Die Galerie-Werkstatt Bayer Dormagen liegt idyllisch auf dem Gelände von Kloster Knechtsteden. Rund 250 Mitglieder arbeiten hier in professionell ausgestatteten Werkstätten – die Vielfalt reicht von Malerei über Steinbildhauerei bis hin zu Gold- und Silberschmiedearbeiten. Seit rund 40 Jahren gibt es den Verein. Gewachsen ist er über die Jahre organisch. Doch eines habe sich deutlich verändert, sagt Kathrin Stein, die seit einem Jahr für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist: „Einfach da zu sein, reicht heute nicht mehr. Auf sich aufmerksam zu machen, wird immer anspruchsvoller.“

Früher habe ein Kulturort seine Legitimität allein durch seine Existenz gehabt. Man kannte ihn, man ging hin. „Heute leben wir durch die Sozialen Medien in einer Zeit permanenter Informationsflut“, sagt Stein. Wer wahrgenommen werden wolle, müsse sich klar positionieren – auch als ehrenamtlich geprägter Verein. „Der Anspruch an Professionalität und die damit einhergehenden Erwartungen sind deutlich gestiegen.“

Das betreffe nicht nur große Häuser, sondern gerade kleinere Kulturorte in Mittelstädten wie Dormagen. „Kulturelle Relevanz entsteht nicht nur in Großstädten“, betont Stein. Viele Menschen suchten bewusst kleinere, persönliche Orte. Doch diese müssten sichtbar bleiben – gegen eine Vielzahl digitaler Angebote und Veranstaltungen in der Region.

Für die Galerie-Werkstatt ist das eine strukturelle Herausforderung. Finanziert wird der Verein vor allem durch den namensgebenden Großkonzern, private Förderer sowie Einnahmen aus Seminaren und Ausstellungen. Vieles läuft ehrenamtlich. „Und genau da entsteht die Spannung“, sagt Stein. Der Aufwand für Außendarstellung, Organisation und Koordination sei deutlich gestiegen – die personellen Ressourcen jedoch nicht im gleichen Maße.

Fördertöpfe gebe es zwar, doch Anträge bedeuteten Zeitaufwand, Fachwissen und Formulare. „Das ist mit rein ehrenamtlichen Strukturen kaum dauerhaft zu leisten.“ Öffentlichkeitsarbeit werde vielerorts noch als Nebenaufgabe gesehen. „Das ist ein Fehler“, sagt Stein. „Sichtbarkeit ist keine Kür, sondern Voraussetzung.“

Gleichzeitig dürfe die eigentliche künstlerische Arbeit nicht in den Hintergrund geraten. „Die Kunst steht hier im Mittelpunkt“, betont sie. Die digitalen Kanäle seien ein Sprachrohr – aber kein Ersatz für das Erlebnis vor Ort. „Die eigentliche Begegnung findet hier statt.“ Gerade bei Vernissagen beobachte sie intensive Gespräche zwischen Besuchern und Kunstschaffenden. Dieses direkte Erleben lasse sich nicht ins Netz verlagern.

Dass Orte wie die Galerie-Werkstatt gebraucht werden, daran zweifelt Stein nicht. „Wenn ich hierherkomme, ist alles gut“, sei ein Satz, den sie oft höre. Die Mitgliederzahl sei über die Jahrzehnte gewachsen. Das Interesse an Ausstellungen bleibe hoch. Viele suchten bewusst reale Begegnungen – gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung.

Doch der Druck bleibt. „Der Blick der Menschen hat sich verändert“, sagt Stein. Erwartungen an Organisation, Präsentation und Qualität seien gestiegen. Kleine Kulturorte müssten professionell auftreten – auch wenn sie auf ehrenamtlicher Basis arbeiten.

Für Stein steht deshalb fest: Ehrenamt allein reicht nicht mehr. „Wenn wir solche Orte erhalten wollen, brauchen sie Struktur, Anerkennung und ein Bewusstsein dafür, wie viel Arbeit dahintersteckt.“

Was Mut mache? „Der Zulauf“, sagt Stein ohne Zögern. Das Interesse an Ausstellungen sei hoch, die Rückmeldungen positiv. Gerade nach den Einschränkungen der Corona-Jahre spüre sie wieder eine stärkere Sehnsucht nach realen Begegnungen. „Kunst ist kein triviales Hobby“, sagt sie. „Sie wirkt – auf Menschen, auf Stimmungen, auf Gesundheit.“

Dass es inzwischen sogar Diskussionen über „Kunst auf Rezept“ gebe, zeige, welchen Stellenwert Kultur inzwischen habe. „Solche Orte sind nicht Luxus“, sagt Stein. „Sie sind wichtig – auch präventiv.“