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Israel schickt Noam Bettan zum ESC nach Wien. Etliche Länder boykottieren den Wettbewerb wegen Israels Teilnahme. © IMAGO/LUKA KOLANOVIC
Der Eurovision Song Contest steht vor einem unlösbaren Dilemma wegen der Teilnahme Israels. Mehrere Länder boykottieren deswegen den ESC.
Gegen Ende dieser Woche sind erneut Stimmen laut geworden, die den Ausschluss Israels vom Eurovision Song Contest (ESC) forderten. Der Grund war diesmal ungewöhnlich: Der staatliche israelische Sender KAN hatte sich auf Sozialen Medien spöttisch über die Tattoos der fünf Sängerinnen der kroatischen ESC-Finalisten Lelek ausgelassen. Nach scharfer Kritik, nicht nur aus Kroatien, ist der Post mittlerweile gelöscht – KAN hat sich entschuldigt. Der Post war eine Grenzüberschreitung, die sich nicht gehört und beim ESC schlicht nichts verloren hat. Ein Ausschlussgrund ist das aber natürlich nicht.
Doch der Fall zeigt, wie erhitzt die Gemüter rund um den ESC sind. Rufe nach einem Ausschluss Israels begleiten den Wettbewerb schon länger – aufgrund der miserablen Lage der Menschen in Gaza infolge des israelischen Militäreinsatzes, der auf den Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 gefolgt war.
Politik spielt beim ESC seit jeher eine Rolle
Wie in nahezu allen kulturellen Bereichen spielen politische Themen beim ESC mit hinein. 1.100 Künstlerinnen und Künstler fordern die Sendeanstalten zum Boykott des Song Contests wegen der Teilnahme Israels auf. 1.100 andere Künstlerinnen und Künstler unterzeichnen einen Gegenentwurf und unterstützen die Teilnahme Israels. So gut wie niemand der 2.200 Künstlerinnen und Künstler hat überhaupt einen Berührungspunkt mit dem ESC. Der Streit stellt den ESC auf eine harte Probe, gelöst wird er hier sicher nicht.
Doch die Kritik erreicht neue Dimensionen: Fünf Länder – Spanien, Slowenien, Irland, Island und die Niederlande – boykottieren den Wettbewerb aufgrund der Teilnahme Israels. Die Entscheidung, Israel auszuschließen oder nicht, lag in der Hand der Europäischen Rundfunkunion (EBU), eines Zusammenschlusses vieler Rundfunkanstalten aus 56 Ländern – quasi ein Dachverband, keine politische Organisation.
Die Entscheidung fiel zugunsten Israels aus. Dabei ist davon auszugehen, dass im Falle eines Ausschlusses andere Länder einen Boykott erwogen hätten. Eine Lösung für alle gab es somit nie, nur ein unlösbares Dilemma. Vorwerfen lassen muss sich die EBU, dass nie eine erkennbar offene Debatte mit allen Sendeanstalten geführt wurde.
Vergleich mit Russland hinkt
Befürworter von ESC-Sanktionen gegen Israel verweisen gerne auf den Umgang mit Russland, das seit 2022 ausgeschlossen ist. Der Vergleich hinkt jedoch: zum einen, weil Russland einen Angriffskrieg begonnen hat, während Israel von einer Terrororganisation angegriffen wurde – was allerdings keine Rechtfertigung für die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen sein kann, die Israel zu verantworten hat.
Zum anderen ist in Russland die Kunstfreiheit derart eingeschränkt, dass ESC-Kandidaten zwangsläufig Botschafter Putins wären. Zwar instrumentalisiert auch Israel den ESC, wie die „New York Times“ nochmals belegte, doch Künstlerinnen und Künstlern drohen bei Meinungsäußerungen nicht Jahre im Straflager.
Die EBU bleibt eisern: der ESC ist unpolitisch – und ein Beitrag zur Völkerverständigung. Diesen Kern des ESC zu betonen, ist wichtig. Nicht oft sieht man zigtausende Menschen aus Dutzenden Ländern gemeinsam in einer Halle und einer ganzen Stadt ausgelassen ein riesiges Fest feiern. Noch dazu eines, in dem die queere Community integriert ist und frei von Diskriminierung teilhaben kann. Der ESC ist eine Veranstaltung, die es – soweit es die Differenzen zulassen – schafft, Menschen zu verbinden und zusammenzubringen. Das ist gerade in dieser konfliktreichen Zeit kaum hoch genug zu schätzen.