Wer sich bei Dr. Ludger Meyer-Dobbelstein in den faltenfreien Lederstuhl fallen lässt, der sieht erst einmal viel Schönes vor sich. Einen aufgeräumten Schreibtisch, ganz ohne Akten, Schreibwaren oder Krimskrams um den Computerbildschirm. Im Sessel gegenüber: ein Facharzt mit strahlend weißem Lächeln, strahlend grauen Haaren. Aber im Rücken, in einer Ecke, die der Besucher jetzt noch nicht sieht, steht eine Liege bereit. Hier dürfen sich die Patienten unters Lampenlicht legen. Ein Piks, ein Schnitt, ein Strahl mit dem Laser? Muss ich davor Angst haben? „Wie läuft er denn jetzt ab, dieser allererste Besuch beim Schönheitschirurgen?“, fragt man, und Dr. Meyer-Dobbelstein lächelt milde: „Don‘t you ever call it Schönheitschirurgie!“ Förmlich übersetzt: „Nennen Sie mein Fachgebiet bitte beim korrekten Namen.“
Denn: „Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie, das ist etwas ganz anderes“, erklärt er. Lange Weiterbildung nach langem Studium, harte Lehrjahre mit Ernst- und Notfällen auf dem OP-Tisch. Aber dazu später mehr. Fünf plastische Chirurgen arbeiten heute in seiner Praxis. „Villa Bella“ heißt sie, Brienner Straße 14, absolute Bestlage in München. „Wir sind die Nummer eins im privaten Bereich in dieser Stadt“, sagt Meyer-Dobbelstein. Denn die Spezialität der „Villa Bella“? Liegt im Trend. Hier klingeln sie an der Türe nicht nur für Operationen, sondern auch für Filler, Botox und Facelifts mit dem Laser. Für Schönheit ohne Schnitt mit dem Messer. „Wir kommen in der Behandlung immer weiter weg von den Narben. Von den Verletzungen und Nachblutungen“, sagt der Arzt. Minimalinvasiv heißt das in seiner Fachsprache, kleine Eingriffe für die Schönheit. Ein Geschäft, das nicht nur in dieser Praxis boomt.

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Dr. Ludger Meyer-Dobbelstein in Aktion – in seiner Praxis, der „Villa Bella“.
Foto: Meyer-Dobbelstein
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Dr. Ludger Meyer-Dobbelstein in Aktion – in seiner Praxis, der „Villa Bella“.
Foto: Meyer-Dobbelstein
Zur Statistik: Deutschland liegt international auf Rang drei bei Botox
In der Mittagspause eine Spritze Botox, um nicht so zornig, faltig dreinzublicken? Dazu Filler, für straffe Wangen selbst an harten Tagen? Auf die Schnelle, so die Hoffnung, ein paar Jahre wegretouchieren und frischer wirken? Längst alles Alltag auch in Deutschland, es passiert täglich tausendmal – und die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (DGÄPC) führt nebenbei Buch: 97.962. So viele Eingriffe haben sie im Jahr 2025 gezählt im Verband. Und die Statistik legt Details offen: Zu 63 Prozent waren es minimalinvasive Behandlungen – und nur zu 37 Prozent tiefe Einschnitte, also ästhetisch-plastische Operationen.
Auf Platz eins der häufigsten Eingriffe rangiert Botox. Gefolgt von Hyaluron. Auf dem dritten Rang: Augenlidstraffungen. Und im ganz großen Statistik-Vergleich belegt Deutschland, wenn man so will, den dritten Rang in der Schönheitskonkurrenz international – zumindest in der Kategorie Botox: gut 360.000 Eingriffe. Das bedeutet Platz drei knapp hinter Japan, aber noch deutlich hinter den USA. Dort zählten sie 1,8 Millionen Behandlungen mit Botox. Was aber kostet eigentlich das bisschen „Schönheit“ mehr? Wer spritzt? Wer will gespritzt werden? Und wer spricht darüber?
