Putin spricht von einem Ende des Krieges. Russland baut für seine Fortsetzung. Malte Lauterbach über drei Daten, an denen sichtbar wird, warum der Krieg nicht endet, sondern einfrieren wird.

Moskau, 9. Mai 2026, 11:14 Ortszeit. Über den Roten Platz marschieren 1.500 Soldaten in Reih und Glied. Vor dem Krieg waren es regelmäßig über 11.000. Dort, wo sonst die Iskander-Trägerfahrzeuge rollten, wo die Topol-M-ICBMs auf ihren in den achtziger Jahren in Minsk gebauten MZKT-Sattelschleppern vorbeigeschwankt waren, stehen zwei Großbildschirme an der Ostseite des Platzes.

Auf ihnen läuft Archivmaterial: ältere Aufnahmen russischer Waffensysteme im Einsatz, in Endlosschleife, die Reihenfolge offenbar nach Bildwirkung sortiert, nicht nach Chronologie. Wir sehen Aufnahmen, aufgezeichnet von russischen Aufklärungsdrohnen in der Ukraine, Computer-generierte Bilder russischer U-Boote, russischer Marschflugkörper. Die Panzer fehlen. Die Iskander fehlen. Zum ersten Mal seit Beginn der Parade-Tradition marschiert ein nordkoreanisches Kontingent mit, in Tribut an die Soldaten, die Pjöngjang seit Herbst 2024 nach Kursk und in die russischen Grenzregionen entsandt hat. Das Defilee dauert 47 Minuten. In der traditionellen Aufstellung hätte es zwischen 90 und 110 Minuten gedauert. 

Putin steht auf der Tribüne, neben ihm Generalstabschef Gerassimow, Verteidigungsminister Beloussow und der nordkoreanische Verbindungsoffizier. Seine Rede dauert acht Minuten. Er ehrt die russischen Truppen in der Ukraine, nennt ihren Einsatz eine „gerechte Sache“ gegen „eine aggressive Kraft, bewaffnet und unterstützt vom gesamten NATO-Block“. Sein Schlusssatz: „Sieg war und wird immer unser sein.“ Die Soldaten verlassen den Platz. Die Großbildschirme werden abgeschaltet. Zwei Stunden später, im Kreml, vor einer Gruppe ausländischer Korrespondenten, sagt Putin auf eine Frage nach den Friedensaussichten: „Ich denke, die Sache neigt sich dem Ende zu.“ Zwischen den beiden Sätzen lagen zwei Stunden und etwa zwei Kilometer. Beide standen  in derselben Tagespresse vom 10. Mai.

Beide Sätze sind als politische Kommunikation zu lesen, und beide adressieren unterschiedliche Publika. Die Sieges-Rhetorik ist nach innen gerichtet, an die russische Öffentlichkeit, an die Mütter der Gefallenen, an die Kriegsversehrten, die als eigenes Regiment an der Parade teilnahmen, an die Rüstungsfabriken in Tula und Nischni Tagil, an die Nationalgarde-Einheiten in den besetzten Gebieten. Die Friedens-Andeutung ist nach außen gerichtet, an Washington, an Brüssel, an die Inszenierung einer dreitägigen Waffenruhe, die Donald Trump am Vortag über Truth Social verkündet hatte.

Es ist nicht das erste Mal, dass Putin in derselben Woche Sieg verkündet und Verhandlungen andeutet. Sechsunddreißig Stunden vor Putins Rede schlugen drei Shahed-Drohnen in einen Kindergarten in der Oblast Sumy ein, zwölf Kilometer hinter der ukrainischen Frontlinie. Es war ein Mittwoch; und Russland hatte eine Feuerpause verkündet.

Szenenwechsel. Abu Dhabi, St. Regis Saadiyat Resort, 02.02.2026. Im zweiten Stock, im Spa-Trakt des Hauses, verhandelten amerikanische, russische und ukrainische Delegierte über das Ende des Krieges. Es war, hieß es im Hotel, nicht das erste Mal, dass dort verhandelt worden war. Es war auch nicht das erste Mal, dass dort über einen Krieg verhandelt worden war.

Auf der amerikanischen Seite: Steve Witkoff, der Sondergesandte des Präsidenten, ein New Yorker Immobilieninvestor ohne diplomatische Vorgeschichte , Jared Kushner, der Schwiegersohn des Präsidenten und sein Top-Berater Brian Lanza, der noch im Dezember 2025 als Berater für die russische Firma Lukoil diente.

