Staatsoperette Dresden wird zu Broadway

Chefdirigent Michael Ellis Ingram erklärte, das Stück zeige bewusst beide Seiten Schreibers: „Die große Show, die Unterhaltung, das Verzaubern – und andererseits diese dunkleren Kapitel in seiner Lebensgeschichte.“ Zeitlich wie musikalisch gehe das Stück durch 50 Jahre, etwa von 1910 bis 1960.

Laut Intendantin Kondaurow wird das Orchester in einer besonderen Klangvielfalt zu erleben sein: „Mit großen Broadway-Klängen, herzerwärmenden Balladen, auch romantischen Klängen im Orchester.“

Zauberer posierte mit Hitler und Goebbels

Schreiber, der 1903 in Stuttgart als Fabrikantensohn zur Welt kam, begann seine Karriere im Filmgeschäft. „Er war Produzent von deutlich antisemitischen Filmen“, sagte Kondaurow. Parallel dazu habe er „nebenbei seine Zauberfähigkeiten perfektioniert“.

Er war der Lieblingsmagier des Führers.

Kathrin Kondaurow
Intendantin der Staatsoperette Dresden

Im Nationalsozialismus sei Schreiber schnell aufgestiegen, auch durch Auftritte für führende NS-Politiker, so die Intendantin: „Er war der Lieblingsmagier des Führers.“ Fotos zeigten ihn gemeinsam mit Adolf Hitler und Joseph Goebbels auf dem Obersalzberg. Als Präsident des Magischen Zirkels, einer Vereinigung der Zauberkünstler, habe Schreiber jüdische Kollegen „ausgegrenzt und verraten lassen“.

Nach dem Krieg sei es ihm dennoch gelungen, seine Karriere problemlos fortzusetzen. In der Bundesrepublik richtete er in den 50er-Jahren als „magischer Doktor“ große Tourneen aus und fasste kurzzeitig auch im Fernsehen Fuß.

Stilisierte sich zum Opfer des NS

Seine Täterschaft hat Schreiber immer gekonnt von sich gewiesen. In sämtlichen Verhörsituationen sei es ihm gelungen, „die Wahrheit zurechtzubiegen und sich in eine Opferrolle zu begeben und vorzugeben, er sei eher im Widerstand gewesen als tatsächlich in der Täterrolle“, so Kondaurow.

Er ist ein großer Verführer, ein Magier, der mit allen Mitteln seiner Kunst uns an der Nase herumzuführen weiß.

Kathrin Kondaurow
Intendantin der Staatsoperette Dresden

Seine Strategien würden im Musical vorgeführt, kündigte die Intendantin an: „Wir werden in unserem Stück eine wirklich tolle Verhörszene sehen, wo drei britische Offiziere ihn in die Mangel nehmen und ihn nach seinem Parteiabzeichen fragen.“ Auf einem Dokument sei dieses deutlich zu erkennen. Schreiber winde sich jedoch heraus und behaupte: „Das ist gar kein Parteiabzeichen, das ist das Emblem des Magischen Zirkels.“

Verführung als Stilmittel für Musical

Vor diesem Hintergrund spiele auch der Titel „Das magische Leben des Dr. Schreiber“ mit der Tatsache, dass er sich die Wahrheiten immer zurechtbiege, erklärte Kondaurow. „Er ist ein großer Verführer, ein Magier, der uns mit allen Mitteln seiner Kunst an der Nase herumzuführen weiß.“

Verführung sei deshalb das stilistische Mittel des Abends. So werde im Musical die vierte Wand bewusst geöffnet: In einem Song richte sich die Figur Helmut Schreiber direkt an das Publikum und stelle die Frage: „Was würden Sie tun?“ Am Ende sei es am Publikum, „ihn in die Ecke zu drängen“ und seine Täterschaft zu benennen, so die Intendantin.