Esra Atasoy erzählt ihre Geschichte, warum sie Botox nutzt
Zum Beispiel Esra Atasay, aus Augsburg, 33 Jahre alt. Eine Frau mit langem, schwarzem, welligem Haar, mit schmaler Figur und großen, braunen Augen. Falten? Die ersten hat sie mit Ende zwanzig entdeckt. Mit 30 ließ sie sich zum ersten Mal eine Spritze setzen und heute zeigt sie den Effekt: „Da sieht man doch schon was! Oder?“ Atasoy zieht ihre Augenbrauen in die Höhe, sie tippt auf ihre Stirn. Und da sieht man eben? Dass man nichts sieht. Also fast nichts, kaum ein Fältchen. „Es dauert circa zwei Wochen, bis Botox die volle Wirkung entfaltet“, erklärt sie und freut sich, wie sich mit jedem Morgen, jedem Blick in den Spiegel die Haut mehr strafft. „Ich habe kein bestimmtes Schönheitsideal im Kopf“, sagt sie. „Nur wenn ich so in den Spiegel schau, dann möchte ich mich schön fühlen und wohl. Für mich.“
Esra Atasoy ist typisch für den Trend: Laut DGÄPC werden 83 Prozent aller plastisch-ästhetische Eingriffe an Frauen vorgenommen. Und an immer jüngeren. Schon ab Mitte zwanzig. Kurze Einschätzung: Wie viele Menschen in ihrem Freundeskreis, in ihrem Alter, lassen sich behandeln? „Fifty-fifty“, sagt Esra und wiegt mit den Händen ab. „50 Prozent, zumindest unter den Frauen in meinem Freundeskreis. Und manche lassen etwas machen, aber geben es nicht zur.“ Die Jungs dagegen? Eher nicht. Noch nicht? Wer sich in der Branche umhört, der hört immer wieder – auch in der Villa Bella in München, wo Atasoy eben nicht Patientin ist – solche Sätze wie: „Botox wird auch gerne schon zur Vorbeugung verwendet.“ Also lieber früh spritzen, bevor die Stirn beschließt, sich in Falten zu werfen? „Exakt“, sagt Atasoy. „Deswegen dachte ich mir: Kann ja nicht schaden! Solange ich es nicht übertreibe.“
Klingt selbstbewusst, dieser Schritt zum Botox, hat aber auch Esra Atasoy etwas gekostet: Den Preis natürlich. Und Überwindung. Zum ersten Mal sah sie, wie sich die Spritze näherte, zur Stirn wanderte. Sie hatte ja eigentlich Angst vor Nadeln, erzählt Atasoy. Und dann hörte sie plötzlich dieses typische Geräusch, wenn der Stoff fliest: „So ein Knistern.“ Was sie beruhigt und ihr Sicherheit gibt: Dass sie vor der Behandlung selbst nachbohrt, sich schlau macht bis ins Detail. „Wie lang dauert es, wie viele Punkte werden getroffen, wie viele Einstiche es geben wird? Und was für ein Material es ist, das ist auch ganz wichtig. Weil ich auch schlechte Erfahrungen gemacht habe.“ Aber dazu später.
Zurück in die Praxis von Meyer-Dobbelstein
Nun zurück in die „Villa Bella“, wo Menschen mit denselben Wünschen wie Esra ein- und ausgehen. Für die Schönheitsarbeit reisen sie aus ganz Deutschland, Schweiz, Luxemburg und anderen Ländern nach München. Bis zu 15 Jahre, so steht es auf der Webseite der Praxis, können sie hier zum Beispiel mit dem Laser wegzaubern. Lächelnde Testimonials erzählen von ihrem Weg zur Schönheit. Andrea Z., 51, sie schwärmt davon, was so ein bisschen Fillermaterial in ihr ausgelöst hat: „Jetzt lebt mein Inneres wieder in Harmonie mit meinem Gesicht.“
Aber bevor es zur Liege bei Herrn Meyer-Dobbelstein geht, erst einmal zu seiner Frau; Geschäftsführerin Iris Meyer-Dobbelstein. Sie schätzt, dass in München, unter den Frauen ab 25 Jahren, schon 75 Prozent einmal Botox oder ähnliche Behandlungen genutzt haben. Aber sie weiß auch, was heute Männer stört und zwickt, wenn sie in den Spiegel schauen: „Sie sehen einen müden Menschen, oder einen zornigen im Spiegel, und eben keinen strahlenden, frischen, erfolgreichen. Und das schadet manchen Männern sogar im Beruf. Viele, die zu uns kommen, sagen: Man hat mich schon so oft darauf angesprochen.“ Deshalb betreten auch Typen die Praxis, die Iris Meyer-Dobbelstein so schreibt: „Gschtandene Bayern, Bäckermeister, Handwerker.“ Immerhin 30 Prozent ihrer Praxis-Patienten seien Männer, weit über Durchschnitt. Aber: „Die Männer kommen später als die Frauen. Ab Mitte 40.“ Und dann sehen sie erst, was möglich ist: von Collagenboostern bis zur Spritze mit Lachsspermien, gegen Augenringe. Oder sie lassen sich den „Münchner Mittleren Ring“ entfernen, wie Dr. Meyer-Dobbelstein den Bauchspeck nennt.
