Kurz nach dem zweiten Redebeitrag platzt es aus dem Himmel heraus. Erst regnet es in Strömen, dann kommt Hagel dazu. Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor gehen die Schirme auf. Vom wechselhaften Wetter wollen sich viele hier nicht beeindrucken lassen. Stattdessen wollen sie ein Zeichen setzen.

Bei der Kundgebung „Männer gegen Gewalt“ protestierten am Donnerstag zum Vatertag Tausende gegen männliche und sexualisierte Gewalt. Unter dem Motto „Solidarität mit Frauen statt Alkohol und Bollerwagen“ hatte die Initiative „MännerGegenGewalt“ zur Demonstration aufgerufen – in Hamburg und Berlin. 1000 Teilnehmende waren vor dem Brandenburger Tor angekündigt. Gekommen waren schätzungsweise sogar mehr – trotz des Wetters.

Zwei davon sind Tino und Eva. Die beiden sind verheiratet. Noch bevor die Regenwolken aufziehen, haben sie sich mit Transparenten auf dem Pariser Platz eingefunden. „Nur Täter schützen Täter“ steht auf dem Plakat von Tino. „Wir lieben softe Männers“ auf dem von Eva.

Tino und Eva bei der Kundgebung „Männer gegen Gewalt“. Ihnen sei wichtig, dass sich auch Männer zu dem Protest bekennen, sagen sie.

Tino und Eva bei der Kundgebung „Männer gegen Gewalt“. Ihnen sei wichtig, dass sich auch Männer zu dem Protest bekennen, sagen sie.
© BM | Leonard Laurig

Hat sie ihren Ehemann mit zu der Demo am Brandenburger Tor geschleppt? „Nein“, sagt Eva. „Eigentlich war es andersrum.“ Tino sei es wichtig gewesen, Flagge zu zeigen. „Frauen tun schon viel, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen“, sagt er. „Männer meiner Meinung nach noch nicht genug.“ Er fordere deshalb, „dass politisch endlich etwas passiert, um Täter bei sexualisierter Gewalt zur Rechenschaft zu ziehen“. Der Fall um Collien Fernandes sei bestes Beispiel dafür, dass das nötig sei.

Tatsächlich war die Initiative „MännerGegenGewalt“ nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe von Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen entstanden. Im März dieses Jahres hatte die Schauspielerin ihm „virtuelle Vergewaltigung“ vorgeworfen. Er soll in ihrem Namen Fake-Profile im Internet erstellt und damit Männer in ihrem Namen angeschrieben haben. Ulmen bestreitet die Vorwürfe.

„Feministischer Großprotest“ als Folge des Falls Fernandes

Die Initiative sei nach eigenen Angaben unter dem Eindruck entstanden, „dass Männer in der öffentlichen Debatte und im Protest gegen sexualisierte Gewalt bislang häufig zu wenig sichtbar sind“. Deswegen habe man sich ganz bewusst den Vatertag beziehungsweise Herrentag ausgesucht, um bei einem sogenannten „feministischen Großprotest“ auf dieses Problem aufmerksam zu machen.

Männer müssten endlich Verantwortung übernehmen, hieß es in der Ankündigung. Und weiter: „Statt den Herrentag mit Alkohol und sexualisierter Belästigung zu feiern, setzen wir gemeinsam ein Zeichen für Solidarität mit FLINTA*.“ Das Wort „Flinta“ steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre und transgender Personen.

Männer-Demo gegen sexualisierte Gewalt

Trotz wechselhaftem Wetter demonstrierten am Mittwoch Tausende gegen Gewalt an Frauen.
© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Zwei, die diesem Aufruf gefolgt sind, sind Heiko Schaller und Gideon März. Auch sie haben sich noch vor Beginn des Regens vor dem Brandenburger Tor versammelt. Schaller trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Smash the Patriarchy“, also „zerschlagt das Patriarchat“. Es sei wichtig, Gesicht zu zeigen, sagt er. „Gegen männliche Gewalt und toxische Männlichkeit.“ Das sei ein „wichtiges Signal“, findet auch März. Vor allem an diesem Tag.

Kritik am „ritualisierten Betrinken“ zum Vatertag

Schaller sagt, auch er sei früher zum Vatertag schon mal mit dem Bollerwagen umhergezogen. „Aber das ist lange her.“ Damals sei er jung und weniger reflektiert gewesen. Aber was haben Biertrinken und Bollerwagen eigentlich mit sexualisierter Gewalt zu tun? Und impliziert das nicht, dass von allen Männern mit Bollerwagen am Vatertag Gewalt ausgeht?

„Nein“, findet Schaller. Das werde damit nicht impliziert. Vielmehr gehe es ihm darum, das „ritualisierte Betrinken als klassisches Symbol von Männerbünden“ kritisch zu hinterfragen und „toxische Handlungsmuster“ aufzuzeigen. „Daher passt die Demonstration an diesem Tag ganz gut als Kontrapunkt zu der Art und Weise, wie der Vatertag sonst zelebriert wird“, findet Schaller.

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Unterstützt wurde die Demonstration von der Initiative „Nur Ja heißt Ja“. Diese fordert, das Sexualstrafrecht anzupassen und damit eine rechtlich verbindliche Definition von Vergewaltigung ins Gesetz aufzunehmen. Demnach würden sexuelle Handlungen nur dann als einvernehmlich gelten, wenn beide Seiten aktiv zustimmen. In zahlreichen Ländern Europas gilt diese Regelung bereits.

Außerdem forderte die Initiative mit der Demonstration die Schließung von Gesetzeslücken etwa bei sexualisierten Deepfakes oder voyeuristischen Aufnahmen. Sowie verpflichtende Fortbildungen für Polizei und Justiz. Und mehr Mittel für Frauenhäuser, Präventionsarbeit und Betroffenenhilfe.