Auf der russischen Seite: Kirill Dmitrijew, Direktor des Russischen Direktinvestitionsfonds und seit Januar 2025 Putins bevorzugter Verhandler für westliche Kanäle, flankiert von Juri Uschakow, dem außenpolitischen Berater des Präsidenten.

Auf der ukrainischen Seite: Rustem Umjerow, Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, mit einer kleineren Delegation als die amerikanische.

Die Verhandlungen dauerten drei Tage. Die Russen und die Ukrainer verhandelten nicht direkt. Witkoff trug Vorschläge zwischen den Räumen hin und her. Eine Pressekonferenz fand nicht statt. Witkoff veröffentlichte am Abend des dritten Tages eine Nachricht über den Kurznachrichtendienst X, in der er erklärte, eine Friedensregelung sei „nur noch eine letzte Frage“ entfernt. Welche, sagte er nicht.

Auf dem Tisch lag eine Revision des Witkoff-Plans vom November 2025, der ursprünglich achtundzwanzig Punkte umfasst hatte und nach den Genfer Gegenvorschlägen der Europäer auf neunzehn reduziert worden war (BSN berichtete). Was übrig geblieben war: die de-facto-Anerkennung russischer Kontrolle über die Krim und die östlichen Teile der Oblaste Donezk und Luhansk, eine Truppenobergrenze für die ukrainischen Streitkräfte von 600.000 Soldaten, ein zehnjähriges Moratorium für eine ukrainische NATO-Mitgliedschaft, ein „konsultativer Sicherheitsmechanismus“ anstelle der ursprünglich diskutierten Artikel-5-ähnlichen Garantie, und eine schrittweise Aufhebung westlicher Sanktionen, gekoppelt an russische Compliance. Was nicht auf dem Tisch lag: die Frage der Wiedergutmachung, die Frage des Verbleibs der 391 Milliarden Euro russischer Zentralbankreserven, die Frage der nach Russland deportierten ukrainischen Kinder.

Ein Mitglied des ukrainischen Verhandlungsteams beschrieb mir gegenüber die Gespräche so: „Sie sprechen nicht mehr über die Krim. Krim ist erledigt. Sie sprechen über Pokrowsk und über die Frage, wer am 1. Januar 2027 Strom nach Saporischschja liefert.“ 

Die Gespräche endeten am Abend des 5. Februar 2026 ohne Ergebnis. Eine vierte Runde war für den März in Abu Dhabi angesetzt; sie wurde wegen der US-israelischen Operationen gegen Iran verschoben und nie nachgeholt. Zwischen dem letzten Tag in Saadiyat und Putins Auftritt auf dem Roten Platz lagen neunzig Tage. In diesen neunzig Tagen wurde nicht viel verhandelt. Es wurde gekämpft. 

Am 4. März 2026, drei Wochen nach dem Ende der Gespräche in Saadiyat, unterschrieb Wladimir Putin ein Dekret. Es legte die Sollstärke der russischen Streitkräfte auf 2.391.770 fest, davon 1.502.604 Soldaten. Es war die dritte Aufstockung seit Beginn des Krieges. Sieben Komma drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen in Verteidigung und innere Sicherheit. Die Rüstungsindustrie produziert mit einer Intensität, die nur ein einziges Endprodukt kennt. Das ist die Struktur eines Staates im Totalen Krieg, aufgesetzt auf eine Wirtschaft, die seit anderthalb Jahren bei einem Prozent stagniert.

Sollstärke 1.502.604 Soldaten. Monatliche Rekrutierung von 30.000 bis 40.000 Mann. Die Schere zwischen Anspruch und Realität öffnete sich im Januar 2026. NATO-Generalsekretär Mark Rutte bezifferte Anzahl derdie russischen monatlichen Toten in einer öffentlichen Erklärung auf bis zu 25.000 Mann und nannte diese Größenordnung „unsustainable„. Verwundete, Vermisste, Gefangene nicht eingerechnet.

Die naheliegende Antwort wäre eine zweite Teilmobilmachung, im Kreml seit September 2022 eigentlich tabuisiert. Damals trieb die erste Welle Hunderttausende junger Männer über die Grenzen nach Georgien, Kasachstan und Armenien. Die innenpolitischen Kosten der Bilder prägten die Entscheidung, stattdessen Soldaten zu erkaufen. Regionale Antrittsprämien für Vertragssoldaten liegen 2026 bei 1,3 bis 2 Millionen Rubel; in einigen föderalen Republiken, wie Burjatien, Tuwa, Dagestan, überschreiten sie das durchschnittliche Jahresgehalt um ein Vielfaches. Sie sind nicht mehr nur der Anreiz für den Krieg. Heute sind die Wirtschaftsgrundlage der Heimatregionen, aus denen die Männer kommen. Russland kann diese Prämien nur schwer senken, ohne die Rekrutierung zu verlieren, und es kann sie nicht beibehalten, ohne den Haushalt zu sprengen. Beides ist möglich, weil eines die Voraussetzung des anderen geworden ist.