Seine Frau erklärt, wie sich die Praxis auch als Marke versteht: „Es geht hier nicht um Ken und Barbie.“ An der eigenen Schönheit zu arbeiten, das sei doch nicht verwerflich. Und wo fängt diese Arbeit überhaupt an? „Schon mit Mode will man sich ja auch etwas schöner machen“, sagt Iris Meyer-Dobbelstein. Und wenn es um die kleinen Eingriffe geht, bei dem sich Stoffe wieder im Körper verflüchtigen, dann sei das, „wie mit dem Malkasten etwas zu akzentuieren“. Natürlich bewundert sie auch diese Charaktergesichter, bei denen sich die Lebensjahre sehr hübsch in Falten werfen, ein altes Lächeln mit Ausstrahlung. Aber trotzdem: „Ich würde nie am Körper selbst sparen“, sagt sie und erklärt: „Ich würde lieber sparen und mir dann irgendwann die vielleicht teurere, aber viel sichere Variante gönnen. Denn jeder hat seinen Körper nur einmal geschenkt bekommen…“
Esra über Pfusch in der Schönheitschirurgie
Das sieht Esra Atasoy, die in einer anderen Praxis Patientin ist, genauso: „Qualität hat ihren Preis.“ Eine kleine OP vor ein paar Jahren, plastisch-chirurgischer Eingriff. Eigentlich sei es um eine ganz andere Zone in ihrem Gesicht gegangen, erzählt Atasoy. Aber ohne dass es vorher abgesprochen gewesen sei, habe ihr die Ärztin etwas in die Lippen gespritzt. Während Atasoy in der Narkose schläft. Seltsames Gefühl, was spürt sie da plötzlich? „Es hat sich dann herausgestellt, dass es ein Material war, das in Deutschland nicht zugelassen war“, erklärt Atasoy. In ihrer Lippe bilden sich kleine Klümpchen, wächst ein ungutes Gefühl. Esra Atasoy wehrt sich. Sie verklagt die Ärztin. Der Prozess dauert bis heute an.
„Ich finde, gerade in solchen Fällen sollte man transparent sein. Mich hat damals niemand vorgewarnt.“ Während ihre Wut gegen diesen Pfusch immer stärker wurde, wuchs auch ihr Selbstbewusstsein. „Deswegen kann ich jetzt auch offen darüber reden, weil ich verhindern möchte, dass andere Leute so schlechte Erfahrungen machen.“ Jetzt prüft sie ihre Ärzte. Sie kennt den Unterschied zwischen den Hyaluronsäuren, die Härtegrade, die es braucht für jede Stelle. In den Lippen weicher, für die Wangen ein bisschen fester zum Beispiel. Ihr Ratschlag: gut recherchieren, klug investieren, „sonst zahlt man doppelt“.
