Zum Startschuss des neuen solidarischen Nürnberger Wohnprojektes gab es keinen Spatenstich. Stattdessen regnete es bei strahlendem Sonnenschein Konfetti. Das Projekt „Regen406“, benannt nach der Hausnummer in der Regensburger Straße, geht seinen eigenen Weg zum Wohntraum.

„Zum einen ist es absurd, dass das Haus in Zeiten knappen Wohnraums seit vielen, vielen Jahren leersteht“, sagt Jana Stadler von der Projektinitiative. „Zum anderen muss bezahlbarer Wohnraum für alle geschaffen werden.“

Geht das Konzept auf, stehe das Gebäude für bezahlbare Mieten – sowohl für sie als auch für künftige Generationen.

Das Wohnprojekt vereint 17 Erwachsene, acht kleine Kinder und einen Hund, ergänzt Lorenz Herrmann, einer der Mitinitiatoren. Vor drei Jahren haben sie das riesige Objekt mit einer Fläche von rund 1.000 Quadratmetern Wohnfläche aus dem Jahr 1939 aufgespürt. Dann begannen „langwierige, aber wohlwollende Verhandlungen“ mit der Stadt Nürnberg als Eigentümerin über einen Kauf.

Am Ende lief es auf eine Erbpacht hinaus, um den 18-jährigen Leerstand zu beenden. Im Dezember 2025 kaufte die Gruppe rund um „Regen406“ das denkmalgeschützte Haus für einen Euro.

Das Mietshäuser Syndikat als Struktur gegen Wohnraumspekulation

Rechtlich gehört das Haus der Regen406 GmbH. Die Projektgruppe verwaltet sich selbst in einem Hausverein. Zusätzlich bekommt auch das Mietshäuser Syndikat aus Freiburg eine Minderheitsbeteiligung an der Immobilie. Es ist eine Art bundesweite Dachorganisation für solidarisches Wohnen und vernetzt und berät die einzelnen Projekte.

Wenn ein Projekt mal in Schieflage gerate, „können wir überbrücken“, sagt Jochen Schmidt, einer der Geschäftsführer des Mietshäuser Syndikats.

Bundesweit seien so bereits über 210 Projekte realisiert worden. „Die Menschen sind total verschieden, vom Punker bis zum Rechtsanwalt“, beschreibt Schmidt die Zielgruppe dieser alternativen Wohnform.

Weitere 20 Projekte seien derzeit im Aufbau, alle Hausvereine gegründet und Mitglied im Mietshäuser Syndikat. Dort werde ebenfalls „in einem langwierigen Prozess“ entschieden, ob sich das Syndikat finanziell beteiligt. Das dauere üblicherweise schon mal ein Jahr, nicht jedes Objekt ist so günstig zu haben, wie das von „Regen406“. Seit zwei Jahren hat das Syndikat auch eine eigene Stiftung. Dorthin können Eigentümer per Schenkung oder Testament ihre Immobilie vererben, erklärt Schmidt.

Finanzierung zwischen Förderung und Direktkrediten aus der Zivilgesellschaft

Trotz des symbolischen Kaufpreises hat die denkmalgerechte Sanierung bis hin zu den Gemeinschaftsräumen ihren Preis. Von den 2,4 Millionen Euro kommt die Hälfte als Förderkredit zur energetischen Sanierung von der KfW-Bank. Für den Rest werden Direktkredite von Unterstützern, Freunden und Familie gebraucht. So seien bereits 850.000 Euro zusammengekommen.

„Die Direktkredite sind superwichtig, und wir bieten eine lokale und nachhaltige Geldanlage für soziale Mieten“, sagt Stadler. Die privaten Geldgeber können ihren Kreditzins selbst zwischen 0,0 und 2,0 Prozent festlegen. Die Projektbeteiligten stottern dieses Geld dann nach und nach ab, indem sie monatlich Miete für ihr Haus zahlen.

Das Haus ist Teil eines großen Ensembles, das einst im Dritten Reich Rüstungsminister und Architekt Albert Speer entworfen hatte. Es diente als Unterkunft für die damalige Deutsche Arbeitsfront. Verschleppte Fremd- und Zwangsarbeiter wurden in dem sogenannten Gemeinschaftslager untergebracht, um für den Bau des benachbarten Reichsparteitagsgeländes zu schuften.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren dort zeitweise US-Soldaten untergebracht. Ab 1947 belegte ein Altenheim einen Teil des Areals. In ihrem neuen Haus, so Herrmann, waren auch Obdachlose untergebracht, es diente als Lagerfläche und fiel dann in einer Art Dornröschenschlaf.

Wohnraum entziehen statt verkaufen: Ein Modell gegen Spekulation

Dass es die Gruppe mit ihrer alternativen Wohnform bereits so weit geschafft hat, ist für Lorenz Herrmann keine Selbstverständlichkeit. Er selbst hat schon reichlich Erfahrung gesammelt. Mit fünf Gleichgesinnten hat er zuvor das alternative Wohnprojekt „Krähengarten“ im Westen Nürnbergs realisiert. Doch nun braucht er für seine kleine Familie mehr Platz. „Ein klassisches Eigenheim wollten wir uns nicht anschaffen.“

Stattdessen findet sich eine Gruppe mit Architekten, Psychologen, Stadtentwicklerin und Nachhaltigkeitsmanagerin, die nicht nur selbst anders und gemeinsam wohnen will.

„Wir haben die Vision vom bezahlbaren Wohnen für alle, statt Immobilienspekulationen“, unterstreicht Herrmann.

Es gehe auch um Nachhaltigkeit und Ökologie. Neue Gebäude seien in ihrer Herstellung ein großer CO2-Emittent. Daher müsse man im Bestand das Wohnen weiterentwickeln. „Wir zeigen mit diesem Leuchtturmprojekt, dass es geht.“

Offene Türen im Modellprojekt: Wie Beteiligung Stadtentwicklung verändert

Deshalb wurde der symbolische Spatenstich auch in einen Tag der offenen Tür eingebettet. Interessierte konnten sich über die Hintergründe informieren oder den Sonnentag mit Kuchen und veganer Pizza genießen. Während eine erste Besichtigungsgruppe noch vor dem Haus wartet, schaut sich Javana Gonnzen mit Tochter Vilja, Sohn Alvar und Mann Jonas Urbasik, im ersten Stock ein Teilmodell ihres künftigen Heimes an.

Er möchte genau dieses Zimmer, ruft der fünfjährige Alvar ganz bestimmt aus. Geht nicht, heißt es von den Eltern. Erst werde entkernt und saniert, ganz am Ende werden die Zimmer verteilt.