Feierabend-Trubel am Kolumbusplatz in der Münchner Au. Autos hupen, die Rolltreppe zur U-Bahn klackert monoton, ein Roller beschleunigt. Zwischen Bäumen und Straße stehen aufgereiht nebeneinander sieben Menschen – mit geschlossenen Augen. Sie lauschen dem Treiben.
„Ich fühle mich hier ständig verfolgt von Geräuschen“, sagt Martin Ulm sichtlich gestresst, nachdem er die Augen wieder geöffnet hat. Er wohnt im Viertel und lernt es heute noch einmal neu kennen. Sie wie auch Karin Müller: „Ab und zu traut sich ein Vogel zu zwitschern, aber leider zu wenig. Man will eigentlich nur weg. Flucht.“
Forschungsprojekt: CitySoundscapes
Sophia Baierl vom Lehrstuhl für Public Health an der LMU München leitet die Gruppe. Der Spaziergang ist Teil des Projekts „City Soundscapes“. Anderthalb Jahre lang untersuchen Forschende der TUM und der LMU mit 500 freiwilligen Testpersonen, wie die Geräuschkulisse in städtischen Grünflächen mit unserem Wohlbefinden zusammenhängt.
Dafür nehmen sie drei sehr unterschiedliche Münchner Stadtteile unter die Lupe: Die Gartenstadt Harlaching, die Parkstadt Neuperlach und die als typische Innenstadt bebaute Au. „Städte sind eigentlich gar nicht so gut für unsere Gesundheit. Lärm hat sehr viele negative Effekte für die Gesundheit, deswegen ist es superwichtig, Grünflächen zu fördern, die sich positiv auf unser Wohlbefinden, auf unsere Psyche auch auswirken können.“, erklärt Baierl.
Wenn Bäume zum Akustik-Vorhang werden
An festgelegten Stationen hält die Gruppe inne. Drei Minuten lang heißt es: Schweigen und Lauschen. Danach wird das Erlebte und Gehörte in einem Fragebogen festgehalten. Wie fühlen Sie sich in diesem Moment? Welche Geräusche wurden wahrgenommen?
Nur 500 Meter weiter Richtung Isar – ein Park im Viertel. Im Schatten der Bäume, ändert sich die Stimmung. „Hier ist es schon viel besser! Man merkt, dass die Bäume nicht nur die Sonne abschotten, sie wirken auch als Akustik-Vorhang“, stellt Martin fest. Zwar drängen sich Geräusche der Stadt oder ein Flugzeugt noch dazwischen, doch das Stresslevel sinkt.
Das Ziel: Eine Klangkarte für die Stadtplanung
Die Ergebnisse der Hörspaziergänge sollen bei der Stadtplanung helfen. Zusammen mit dem Referat für Klima- und Umweltschutz der Stadt München wollen die Forschenden eine Klangkarte erstellen. Ähnlich wie bei einer Lärmkarte sollen Stadtplaner künftig sehen können, welche Orte nicht nur leise, sondern angenehm klingen. Damit die Großstadt in Zukunft nicht nur grüner aussieht, sondern sich auch so anhört.
Im Isarpark dann die größte Erholung: „Hier sind die Geräusche menschengemacht – Radler, Jogger – es gibt viel zu entdecken, ich fühl mich viel wohler“, so Martins Fazit. Manchmal braucht es eben nur ein paar Schritte bis zur nächsten „Hör-Oase“.