Wo Botox fließt, da bilden sich Klischeebilder. Was aus dem Rahmen fällt, fällt eben auf: Durch die Köpfe, das Netz und die Gazetten geistern Bilder von Menschen mit gigantisch prallen Lippen. Spiegelglatter Stirn. Andere wollen sich lieber heimlich verjüngen, ohne jede Spur, sodass selbst der beste Freund nichts davon bemerkt. Esra Atasoy hält dagegen: „Was ich ja gar nicht verstehe: Warum manche Menschen behaupten, das käm alles nur von Yoga und Leitungswasser. Dabei haben sie etwas machen lassen.“ Wer ihr begegegnet, darf ruhig sehen, dass sie ihre Züge straffen lässt. „Ich möchte schon, dass man das an mir wahrnehmen kann. Gerade ich sollte das bemerken, ich zahl ja schließlich dafür. Ich möchte diese Veränderung, und zwar bewusst.“
Jedes halbe Jahr bucht sie jetzt zwei Zonen, zwei Piekse: Gegen Stirnfalten, gegen die Zornesfalte. Und mit Hyaluronsäure stärkt sie einmal jährlich die Silhouette ihres Unterkiefers, was Kenner als „Jawline“ bezeichnen. Aber wie lange wird sie das so durchhalten? Wie blickt sie in die Zukunft und wen sieht sie da im Spiegel? Wird sie neue Flecken an sich entdecken, die sie korrigieren will? Weiterblättern im Katalog? „Ich setze mir da selbst keine Grenzen. Aber wenn ich mich entscheide, dann höre ich nur auf mich und mein Gefühl. Und nicht auf andere.“
Denn die anderen haben immer eine Meinung zur Frage, was schön ist oder nicht. Die posten sie auf Instagram oder Tiktok in die Kommentarspalten – unter Bilder, die oft selbst schon schönheitsoptimiert sind. „Social Media hat da einen ganz verrückten Einfluss“, sagt Atasoy. Mit einem Klick legt die Kamera einen Filter übers Gesicht: dicke Lippen. Schlankere Wangen. Alles ohne Arzt, Schnitt, Narbe, das Handy setzt sein eigenes Skalpell an. „Und dann findet man gut, was man da sieht. Das hat, glaube ich, alles verändert, weil man sich so leicht an dieses Bild gewöhnt.“ Auch ihr eigenes Spiegelbild gefiel Atasoy bald nicht mehr so wie früher, weil was war schon das richtige, echte? Das schöne und wahre? Esra hat gegen die Zweifel ihre eigene Taktik entwickelt: Lieber Filler als Filter. „Ich benutze keine Schönheits-Filter mehr, die mein Gesicht verändern.“ Stattdessen schaut sie in den Spiegel und sieht die kleinen Veränderungen auf ihrer Haut. „Jeden Tag ein bisschen mehr. Also eben jeden Tag ein bisschen weniger.“
Zur kritischen Kulturwissenschaftlerin
Wenn Elisabeth Lechner über Schönheit grübelt, dann spürt sie einen „Grant“ in sich. Und wer nicht Österreichisch versteht, dem erklärt sie, was das bedeutet: „Grant“ ist Wut. Denn was gilt schon als schön? Das hinterfragt Lechner und sucht die Antwort in unserer Gesellschaft. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und hat an der Uni Wien zu vermeintlich „ekligen“ weiblichen Körpern und Body Positivity promoviert. Was sie berührt, ist das System, wie Schönheit bestimmt, verhandelt und auch verkauft wird.
Lechner beobachtet die Entwicklung: „Man muss wirklich sagen, dass der Druck, einem jungen, dünnen, weißen Ideal zu entsprechen, wieder sehr, sehr, sehr stark zugenommen hat.“ Wie eine Diagnose klingen die drei Punkte, die sie als Gründe dafür anführt: 1. Das strenge Schönheitsbild in den Sozialen Medien. 2. Der Effekt der Abnehmspritzen, Wegovy und Ozempic verschlanken die Welt. 3. „Das Erstarken von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Parteien, bei denen die ‚schöne Frau‘ wieder zu einer ganz wichtigen Figur für die politischen Mobilisierung wird.“ Häuslich und fürsorglich soll sie in dieser Szene sein, wie die „Trad Wives“ im Netz, die ihr Leben in den Dienst ihrer Gatten stellen und sich beim Tortenbacken filmen. Wie sieht es denn heute aus mit der viel beschworenen „Body Positivity“? Lechner lacht da kurz auf: Problemzonen sind längst wieder Problemzonen.
