Als ich Mitte der Neunzigerjahre als junge französische Erasmus-Studentin an die Humboldt-Universität nach Berlin kam, bedeutete die deutsche Universität für mich weit mehr als nur einen Ort des Studiums. Sie war ein Versprechen. Für viele Germanisten und Kunsthistoriker meiner Generation in Frankreich wirkten die deutschen Universitäten damals freier, durchlässiger und intellektuell aufregender als die stark verschulten französischen Fakultäten, auf die wir an den Grandes Écoles ausgesprochen herablassend blickten.
Ich kam ursprünglich für ein Austauschjahr nach Berlin. Geblieben bin ich bis heute. Seit mehr als dreißig Jahren lebe ich in dieser Stadt, seit dreiundzwanzig Jahren lehre und forsche ich an der Technischen Universität Berlin. Dort habe ich Generationen von Studierenden begleitet. Viele ehemalige Mitglieder meines Teams arbeiten heute an Universitäten, Museen und Forschungseinrichtungen in Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten. Was in Seminarräumen der TU begann, setzt sich heute in Institutionen auf der ganzen Welt fort. Universitäten produzieren nicht nur Abschlüsse. Sie produzieren langfristige intellektuelle Verbindungen zwischen Ländern, Generationen und Institutionen.
Ich verdanke dieser Universität fast alles. Gerade deshalb erfüllt mich ihr Zustand mit tiefer Sorge.
Kein isoliertes Ereignis
In den vergangenen Tagen wurde bundesweit über die Schließung des Hauptgebäudes der TU Berlin berichtet, die nach einer Begehung durch Bauaufsicht und Feuerwehr am 9. Mai verfügt wurde. Brandschutzmängel, gesperrte Bereiche, improvisierter Lehrbetrieb — und inzwischen auch öffentliche Schuldzuweisungen zwischen Politik und Universität. Für Außenstehende mag das wie ein weiterer Fall von typischem Berliner Schlendrian erscheinen. Für diejenigen aber, die dort lehren, studieren oder arbeiten, ist es längst zu einer Frage der Würde geworden.
Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte der ModernePicture Alliance
Denn die Schließung des Hauptgebäudes ist kein isoliertes Ereignis. Sie markiert lediglich den Punkt, an dem etwas sichtbar geworden ist, woran sich viele längst gewöhnt hatten. Dabei betrifft dieser Verfall nicht irgendeine Infrastruktur. Mein eigenes Institutsgebäude am Ernst-Reuter-Platz wurde von Hans Scharoun entworfen, einem der großen Architekten der Berliner Nachkriegsmoderne, in einer Zeit also, in der Universitätsarchitektur noch als Ausdruck demokratischer Offenheit und gesellschaftlicher Zukunft gedacht wurde. Zu diesem Gebäude gehört auch eine wunderbare Bibliothek, die schon seit sechs Wochen geschlossen ist – bis auf Weiteres.
Besuchern von außerhalb gar nicht mehr zu erklären
Seminarräume mit verschlissenem Linoleum, in dem sich faust- bis tellergroße Löcher auftun, defekten Jalousien und regelmäßigen Heizungsproblemen im Winter. Seit Corona geschlossene studentische Cafeterien, selbst die Snackautomaten werden nicht mehr aufgefüllt. Defekte Aufzüge. Toiletten, deren Zustand Studierende seit Jahren mit Galgenhumor kommentieren und deren Geruch bisweilen durch ganze Gebäudeteile zieht. Arbeitsbedingungen, die man Besuchern von außerhalb kaum noch erklären kann und will. Wer heute an manchen deutschen Universitäten lehrt oder studiert, bewegt sich in einer Atmosphäre baulicher Verwahrlosung, die in einem Land wie Deutschland zunehmend befremdlich wirkt.
Eine Frage gesellschaftlicher Wertschätzung
Besonders befremdlich ist die Gleichzeitigkeit von wissenschaftlicher Exzellenz und baulichem Verfall. Deutsche Universitäten sind international erfolgreich, hochgradig vernetzt und in vielen Bereichen außerordentlich konkurrenzfähig. Sie gewinnen ERC Grants, werben milliardenschwere Drittmittel ein und ziehen weiterhin junge Wissenschaftler aus aller Welt an. Erst vor wenigen Wochen wurde die Berlin University Alliance erneut als Exzellenzverbund bestätigt. Umso mehr irritiert die Diskrepanz zwischen der realen wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit dieser Institutionen und dem Zustand vieler ihrer Gebäude.
