Die Absage kam kurzfristig und überraschend. Brigadegeneral Steve Carpenter wollte vergangene Woche eigentlich nach Washington fliegen. Dort sollte der Offizier hochrangigen Militärs und Kongressabgeordneten die Aufgaben seiner in Wiesbaden stationierten Einheit erläutern. Doch dann kam Donald Trump. Erst verkündete der Präsident den Abzug von 5000 amerikanischen Soldaten aus Deutschland. Dann sagte er, es würden „noch viele mehr“, und schließlich stoppte er die Stationierung des „Long Range Fires Battalion“ – und Carpenters Reise wurde vom Pentagon kurzerhand gestrichen. „Eine Planänderung jenseits unserer Kontrolle“, wie es kurz darauf aus dem Stab des Generals hieß.
Der Ein-Sterne-Mann führt in der hessischen Landeshauptstadt den Multi-Domain Command Europe – jenes Kommando, unter dessen Führung das „Long Range Fires“-Bataillon unter anderem Tomahawk-Marschflugkörper aufstellen und einsatzbereit machen sollte. So sahen es bis zu Trumps abrupter Kehrtwende die Pläne der amerikanischen Regierung und der NATO vor.
Als Reaktion auf die wachsende Bedrohung durch Russland hatte das Pentagon 2021, im ersten Jahr der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden, den Multi-Domain Command aufgestellt. Das Hauptquartier wurde in einem unscheinbaren Militärzweckbau in der sogenannten Storage Station in Mainz-Kastel untergebracht, von dort aus koordiniert und führt es im Zusammenspiel mit den NATO-Verbündeten Einheiten mit weitreichenden Raketen und Feldartillerie sowie Aufklärung, elektronische Kampfführung und Luftverteidigung. Im Laufe des Jahres 2026 sollte das Tomahawk-Bataillon dazukommen, als Gegengewicht zu der Stationierung russischer Mittelstreckenraketen vom Typ Iskander in der Exklave Kaliningrad, dem früheren Königsberg. Trump hat dieses Vorhaben nun gestoppt.
Bisher keine neuen Befehle
Aus dem Stab von Brigadegeneral Carpenter gibt es dazu nur eine dürre Pressemitteilung: Man habe aus dem Kriegsministerium in Washington bisher keine spezifischen Anweisungen und neuen Befehle bekommen, der Auftrag des Multi-Domain-Kommandos sei unverändert die Koordination verschiedener Waffensysteme zur Unterstützung der NATO-Abschreckung. Klar scheint aber, dass der weitere Aufwuchs des Kommandos, das derzeit eine Stärke von etwa 1000 Soldaten hat, erst einmal gestoppt ist. Durch die Aufstellung des Tomahawk-Bataillons wären einige Hundert Soldaten in Wiesbaden und an anderen Standorten hinzugekommen. Wobei die Waffensysteme selbst nicht in der Landeshauptstadt stationiert und einsatzbereit gemacht, sondern nur gesteuert werden sollten.
Immer wieder in Umlauf gebrachten Mutmaßungen und Gerüchten, in der Storage Station in Mainz-Kastel würden Kanonen, Raketen und andere Flugkörper samt Munition gelagert, hat die US-Army stets widersprochen. Das sei schon aus Platzgründen nicht möglich, vor allem aber wegen der hohen Mobilität der Waffensysteme nicht sinnvoll und deshalb ausgeschlossen.
In der Wiesbadener Clay-Kaserne laufen US-Soldaten an einem Sherman-Panzer vorbei.Lucas Bäuml
Die Gründe für die Stationierungsabsage sind nicht ganz klar. Aus Washington hieß es, die Entscheidung stehe im Einklang mit der schon länger angekündigten „gründlichen Überprüfung“ der Truppenpräsenz in Europa und dem langfristigen Bestreben, den Fokus von Europa in die westliche Hemisphäre und den Pazifikraum zu verlagern. Eine Rolle – zumindest was den Zeitpunkt der Verkündung betrifft – dürfte aber auch der Ärger Donald Trumps über die kritischen Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zum Irankrieg gespielt haben. „Es sieht ganz so aus, als sei die Bestrafung Deutschlands für die Administration von besonderer Wichtigkeit“, heißt es dazu im Umfeld der US-Army in Wiesbaden.
Sorge um Tomahawk-Vorräte
Der Feldzug gegen den Iran könnte aber auch einen praktischen Grund für die Absage Washingtons liefern: Nach Schätzungen von Fachleuten haben die Amerikaner bei den Schlägen gegen das Mullah-Regime in nur vier Wochen bis zu 850 der jeweils rund zwei Millionen Dollar teuren Tomahawks verschossen. Im Pentagon wächst angeblich die Sorge um die Vorräte, zumal die Produktion nicht nur kostspielig, sondern auch zeitraubend ist.
Bei allen Überlegungen und Drohungen über eine amerikanische Truppenreduzierung in Europa spielt der Militärstandort Wiesbaden eine zentrale Rolle – auch wenn er selbst nicht von Kürzungen oder Streichungen betroffen sein sollte. In der Clay-Kaserne befindet sich das Hauptquartier des amerikanischen Heeres für Europa und Afrika. Es ist wie das übergeordnete Zentralkommando in Stuttgart ein Doppelkommando für die beiden Kontinente. Die Air Force hat ihr Doppelhauptquartier in Ramstein, die Navy in Neapel.
