Es ist 12 Uhr mittags an diesem Herrentag, als die dichte Wolkendecke über Berlin zum ersten Mal aufreißt. Sonnenstrahlen fallen auf den Treptower Park und spiegeln sich in den Pfützen auf dem Asphalt. Der Dauerregen des Vormittags hat viele Ausflugs-Pläne buchstäblich ins Wasser fallen lassen – wo der Park an Christi Himmelfahrt bei schönem Wetter aus allen Nähten platzt, rattern diesmal nur vereinzelt die Vollgummireifen schwer beladener Bollerwagen über die Wege. Das Wetter bleibt ein Geduldspiel: Immer wieder treiben kurze, heftige Schauer die Ausflügler schutzsuchend unter die Bäume.
Am S-Bahnhof, direkt am Parkeingang, hat sich eine Gruppe von etwa zwanzig jungen Menschen um einen Stapel Bierkästen versammelt. Bollerwagen? Fehlanzeige. Man rüstet sich für ein Rennen. Die Route führt an der Insel der Jugend vorbei, hinüber nach Köpenick und zurück zum S-Bahnhof. Die Regel ist simpel: Bis zur Ziellinie müssen die Kästen mitgeschleppt und leergetrunken sein.
Wenig später müht sich ein Team aus vier jungen Frauen mit ihrem Kasten ab. Ob ein Wagen jetzt nicht praktischer wäre? „Ne, das ist doch grade der Punkt“, sagt eine. Sie feierten den Herrentag „ironisch“. Warum ironisch? „Es sind nicht alle, die Bollerwagen fahren, Sexisten“, erklärt eine von ihnen, „aber bei vielen ist schon dieses Männlichkeitsbild: Saufen, rumgrölen, und oft schwingt da auch eine gewisse Frauenfeindlichkeit mit. Aber wir lassen uns das Bier nicht wegnehmen.“

Herrentag auf ironisch: Hier mit Kastenschleppen statt Bollerwagen.
© Thomas Meyer/OSTKREUZ
„Die Küchentür ist heute abgesperrt“
Der Bollerwagen als Symbol rückständiger Männlichkeit? Ein paar Meter weiter zieht eine Gruppe Anfang Zwanzigjähriger mit Caps und durchweichten Sneakers vorbei. Die jungen Männer haben ihn dabei, den obligatorischen Bollerwagen. Ein praktisches Faltmodell aus Stoff. Darin klirren Flaschenhälse aneinander, Bässe dröhnen aus einer Musikbox, daneben liegen in Alufolie gewickelte Mettbrötchen.
„Wir laufen hier vom Treptower Park bis nach Marzahn-Hellersdorf“, erzählt einer. Am Morgen seien sie mit der Bahn angereist, jetzt stehe ein Fußmarsch von fünf, sechs Stunden an. Saufen, essen, eine gute Zeit haben. Dass heute keine Frauen dabei sind, sei aber keine Absicht. Und der Wagen? „Der ist einfach praktisch.“
Wenig später treffen wir eine Gruppe von Männern, deren Bollerwagen lückenlos mit Hertha-Stickern beklebt ist. Fünf der Männer sind Anfang zwanzig, einer ist etwas älter – wie sich herausstellt, der Vater im leuchtend blauen Hertha-Trainingsanzug. Seit fünf Jahren verbringe er den Herrentag nun schon so mit seinem Sohn. In dieser Gruppe ist der Alkoholpegel bereits merklich höher. Festes Essen hat man hier nicht dabei, „das senkt den Pegel zu sehr“. Ob sie sich auch vorstellen könnten, heute mit Frauen unterwegs zu sein? „Die Küchentür ist heute abgesperrt!“, ruft einer. Lautes Gejohle in der Gruppe. Es heiße schließlich „Herrentag“, an einem Tag im Jahr wolle man seine Ruhe haben. Es wird gelacht, gerufen, und ein Fangesang angestimmt.
Ähnlich, wenn auch nicht mit ganz so drastischen Worten, sieht das eine Gruppe von Heizungstechnikern, deren selbsterklärtes Ziel es heute ist, „die Muttersprache zu verlernen“. Ohne Frauen gehe das mit dem Saufen einfach besser. Einer der drei wird bald Vater einer Tochter. Er wolle heute, so sagt er und nimmt einen Schluck aus der Flasche, noch ein letztes Mal die Freiheit genießen.