Wer diesem Ideal entspricht, kann man Vorteilen rechnen. Lechner verweist auf eine Unmenge an empirischen Studien, die belegen, dass Menschen, die als schön gelten, Vorteile in quasi allen Lebenslagen haben. Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, besseres Gehalt. Wenn sie den Satz hört „Ich mache das nur für mich“, denkt sie: „Ja, das kann schon sein, dass man dieses Gefühl auch wirklich hat. Gleichermaßen leben wir aber in einer Gesellschaft, in der jene Menschen, die dem Ideal entsprechen und Schönheitsarbeit leisten, wissenschaftlich belegbare Vorteile haben.“ Das heißt: „Diese Arbeit passiert nicht im luftleeren Raum. Ich nehme mich aus allem raus, das ist schlussendlich unmöglich. Wir bleiben immer mit anderen verbunden, verankert in den gesellschaftlichen Verhältnissen.“
Das Kämpfen, Ächzen, Bemühen um Schönheit beschreibt Lechner als „Schönheitsarbeit“. Das ist ihr liebster Begriff. „Ich verwende ihn extrem gerne, denn er verdeutlicht die Ressourcen, die Zeit, den Aufwand und die Schmerzen, die ganz oft in das Investment in die eigene Schönheit fließen.“ Ja, aus dieser Arbeit gewinnen viele auch Spaß und Selbstbewusstsein, wenn sie sich ans eigene Spiegelbild machen. Am besten noch gemeinsam, im Austausch mit anderen. Und nein, sie wolle die Schönheitsarbeit gar nicht als grundsätzlich schlecht oder generell gut abstempeln. Aber sie betrachtet Schönheitspraktiken politisch und stellt Fragen: „Was gewinne ich damit? Welchen Preis zahle ich dafür? Welche Ziele will ich erreichen und warum?“
Wird dieser Schönheitswettbewerb dann auch zur Frage des Kapitals? Der Kaufkraft? Das war lange so. Aber die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky spricht heute schon von einer „Demokratisierung von Schönheitspraktiken“ – weil diese Eingriffe jetzt breiter verfügbar sind. „Und wir sehen, dass sie mittlerweile viel weniger tabuisiert sind“, erklärt Lechner. Heute seien das in Zürich oder München „Mittagspausenbehandlungen“, und nicht nur von Menschen mit Millionen auf dem Konto.
Zurück in die Praxis, zu Frau Meyer-Dobbelstein
Und damit zurück in die Praxis. „Villa Bella“, das klingt doch schon nach Glitzer, nach München, Schönheit, Glamour? Dr. Ludger Meyer-Dobbelstein kann bei seiner eigenen Lebensgeschichte nicht mit oberflächlichen Klischees dienen: Das Medizinstudium habe er sich selbst verdienen müssen, seinen alten VW Polo habe er zwanzigmal in alle Einzelteile seziert und wieder zusammengebaut, damit er nicht den Geist aufgibt. „Chirurgen ticken so“, sagt er heute. „Sie sind eher pragmatische Menschen und wollen mit ihrer eigenen Hände arbeiten. Resultate sehen. Gestalten. Ich spüre da diesen Handwerker in mir.“ Und dann erzählt er von einem Schlüsselmoment: „Meine Mutter hatte, als ich 11 Jahre alt war, einen extrem aggressiv verlaufenden Brustkrebs.“ Ihre linke Brust musste sie in der plastischen Chirurgie amputieren lassen. Aber das hat ihr, Meyer-Dobbelstein ist sich sicher, ein längeres Leben geschenkt.
Geht es nach ihm, dann krankt das Image seiner Berufssparte an einem Problem – und das ist das Versprechen der schnellen, extrabilligen Spritze nebenbei. Sonderangebote in Schnellabfertigung, manchmal sogar mitten in einem Einkaufszentrum. In Duisburg standen im März 2026 hunderte Schlange, weil es dort Botox-Behandlungen gratis gab, zur Werbeaktion. Aber auch bei günstigen medizinischen Ketten bleiben nur 15 Minuten für ein erstes Gespräch, also für: „Bestandsaufnahme, Wunsch, Aufklärung, Durchführung, Dokumentation“, listet Meyer-Dobbelstein auf. „Schlechterdings ausgeschlossen, das geht nicht in der nötigen Akribie.“ Und dann gibt es selbsternannte Schönheitsärzte, die in Kosmetikstudios zu supergünstigen Bar-Tarifen – Meyer-Dobbelstein wird jetzt deutlich – „irgendeinen halbscharigen Stoff aus dem Hinterhof“ spritzen. „Der europäische Binnenmarkt ist relativ weit offen auch für schräge Produkte.“
Fallbeispiel: eine Patientin, die bei der „Villa Bella“ am 23. Dezember, knapp vor Heilig Abend anklopfte. Sie, von Beruf Zahnärztin, hatte doch eigentlich Ahnung von der Medizin. Sie hatte aber einem charmanten Wander- und Wunderarzt vertraut, der ihr in einem Hotel etwas anbot. „Er hat ihr sieben oder acht Milliliter von irgendeinem absolut miserablen Präparat ins Gesicht gepumpt. Sie stand dann in einem ausgeprägten Schockzustand vor uns.“ Aufwachraum. Zig Infusionen, hochdosiertes Cortison und Hylase, die den schlechten Stoff auflösen sollte. Bevor sich der Stoff in ihrem Körper verklumpt.
4000 Euro hatte sie gezahlt, in der Sehnsucht nach einen kleinen bisschen, ein dezentes mehr an Schönheit? Denn dezent soll das Angebot in der „Villa Bella“ wirken. „Knackwurstlippen“ oder „massiver Frontspoiler“, wie Meyer-Dobbelstein die knalligen Effekte nennt, das passt nicht zu seiner Palette. „Eine Patientin eben aus dem Allgäu hat nach einer riesigen Veränderung im Gesäßbereich gefragt. Unglaublich schwieriges, vermintes Gelände. Ich hab ihr davon abgeraten.“
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Seit 37 Jahren arbeitet Meyer-Dobbelstein in der operativen Medizin. Leitender Oberarzt war er an einer nordeutschen Uniklinik, Fachbereich wiederherstellende Gesichtsrekonstruktion. Was bedeutet: Tumorpatienten, Verbrennungen, Fehlbildungen. Er kennt jeden Nerv der Anatomie eines menschlichen Gesichts. „Wie viele 1000 aufgeklappte Gesichter hab ich schon gesehen? Mir sind deshalb die Fallstricke bei den sogennanten ‚Pillepalle-Procedures‘, den vermeintlich kleinen Eingriffen – ein bisschen Botox – bekannt.“ In der Klinik hat er auch gelernt, chnell anzupacken: „Da landet in acht Minuten ein Hubschrauber mit einem Dreivierteltoten von der A8 auf dem Klinikdach und dann musst du handeln.“ Leben retten, jetzt und ohne Papierarbeit vorab, ohne Aufklärungsgespräch und Unterschrift. Anders läuft es in seiner Praxis: Die Assistentin im Vorzimmer reicht ein Papier. Fünf Seiten voller Fragen an den Patienten, der sich Botox spritzen lassen will, manche im Multiple-Choice-Verfahren. Raucherin? Herzkrankheiten? Erbliche Vorbelastungen? Allergien? Schönheit mit Sicherheit. „Die Dinge vorab klären zu müssen, sie zu autorisieren, das ist in unserem Fachgebiet tausendfünfhundertprozentig so.“
Aber woran merkt man beim ersten Besuch, dass man in einer Praxis sicher aufgehoben ist? „Kopf und Bauch einschalten“, empfiehlt der Arzt. Was wichtig sei: Werde ich in Ruhe aufgeklärt? Werde ich mit meinen Ängsten, Wünschen, Hoffnungen ernstgenommen? Seine Herangehensweise: Die Patienten nicht „mit Latein totquatschen“ und ihnen auch nichts andrehen wollen.