Da die Army jedoch den mit Abstand größten Teil der US-Präsenz insbesondere auf dem europäischen Kontinent ausmacht, ist der Stützpunkt in Wiesbaden von zentraler Relevanz für alle amerikanischen Aktivitäten in diesen und den angrenzenden Weltregionen, wie etwa auch dem Nahen Osten.
Abzug hätte Auswirkungen auf Wiesbadener Hauptquartier
Wie wichtig das Wiesbadener Hauptquartier für das US-Militär und damit auch für die NATO ist, zeigt nicht nur die Stationierung des Multi-Domain Command, sondern auch die Tatsache, dass von der Clay-Kaserne aus die militärische Unterstützung des Bündnisses für die Ukraine organisiert und koordiniert wird: Das NATO-Koordinierungskommando für die Ukraine, kurz NSATU, hat seit Juli 2024 sein Hauptquartier in einem früheren Flugzeughangar auf dem Stützpunkt.
Auch der von Trump angekündigte Abzug von 5000 – oder mehr – Soldaten aus Deutschland hätte große Auswirkungen auf das Wiesbadener Hauptquartier, wenn auch keine direkten personellen. Um welche Truppenteile es sich dabei handeln soll, ist unklar. Berichten zufolge handelt es sich um das 2nd Cavalry Regiment, eine mit hochmobilen Stryker-Radpanzern ausgerüstete Kampfbrigade, die seit 2006 im oberpfälzischen Vilseck stationiert und eng in das Übungsgeschehen an der Ostflanke der NATO eingebunden ist.
Zusätzlich zu diesem Kavallerie-Regiment, der einzigen fest in Deutschland verbliebenen Heeres-Kampfbrigade, hat die Army seit einigen Jahren noch weitere Kampfbrigaden auf Rotationsbasis in Europa im Einsatz. Diese werden für jeweils neun Monate entsandt, die Ausrüstung für diese Einheiten ist unter anderem an Standorten in Deutschland eingelagert, lediglich das Personal wird jeweils aus Amerika verlegt. Zuletzt hat sich die 2nd Armored Brigade der 1. Kavallerie-Division im texanischen Fort Hood auf einen solchen Einsatz vorbereitet und wurde bereits mit einer offiziellen Zeremonie verabschiedet. Am Mittwoch teilte das Pentagon dann allerdings vollkommen überraschend mit, die Verlegung sei ausgesetzt.
Keine Informationen aus dem Pentagon
Ob es sich dabei um eine Verschiebung des Einsatzes oder ein Ende der Rotation handelt und ob der Schritt möglicherweise mit dem von Trump angekündigten Truppenabzug gleichzusetzen ist, ist unklar. Das Pentagon hat sich dazu nicht öffentlich geäußert. Auch im Army-Hauptquartier in Wiesbaden herrscht Rätselraten. Offiziell gibt es dort keine Auskunft und nur den Verweis auf das Verteidigungsministerium. Und auch inoffiziell wird darauf hingewiesen, dass es bisher keinerlei detaillierte Anweisungen oder Befehle aus Washington gebe.
Deutlich wird bei Gesprächen aber, dass die Unsicherheit über das Vorgehen der Regierung von vielen Militärangehörigen sehr kritisch gesehen wird. Einig sind sich Militärs und Beobachter darin, dass die Streichung der Rotation der einfachste und vor allem günstigste Weg wäre, den angekündigten Truppenabzug ins Werk zu setzen. Derzeit sind insgesamt etwa 85.000 amerikanische Soldaten auf europäischem Boden stationiert, zwischen 15.000 und 20.000 davon auf einer Rotationsbasis.
Im Gegensatz dazu würde ein Abzug des 2nd Cavalry Regiment aus Vilseck das Pentagon vor erhebliche Probleme stellen. Außer den knapp 5000 Soldaten der Kampfeinheit haben nämlich auch gut 7500 Familienangehörige in der Oberpfalz ihr Quartier. Die Community umfasst große Wohnsiedlungen, Kindergärten und Schulen, Kliniken und soziale Einrichtungen.
Verlegung würde Hunderte Millionen Dollar kosten
Bei einer Verlegung etwa nach Polen oder Rumänien oder einem Abzug zurück in die Vereinigten Staaten müsste zunächst eine entsprechende Infrastruktur gefunden oder errichtet werden. Das würde nach Ansicht von Militärs und Fachleuten in Wiesbaden Hunderte Millionen Dollar kosten und deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als die vom Pentagon für den Abzug angekündigten sechs bis zwölf Monate.
Auch militärisch wäre ein Abzug des Kavallerieregiments aus Vilseck laut Militärs und Beobachtern deutlich problematischer als das Beenden der Rotation. „Das Regiment in Vilseck hat zahlreiche eingespielte Routinen mit den Alliierten und kennt das Terrain und die Lage besser als jede rotierende Brigade“, heißt es in der Clay-Kaserne.
Ob es am Ende tatsächlich zu den von Trump angekündigten Streichungen und Abzügen kommt und wie sie im Detail aussehen werden, ist bisher völlig unklar. Angesichts der vielen praktischen Schwierigkeiten und der für die Administration typischen Unstetigkeit halten es manche Fachleute und auch Militärs nicht einmal für ausgeschlossen, dass am Ende von der Strafaktion gegen Deutschland und den angekündigten Reduzierungen nur wenig Realität wird und es bei symbolischen Streichungen bleibt. Ein seit Langem mit der Materie befasster Beobachter formuliert es so: „Wenn Wutanfälle die Politik einer Regierung bestimmen, dann kann man einfach nichts ausschließen.“