Mitglieder des Bündnisses „Campus Sanieren“ demonstrieren vor dem geschlossenen Hauptgebäudes der Technische UniversitätSoeren Stache/dpa
Dabei geht es nicht um Komfort. Es geht um etwas Grundsätzlicheres.
Universitäten sind keine beliebigen Zweckbauten. Sie sind die Orte, an die eine Gesellschaft ihre Kinder schickt. In diesen Wochen begleiten wieder unzählige Familien mit berechtigter Anspannung ihre Töchter und Söhne durch Abiturprüfungen, Bewerbungen, erste Semester und Umzüge in fremde Städte. Sie tun dies in der Überzeugung, dass ihre Kinder an deutschen Universitäten eine solide Ausbildung erhalten können, die international konkurrenzfähig ist, ohne für Studiengebühren in Oxford inzwischen rund 45.000 Euro jährlich oder selbst an durchschnittlichen amerikanischen Universitäten oft noch deutlich höhere Summen aufbringen zu müssen. Ein Abschluss aus Hamburg, München, Heidelberg oder eben von der TU Berlin besitzt weiterhin hohes internationales Ansehen. Da ist es verstörend, wenn Erstsemester in Gebäuden ankommen, deren Zustand ihnen vom ersten Tag an signalisiert, dass man die Orte ihrer Ausbildung inzwischen behandelt, als könne man ihnen nahezu jede Form materieller Verwahrlosung zumuten.
Denn der Zustand öffentlicher Institutionen ist niemals nur eine technische Frage. Er sagt immer auch etwas darüber aus, welchen Wert eine Gesellschaft ihnen tatsächlich beimisst.
Seit Monaten wird in Deutschland darüber spekuliert, ob die Krise US-amerikanischer Universitäten eine historische Chance für den hiesigen Wissenschaftsstandort sein könnte. Viele Hochschulen in den Vereinigten Staaten stehen unter massivem politischen und administrativen Druck: Milliarden an Forschungsförderung wurden eingefroren oder gestrichen, internationale Mobilität erschwert, Visabedingungen verschärft, Programme in den Geistes-, Sozial-, Klima- und Gesundheitswissenschaften gezielt angegriffen. Bedroht ist jene Offenheit gegenüber der Welt, die amerikanische Universitäten zu außergewöhnlich produktiven wissenschaftlichen Zentren gemacht hat. Doch Exzellenz entsteht nicht allein durch geopolitische Verschiebungen oder globale Konkurrenz. Sie hängt auch von der Fähigkeit einer Gesellschaft ab, die materiellen und baulichen Grundlagen ihrer Universitäten – und damit ihre Denkräume – langfristig zu erhalten.
Ein Verfall, der nicht nur Gebäude beschädigt
Demokratien verteidigen ihre Universitäten nicht erst dann, wenn diese politisch angegriffen werden. Sie tun es auch, indem sie für ihre Räume Sorge tragen. Institutionen werden selten plötzlich schwach. Ihre Verwundbarkeit beginnt meist, lange bevor sie offen sichtbar wird. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Gefahr der gegenwärtigen Situation. Nicht in einzelnen kaputten Toiletten oder Löchern im Linoleum. Sondern darin, dass sich eine Gesellschaft schleichend daran gewöhnt, dass selbst jene Orte, an die Jahr für Jahr Hunderttausende junge Menschen zum Lernen, Forschen und Erwachsenwerden aufbrechen, nur noch dank persönlicher Einsatzbereitschaft, täglicher Improvisation und enormer individueller Verantwortungsübernahme funktionieren.
Noch wird diese Universität (meine TU) von vielen Menschen mit bewundernswerter Hingabe getragen: von Lehrenden, Verwaltungsmitarbeitern, technischen Teams, Studierenden und nicht zuletzt einem Kommunikationsstab, der seit Tagen unter enormem Druck versucht, einen Betrieb zusammenzuhalten, der strukturell längst an seine Grenzen geraten ist. Aber man darf daraus nicht den falschen Schluss ziehen, dass alles letztlich doch funktioniere.
Wer die Orte des Wissens verfallen lässt, beschädigt auf Dauer nicht nur Gebäude. Er beschädigt auch die Vorstellung, dass Bildung, Wissenschaft und öffentliche Institutionen zu den Dingen gehören, die eine demokratische Gesellschaft zusammenhalten und deshalb gemeinsam gepflegt und geschützt werden müssen. Gerade wir Deutschen und Europäer sollten das wissen: Eine Kultur, die ihre eigenen geistigen Räume vernachlässigt, macht sich auf Dauer anfällig.
Bénédicte Savoy ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin.