Stand: 16.05.2026 05:00 Uhr

Ob Menschen nach dem Fasten effektiv Fett verbrennen oder in den Energiesparmodus wechseln, hängt unter anderem vom Hormon FGF21 ab. Am UKSH in Kiel gibt es neue Erkenntnisse.

von Sven Jachmann

Dr. Tim Hollstein, Mediziner am UKSH in Kiel, erforscht den Stoffwechsel. Warum nehmen manche schnell ab, andere langsam oder gar nicht? Diese Frage steht im Zentrum seiner Arbeit.

Kürzlich hat der Mediziner eine Pilotstudie beendet. Die Studie mit 20 Teilnehmenden lief über ein Jahr. Zehn waren übergewichtig, zehn waren schlank. „Wir wollten herausfinden, wie schlanke Menschen sich im Vergleich zu übergewichtigen Menschen hinsichtlich ihres Stoffwechsels unterschiedlich verhalten.“

Nüsse, Tofu, Sojamilch, Linsen, Brokkoli, Bohnen auf einem Tisch

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Ergebnis der Studie: Schlanke Menschen schalten nach dem Fasten wesentlich schneller und effektiver in die Fettverbrennung um als übergewichtige Menschen. Die gehen dafür schneller in den Energiesparmodus und lagern Kalorien ein. Dieser Effekt hängt unter anderem mit dem Hormon FGF21 zusammen.

Übergewicht: Probandin Pia steckt in der Falle

Eine Frau gibt ein interview

Pia Kiewitt nahm an einer einjährigen Studie zur Erforschung des Stoffwechsels teil.

Pia Kiewitt, Medizinstudentin aus Kiel, war in der Gruppe der Übergewichtigen dabei. „Ich weiß, wie schwierig es ist, Probanden zu rekrutieren und wollte die Studie unterstützen“, sagt sie. Das Thema Abnehmen betrifft sie persönlich. Während des Studiums nahm sie stark zu. Sie wollte das Gewicht unbedingt wieder verlieren, habe regelmäßig Sport gemacht, darunter Inlineskating. Sie achte auf ihre Ernährung. Aber nichts habe funktioniert. „Auch deswegen hatte mich die Studie interessiert.“

Forschung von unterschiedlichen Stoffwechseltypen

Was genau im Stoffwechsel im Körper abläuft, damit befasst sich der Kieler Mediziner Tim Hollstein schon seit seiner Kindheit. „Ich konnte alles essen und habe nie zugenommen, aber bei Freunden war das anders.“ Dieses Phänomen habe ihn nie losgelassen und über sein Medizinstudium kam er in die Stoffwechselforschung. „Und das hat mich dann auch motiviert, in die USA zu gehen, um unterschiedliche Stoffwechseltypen zu erforschen.“ Ihm sei die Prävention besonders wichtig. Denn viele Menschen sind übergewichtig. Nach Angabe des Robert Koch Instituts leben in Schleswig-Holstein 56% mit Übergewicht und 20% mit Adipositas. Damit liegt Schleswig-Holstein in der Mitte aller Bundesländer, so Hollstein.

Das Abnehmhormon FGF21

Blutanalysen der Teilnehmenden haben jetzt gezeigt: Wie schnell wir abnehmen, dafür ist ein Hormon mitverantwortlich. Es heißt FGF21. Es könnte eine Art Jungbrunnen-Wunderhormon sein. Je höher der Hormonspiegel von FGF21, umso effektiver der Stoffwechsel. „FGF21 wird sicherlich bei der nächsten Generation der Abnehmspritzen eine Rolle spielen“, glaubt Hollstein.

FGF21 wird sicherlich bei der nächsten Generation der Abnehmspritzen eine Rolle spielen.

Dr. Tim Hollstein, UKSH Kiel

An Mäusen hatten bereits Studien mit dem Hormon stattgefunden. Bei ihnen steigert FGF21 die Lebenserwartung, verbessert den Stoffwechsel, minimiert Entzündungen. Die Pilotstudie identifizierte das Hormon als Schlüsselfaktor, der Stoffwechseltypen unterscheidet.

Künstlerische Darstellung einer Spritze vor pinkfarbenem Hintergrund

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Besonders Schlanke profitieren von Hormon

Ein wesentliches Element der Studie war das 24-stündige Fasten, das jeder Teilnehmende absolvieren musste. „Das Fasten hat uns erlaubt, den Stoffwechsel mit einer Lupe zu betrachten und unterschiedliche Stoffwechseltypen erst sichtbar zu machen.“ Das Hormon FGF21 wird beim Fasten von der Leber ausgeschüttet und ist ein biologisches Startsignal für die Fettverbrennung.

Der spannende Befund aus unserer Studie ist, dass bei schlanken Probanden während des Fastens der FGF21-Wert im Schnitt knapp 50 Prozent ansteigt. Der Körper reagiert und schaltet um.

Dr. Tim Hollstein, UKSH Kiel

„Der spannende Befund aus unserer Studie ist, dass bei schlanken Probanden während des Fastens der FGF21-Wert im Schnitt knapp 50 Prozent ansteigt. Der Körper reagiert und schaltet um.“ Schlanke Menschen kommen deswegen womöglich schneller aus der Zucker- in die Fettverbrennung. FGF21 wirkt bei ihnen wie ein Stoffwechsel-Turbo.

Warum bei Übergewichtigen der Effekt ausbleibt

Doch ausgerechnet bei den Übergewichtigen, die sich genau diese Reaktion erhoffen, bleibt der Effekt aus. „Bei denen fällt FGF21 beim Fasten dagegen um rund ein Drittel ab. Die gehen schneller in den Energiesparmodus.“

Ein Mann in Arztkittel blickt in die Kamera

Dr. Tim Hollstein vom UKSH in Kiel forscht an individuellen Stoffwechseltypen.

Und so war es auch bei Pia Kiewitt, berichtet Tim Hollstein. Als sie für die Studie 24 Stunden fasten musste, fiel ihr FGF21-Wert nach 36 Stunden Fasten sogar um fast 70 Prozent. „Bei Pia hat sich der negative Effekt besonders deutlich gezeigt“, sagt Hollstein. Direkt nach dem Fasten hat er ihren Stoffwechsel an der Atemluft – genauer dem CO2-Wert – gemessen und festgestellt, ihr Stoffwechsel ist nur zu 76 Prozent in der Fettverbrennung. „Bei schlanken Menschen ist der Wert in der Regel bei fast 100 Prozent.“

„Der Frust ist schon groß“

Für Pia Kiewitt ernüchternd, denn gegen die biochemischen Prozesse im Körper hat sie offenbar keine Chance. Ihr Körper will sich scheinbar nicht vom überschüssigen Fett trennen. „Ja, der Frust ist jetzt natürlich sehr groß. Ich habe meine Ernährung umgestellt, mehr Sport gemacht, mache Intervallfasten. Und ich würde mir schon wünschen, dass es da irgendwie Hilfe für mich und auch die anderen gibt, die ähnliches durchmachen.“ Sie wolle sich nicht entmutigen lassen, weiterhin Sport treiben und sich gesund ernähren. „Es ist doch generell wichtig, sich gesund zu halten über Ernährung und über Sport.“

Hormon-Spiegel erhöhen: Forschung ist noch am Anfang

Damit Pia Kiewitt abnehmen kann, müsste sie wissen, wie sie ihren FGF21-Spiegel in die Höhe treibt. Aber: „Wie wir den Fettstoffwechsel-Hebel trainieren können, das wissen wir noch nicht“, sagt Hollstein. Intervallfasten könne einen Effekt haben oder Kälte. „Der Besuch der Kältekammer, kaltes Duschen oder man springt mal in die Kieler Förde im Winter – das kurbelt den Fettstoffwechsel an. Könnte so sein, wissen wir aber noch nicht“, sagt der Stoffwechsel-Forscher.

Abnehmspritze als letzte Option?

Ein Mann spritzt sich mit einer Spritze das Medikament Ozempic in den Bauch.

Ein dänisches Pharmaunternehmen brachte Ozempic 2018 auf den Markt.

Pia hat vieles ausprobiert: Kälte, Fasten, Sport. Nun will sie mit ihrer Hausärztin andere Ursachen abklären. Sich antientzündlich ernähren, eventuell gibt es eine Unverträglichkeit. Vielleicht führt aber auch eine Hormonstörung (PMOS) zu ihrem Übergewicht. Oder sie hat eine krankhafte Fettverteilungsstörung (Lipödem). „Da gibt es hier im UKSH eine Ambulanz, in der ich das abklären lassen kann. Ich hoffe, ehrlich gesagt, dass es das nicht ist. Denn dann hat man eine chronische Erkrankung.“

Die Abnehmspritze ist für sie noch keine Option. Als Studentin sei das zu teuer. Sie wolle zunächst ihr Medizinstudium beenden. „Dann kann man immer noch über Ozempic nachdenken.“

Das Hormon FGF21 ist gut für den Stoffwechsel. Es scheint dem Körper zu helfen, besser von der Zucker- in die Fettverbrennung umzuschalten. „Es wäre doch super, wenn wir das nutzbar machen könnten und uns das zum Beispiel injizieren könnten“, sagt der Mediziner vom UKSH in Kiel. Die Forschung arbeite bereits daran.

Zwei Abnehmspritzen liegen mit Maßband umwickelt auf einer Fläche.

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