteinnahmequelle

Auf einer Höhe von 2,90 Metern über der Krume ernten sie künftig Strom, mit saisonalen Schwankungen, aber ganzjährig. Eine Etage tiefer wächst die stark saisonal abhängige Haupteinnahmequelle des Hofs: Weihnachtsbäume.

Bis unter der neuen Agri-PV-Anlage die ersten Weihnachtsbäume „geerntet“ werde können, wird es einige Jahre dauern. Das Schild stammt noch aus der vorigen Adventszeit

Der traditionsreiche Familienbetrieb hat in eine in Deutschland bislang einmalige Photovoltaik-Anlage und damit in die Zukunft investiert. Auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern sind auf einem Feld direkt am Hof PV-Elemente aufgeständert worden mit einer installierten Leistung von 2,2 Megawatt.

Strom für 800 Haushalte

Übers Jahr gerechnet, kann die Anlage bis zu 800 Haushalte mit regenerativ erzeugtem Strom versorgen. Noch ist sie nicht am Netz, doch in Kürze soll der Trafo geliefert werden, und dann kann der Netzbetreiber Westnetz auch den Anschluss herstellen. „Technisch ist alles vorbereitet, das Kabel liegt, und dann kann es losgehen“, sagt Christian Püning.

Für den 48 Jahre alten Landwirt und seine Frau Dörte (41) ist die Investition in die Agri-PV-Anlage eine Investition in die Zukunft ihres Hofs, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Das Familienunternehmen in der Bauerschaft, die nach dem Hof benannt ist, hat sich seit rund 40 Jahren spezialisiert auf die Aufzucht und den Verkauf von Weihnachtsbäumen.

Echte Event-Location

Zudem hat sich der Betrieb als Event-Location einen Namen gemacht – und das nicht nur in der Adventszeit, wenn Tausende Familien aus der ganzen Region dort ihre Christbäume holen und sogar zumeist selbst schlagen und gleichzeitig einen erlebnisreichen Tag verleben. „Wir haben hier übers ganze Jahr beinahe täglich Kindergruppen zu Besuch, ob Geburtstagsfeiern oder Kita-Ausflüge“, sagt Dörte Püning.

Wenn demnächst zusätzlich Sonnen-Strom geerntet wird, dann spricht das Paar aus landwirtschaftlicher Sicht von einer „Triple-Win-Situation“: Erstens wird „grüner“ Strom produziert, zweitens wird das zwei Hektar große Feld auf zwei Etagen quasi doppelt genutzt, und drittens dürften die darunter wachsenden Nadelbäume von der Teil-Überdachung profitieren.

Schutz unter PV-Anlage

Dreijährig eingepflanzt, wachsen sie, bis sie in sieben bis zehn Jahren das wohnzimmertaugliche Format eines Weihnachtsbaums von um die zwei Metern Höhe erreicht haben werden, relativ geschützt auf: weniger Sonnenbrand, mehr Schutz vor Frost und trotzdem ordentliche natürliche Wässerung. „Gerade die Eisheiligen Mitte Mai können die jungen Triebe schädigen. Da helfen schon ein paar zehntel Grad mehr“, erläutert Dörte Püning den erwarteten Neben-Effekt für das Pflanzenwachstum.

Damit auf Pünings Solarfeld unten alles gut wächst und oben eine möglichst reiche Ernte an Strom eingefahren werden kann, sind die PV-Elemente nicht starr installiert, sondern beweglich.

Platten drehen sich in die Sonne

Je nach Sonnenstand drehen sich die Platten für den optimalen Einfallswinkel der Strahlen im Verlauf des Tages von Ost über Süd nach West, gesteuert auf Basis der Wetterdaten und mit Künstlicher Intelligenz (KI). „Und falls es mal Sturm geben sollte, stellen sich die Module waagerecht, um weniger Windangriffsfläche zu bieten“, erläutert Dörte Püning die Technik. „In dieser Form ist unsere Anlage ein bislang einmaliges Pilotprojekt“, sagt Christian Püning.

Immer optimal nach dem Sonnenstand ausgerichtet werden die Solarmodule dank KI-gestützter und wetterdatenabhängiger Steuerung.

Seit rund zwei Jahren laufen die Planungen. „Da haben wir viel Zeit und Herzblut investiert“, ergänzt Dörte. Es sei nicht einfach gewesen, Fachfirmen herauszufinden, die das bauen konnten. Die Solartechnik habe eine Firma aus dem Kreis Borken installiert, für den stabilen Unterbau der Aufständerung sei eine Firma aus Süddeutschland beauftragt worden. Die längste Lieferzeit von 60 Wochen habe der Trafo gehabt. Dagegen sei die Bearbeitung des Bauantrags durch die Kreisverwaltung in Warendorf zügig und problemlos erfolgt.

Genehmigungsverfahren erleichtert

Allerdings haben nicht nur die Bediensteten des Landrats gut gearbeitet, sondern der Gesetzgeber hat ihnen auch das Genehmigungsverfahren deutlich erleichtert.

Denn im Gegensatz zu Freiflächen-PV-Anlagen ohne Fruchtanbau darunter sind Agri-PV-Anlagen, bei denen mindestens zwei Drittel des bisherigen landwirtschaftlichen Ertrags der überbauten Fläche als gesichert gilt, sogenannte privilegierte Bauvorhaben im Außenbereich und damit per Bauantrag, aber ohne formale Bauleitplanänderung genehmigungsfähig.

Kalkulation wie normaler wirtschaftsbetrieb

Für die Investition und den Betrieb der Anlage haben die Pünings gemeinsam mit einem dritten Partner eine eigene Firma (GbR) gegründet. Außer einem Innovationszuschuss zur Investition gibt es keine öffentliche Förderung, auch nicht durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für den Verkauf des erzeugten Stroms.

„Was die Kosten- und Ertragsseite angeht, kalkulieren wir wie ein ganz normaler Wirtschaftsbetrieb. Ohne Risiko ist nichts. Wichtig war uns, einen langfristigen Liefervertrag mit einem Abnehmer abzuschließen“, erläutert Christian Püning. Und bis wann rechnen die Pünings, kann sich ihre Investition amortisiert haben? „Das hängt von der Sonne und der Entwicklung der Strompreise ab“, sagt der Hofeigentümer und lacht: „Aber so etwas hat auch mit der eigenen Einstellung zu tun. Ob man hinter der Energiewende zu den Regenerativen steht oder nicht. Wenn ja, dann: wagen und machen.“

Texte und Fotos von die-glocke.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.