Kurz einmal den Fernseher aufgedreht: Wer am Donnerstagabend erst bei „Germany’s next Topmodel“ einschaltet, und danach nicht mehr den Absprung schafft, also den langen Weg zur Fernbedienung, der landet in der TV-Praxis von „Dr. Rick und Dr. Nick“. Zwei Typen der Sorte Schwiegersohn mit auf Hochglanz gebürsteten Gelfrisuren, und einer gemeinsamen Beauty-Praxis in München. Sie sind die neuen Stars, die auf Prosieben Problemzonen bekämpfen. Ihre Preisliste steht auch auf ihrer Webseite, Auszug aus dem Katalog der Schönheits-Eingriffs-Influencer: Zornes- und Stirnfalte, 150 Euro, oder auch Krähenfüße, selber Preis. Unbezahlbar dagegen, was einer dabei lernt: Denn dann tauchen dort Begriffe auf wie „Bunnylines“ – die entstehen, wenn einer die Nase rümpft und sich dann rundumFältchen wie beim Kaninchen auf der Haut kräuseln. Oder das „Erdbeerkinn“ – kleine Dellen und Huckelchen an der Kinnspitze, wie auf der Haut einer Beere. Sprießen da immer neue Problemzonen an unseren Körpern? Und wie findet eigentlich Meyer-Dobbelstein diese beiden, Dr. Rick und Dr. Nick? Er stellt eine Gegenfrage: „Machen Sie Witze?“
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Im Vorzimmer bei Meyer-Dobbelstein sitzt gerade eine Frau im Sessel, schwarzes Haar, mittleres Alter, still in ein Magazin vertieft. Und man sieht ihr nicht an, warum sie da ist. Was sie „machen lässt“? Aber „etwas machen lassen“, ist das nicht so ein fieser Begriff, mit denen Frauen als falsch abgeurteilt und in Schubladen gesteckt werden? Tuscheln Haben Sie die neuen Bilder von Demi Moore gesehen? Wie Nicole Kidmans Stirn so frisch wieder glänzt? Renee Zellweger, die als Frau im Normalgewichtsbereich das vermeintliche „Pummelchen“ Bridget Jones verkörpert hat, löste 2014 eine Welle der Schnappatmung aus, in der Boulevardpresse und in Facebook-kommentarspalten. Ihr Gesicht? Kaum wiederzuerkennen. Schlagzeile Welt: „Renée Zellweger hatte keine OP – aber was dann?“ Früher schlugen da Schlagzeilen mit voller Härte ein: Wie sieht denn die aus? „Da wurde das ganz stark beschämt“, weiß Lechner. „Aber andererseits wurde natürlich auch beschämt, wenn man nichts machen lässt.“ Was Lechner mit einem Seufzer und einem Fazit kommentiert: „Als Frau im Patriarchat kann man es halt nie richtig machen. Ein Leben am Abgrund der Scham.“
Worum geht es dann, bei diesen kleinen Prozeduren? Lechners Theorie: Menschen wollen die Zeit anhalten. Die Zeiger ihrer tickenden Lebenszeituhr wenigstens bremsen. Vorbeugend. „Früher ging es darum, die Spuren eines gelebten Lebens unsichtbar zu machen. Heute geht es um ein präventives, aber letztendlich immer unmögliches Verhindern von Altern“, beobachtet Lechner. „Im Kern all dieser Praktiken steht – und das ist jetzt natürlich ein bisschen dramatisch formuliert – eigentlich der Tod und eine Angst vor dem Sterben.“ Dabei hat noch jeder schöne Körper ein Ablaufdatum, und er ist verwundbar. „Wir können dieses Kapital schnell wieder verlieren.“ Ein Unfall, eine Krankheit, ein Schlag ins Spiegelbild. Lechner resümiert „:Ganz offen über Eingriffe zu reden sei gut und wichtig, aber noch keine feministische Position. Sie fragt darüber hinaus: „Wie können wir strukturell dafür sorgen, dass alle so akzeptiert werden, wie sie sind und sich frei entfalten können? Wie können wir bestmöglich für eine solidarische, inklusive Gesellschaft für alle kämpfen? Und dafür müssen wir einen respektvollen Ton finden.“