Nicht immer, wenn auf der Oberkasseler Rheinwiese ein großes Festzelt und Fahrgeschäfte stehen, strömen mehrere Millionen Kirmesbesucher an den verkehrsreichsten Strom Europas. Die große Rheinkirmes, die immer im Juli begangen wird, ist das Jahresfest des St. Sebastianus Schützenvereins Düsseldorf 1316 und gehört zu den bundesweit größten Volksfesten.

Derzeit aber steht die kleine Kirmes auf den Rheinwiesen, weil der St. Sebastianus Schützenverein Oberkassel von 1873 sein Schützenfest feiert. Und das wieder mit Losbude, Pfeile- und Dosenwerfen, Kinderkarussell, Spielcasino, Greifern, die Plüschfiguren aus einer Box angeln, dem Disco Dancer, vielen Imbiss-Buden und einer großen Fläche, auf der eine Weinbar steht. „In den letzten Jahren hatten wir gar keine Kirmes, gab es gar keine Volksfestattraktionen mehr“, erklärt Oberkassels Schützenchef Norbert Vogel. „Dabei haben wir einmal die zweitgrößte Kirmes in Düsseldorf veranstaltet. Aber das ist Jahrzehnte her.“

Um indes das Volksfest nicht komplett sterben zu lassen, gingen Vogel und seine Kameraden einen neuen Weg. Sie gaben die Organisation der Kirmes an den Schaustellerverband Düsseldorf ab. „Warum auch nicht. Schlechter, als es war, konnte es ja auch nicht werden“, so Vogel. Und was die Schausteller sozusagen in Eigenregie auf die Rheinwiesen stellten, erfreute Vogels Augen. „Endlich gibt es mal wieder unsere Kirmes“, freut sich der Schützenchef. „Und es kommen auch Leute, die keine Schützenuniform tragen, den Deich herunter auf die Rheinwiesen.“

Vogel gibt zu, dass die Kooperation mit dem Schaustellerverband nicht seine Idee gewesen ist. „Wir haben gehört, dass die Bilker diesen Weg gewählt haben und sind daraufhin auf den Verband zugegangen“, so der Chef. „Wir haben erst Ende Januar die entscheidenden Gespräche mit dem Verbandsvorstand um Oliver Wilmering geführt.“ Wilmering habe sofort Ideen gehabt, wie man das Schützenfest wieder zum Volksfest machen kann. „Und für die Kürze der Zeit ist das schon sehr ordentlich, wie es sich anlässt“, urteilt Vogel. „Darauf kann man aufbauen.“ Dass die 1873er ihren Ideengeber aus Bilk ein wenig den Rang ablaufen – die Bilker feiern erst nächsten Monat ihr Schützenfest – stört Vogel nicht wirklich. „Man muss ja auch mal Glück haben im Leben“, kommentiert der Schützenchef.

Als Wilmering bei den Düsseldorfer Schaustellern sozusagen auf Werbetour für das Oberkasseler Schützenfest ging, liefen seine Arbeitskollegen ihm nicht gerade die Tür ein. „Ich musste schon Überredungs- und Überzeugungsarbeit leisten“, räumt Wilmering ein. „Aber man muss die ganze Sache als auf mehrere Jahre angelegtes Entwicklungsprojekt sehen. Wir müssen das Volksfest nach dem Niedergang der letzten Jahre erst wieder aufpäppeln.“ Auch Dank der niedrigen Kostensituation für die Schausteller – so sollen Wasser- und Stromkosten von den Schützen getragen werden – steht also jetzt eine kleine Kirmes unterhalb der Oberkasseler Brücke. „Für uns Schausteller ist Oberkassel ein Testobjekt für andere Stadtteile“, sagt Wilmering. „Wir möchten, dass die Stadtteil-Volksfeste überleben.“

Herzstück ist die neue Weinbar, sodass das Schützenfest auch als Weinfest angekündigt wird. Getreu dem Motto „Der Wurm muss dem Fisch schmecken“ hat Wilmering die Angebotspalette auf das linksrheinische Düsseldorf abgestimmt, ein Programm mit DJ und Livemusik für die Weinbar auf die Beine gestellt und wohl einen Treffer gelandet. „Als ich vor zwei, drei Monaten von dem neuen Schützenfest-Konzept gehört habe, habe ich sofort gesagt: Das unterstützen wir“, sagt der Geschäftsführer der Tonnengarde Niederkassel, Dino Conti Mica. „Wir haben sozusagen die Tonnengarde für zwei Tage auf das Weinfest bestellt.“

So also feiern das Sommer- und das Winterbrauchtum am Wochenende gemeinsam, unterstützen sich mithilfe des Schaustellerverbands gegenseitig, und Oberkassel hat wieder einen gesellschaftlichen Treffpunkt für das Gemeinschaftsgefühl im Linksrheinischen zurück.