Was für die Männer gilt, gilt für die Maschinen, die sie versorgen. Die russische Rüstungsindustrie ist seit 2023 die einzige Branche, die ungebremst wächst. Die Bank von Finnland beziffert das Wachstum der kriegsrelevanten Manufaktur 2025 auf zwanzig Prozent, das aller übrigen Manufakturbranchen zusammen auf 0,4 Prozent. Was diese Industrie produziert, hat keinen zivilen Markt mehr. Uralwagonsawod, der größte Panzerhersteller der Welt, baut keine Eisenbahnwaggons in nennenswerter Stückzahl mehr. Kurganmaschsawod, 2017 übrigens noch beinahe bankrott, einst Lieferant von Bussen und Bergbauausrüstung, produziert ausschließlich Schützenpanzer. Die Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan, einst Empfängerin europäischer Direktinvestitionen und die Vorzeigeregion deutscher Fabrikanten, montiert nur noch iranische Shahed-Drohnen. Solange der Krieg läuft, läuft ihre Auftragslage. Solange ihre Auftragslage läuft, läuft der Krieg.

Der Kreml hat mit der Frage Erfahrung, was geschieht, wenn ein Staat Männer aus einem Krieg entlässt, für den er nicht mehr gerüstet ist. Putin selbst war 1989 Oberstleutnant des KGB in Dresden, als die ersten afghanzy heimkamen — rund 620.000 Veteranen aus einem Krieg, der die Sowjetunion mehr als 13.000 Mann gekostet hatte. Sie kehrten in einen Staat zurück, der sich anderthalb Jahre später auflöste. Aus ihren Verbänden rekrutierte sich, in den neunziger Jahren, ein wesentlicher Teil dessen, was im Westen als russische Mafia bekannt wurde. in St. Petersburg, wo Putin unter Anatoli Sobtschak ab 1991 als Vize-Bürgermeister arbeitete, übernahmen diese Strukturen exekutive Rollen. 1996 und 2009 endeten die beiden Tschetschenienkriege — der zweite unter Putins eigener Präsidentschaft — ohne Demobilisierung im engeren Sinne. Der Veteranenkörper wurde in die Kadyrowzy überführt, eine bewaffnete Struktur, die heute über mehr schwere Waffen verfügt als die meisten NATO-Mitgliedstaaten Osteuropas. 2023, in seinem dritten Jahrzehnt an der Macht, kehrte Wagner aus Bachmut zurück. Zwei Monate später marschierte Prigoschin auf Rostow. Zwei Monate danach explodierte sein Flugzeug. Drei Demobilisierungen. Eine endete im Zerfall des Staates, eine in der Privatisierung der Gewalt, eine im Aufstand. Keine ist die Vorlage für die vierte, die ansteht.

Putin: dreiundsiebzig. Patruschew Senior: vierundsiebzig. Bortnikow: vierundsiebzig. Naryschkin: einundsiebzig. Schoigu: einundsiebzig. Die innere Generation, die den Krieg autorisiert hat, ist alt geworden, während sie ihn führte. Die Nachfolgegeneration steht bereit: Dmitri Patruschew Junior als stellvertretender Premierminister, Aleksej Dyumin im Staatsrat, Sergej Kirijenko als Kurator der besetzten Gebiete. Sie erben den Krieg. Was sie nicht erben, ist die Autorität, ihn zu beenden. Wie demobilisiert man einen Staat, der sich für einen Krieg restrukturiert hat? Eine Antwort darauf gibt es nicht. Es gibt nicht einmal ein Verfahren, mit dem sie sich beschaffen ließe.

Am 5. Februar 2026 verhandelten in einem Spa-Trakt in Abu Dhabi drei Delegationen über das Ende eines Krieges. Am 7. Mai schlugen drei Drohnen in einen Kindergarten zwölf Kilometer hinter der Frontlinie ein. Am 9. Mai sprach Wladimir Putin auf dem Roten Platz von einem Ende, das er nicht hat.

Putins Satz war die Inszenierung eines Endes, das unwahrscheinlich erscheint, weil ein Ende für den Staat, der diesen Krieg führt, teurer wäre als seine Fortsetzung. Die Frage ist nicht, ob in Saadiyat ein Frieden verhandelt wird. Die Frage ist, ob es noch einen Staat gibt, der ihn unterschreiben kann.