Mit Bollerwagen sind an diesem Tag nur Männer unterwegs.
© Thomas Meyer/OSTKREUZ
Besonders in der DDR war der Herrentag beliebt
Eigentlich feiern Christen an Christi Himmelfahrt die Rückkehr Jesu zu Gott. Dass ausgerechnet dieser religiöse Feiertag zum Synonym für kollektives Betrinken wurde, geht aber bereits auf das 19. Jahrhundert zurück. In und um Berlin veranstalteten Männer damals sogenannte Schinkenpartien: Sie zogen mit Handwagen ins Umland, tranken Bier und aßen Fleisch. Es war die Geburtsstunde des Herrentags.
Parallel dazu etablierte sich der Begriff des Vatertags – allerdings aus kommerziellen Gründen. Die Idee stammte ursprünglich aus den USA und sollte das männliche Gegenstück zum Muttertag bilden. In Deutschland witterte die Bekleidungsindustrie in den dreißiger Jahren ein Geschäft: Herrenausstatter bewarben das Konzept gezielt, um den Umsatz anzukurbeln, bis es schließlich untrennbar mit dem Himmelfahrtsdatum verschmolz.
Während der Vatertag im Westen kommerziell aufgeladen blieb, ging die DDR einen eigenen Weg. Die Regierung schaffte Christi Himmelfahrt 1967 als gesetzlichen Feiertag ab. Doch die Männer hielten an ihrem Ausflug fest, nahmen sich Urlaub oder trafen sich nach der Schicht. Mit Religion oder Vaterschaft hatte das weniger zu tun. Es ging um eine kleine Flucht aus dem reglementierten Alltag, raus aus der miefigen Stadt und rein in die Natur. Fahrräder, Handwagen und das Trinken im Kollektiv zementierten sich als weltliches Ritual – eine ostdeutsche Herrentags-Tradition, die die Feiern in Berlin und Brandenburg bis heute prägt.
Alkoholfreies Bier und Klapprad statt Bollerwagen
Der Nachmittag schreitet voran. Einzelne Gruppen haben sich auf den Wiesen zusammengeschlossen, leere Bierflaschen fliegen scheppernd beim Flunkyball über den Rasen. Viele Runden sind gemischt, auch wenn die Männer in der Überzahl bleiben. Wo jedoch der Bollerwagen durch Pfützen gezogen wird, bleiben in dieser nicht repräsentativen Stichprobe junge Männergruppen unter sich. Die Stimmung: ausgelassen, gut, friedlich.
Auf der Insel der Jugend pflegt man derweil einen weitaus nüchterneren Ansatz. Fünf Männer um die fünfzig lehnen entspannt an ihren Klapprädern. In den Händen halten sie grüne Flaschen mit alkoholfreiem Bier. Man hat sich in Schale geworfen: Einer trägt Tarnjacke, ein anderer, Boris, sticht in glänzendem lila Hemd und schwarzer Handwerkerkluft hervor. „An einem Feiertag muss man sich doch hübsch machen.“
Auf die Bollerwagen-Fraktionen blicken sie mit einer Mischung aus Nostalgie und Distanz. Alle stammen aus dem Osten Berlins, aus Pankow und Schöneweide. „In meiner Jugend sind viele fassweise Bier in den Spreewald gefahren und haben sich in der prallen Sonne volllaufen lassen“, erinnert sich einer der Männer. Das Gegröle sei früher aber rauer gewesen.
Dass junge Frauen vom betrunkenen Machogehabe genervt sind, wundert hier niemanden. Boris zeigt das Foto von einem Zettel, der einmal an Himmelfahrt im Treptower Park an einem Baum hing. Eine ironische Bilanz des Herrentags: „Betrunken, hilflos, gewalttätig.“ Ein Befund, der für Kritiker den Kern des Problems trifft.

Boris: „An einem Feiertag muss man sich hübsch machen.“
© Thomas Meyer/OSTKREUZ
Am Brandenburger Tor wird gegen Männergewalt demonstriert
Dass hinter diesem Befund mehr steckt, zeigt sich ein paar Kilometer weiter westlich. Während im Park die Sonne langsam gegen die Schauer gewinnt, stehen am Brandenburger Tor Hunderte Menschen auf nassem Pflaster. Initiativen, die sich explizit an Männer richten, protestieren unter dem Motto „Männer gegen Gewalt“ gegen häusliche und sexualisierte Übergriffe auf Frauen. Taten, deren Zahl an Feiertagen traditionell sprunghaft ansteigt.
Der Vatertag dürfe nicht länger mit Exzess und übergriffigem Verhalten assoziiert werden, lautet die Botschaft. Tropfen rinnen über Transparente mit Sätzen wie „Es reicht nicht mehr aus, kein Täter zu sein“ oder „Neue Männer braucht das Land“. Die Forderung: Männer müssen lauter werden und Verantwortung übernehmen, wenn andere Grenzen überschreiten. Männlichkeit als Solidarität, nicht als Freifahrtschein.
Zurück im Treptower Park. Das Wetter ist schön geworden, das Licht fällt weich auf die Wege. Eine Gruppe Frauen um die vierzig spaziert dem Parkausgang entgegen. Sie feiern heute keinen Herrentag, sondern einen Geburtstag. Die vorbeiziehenden Männer-Gruppen stören sie nicht. Ihre eigenen Männer müssen heute aber zu Hause die Kinder hüten. „So sollte das auch sein am Vatertag“, sagt eine von ihnen bestimmt und lacht. „Und wenn du deinen Job als Vater gut machst, darfst du von mir aus auch mal mit deinem Bollerwagen fahren. Wenn dir das so viel Spaß macht.“
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