Der Agra-Park ist das Produkt einer Teilung. Der Ende des 19. Jahrhunderts nach englischem Vorbild angelegte Landschaftspark gehört zu einer Hälfte zum Leipziger, zur anderen zum Markkleeberger Stadtgebiet. Physisch geteilt ist das grüne Idyll ebenso, weil die B2 als Hochstraße mittendurch führt. Dass diese Parkverschandelung beendet werden muss, da sind sich beide Gemeinden schon lange einig. Dafür diskutieren sie bereits seit mehreren Jahren verschiedene Tunnellösungen, damit die Straße unter die Erde verschwindet. Doch die Landesregierung reagierte nicht – bis jetzt. Sie plant einen Brückenneubau, der den Park weiter teilen würde.

Der Agra-Park ist in seiner heutigen Anmutung ein interessantes Amalgam aus Landschaftspark und dem DDR-Touch einstiger Gartenschauen. Es gibt die weiße Villa, einen großen Teich mit Enten und eine Halbinsel mit pseudo-antikem Tempel. Ein Rosengarten tut sich auf, zahlreiche Statuen säumen die verschlungenen Wege, aber auch realsozialistische Plastiken sowie Beeteinfassungen und Papierkörbe aus Waschbeton. Für die Leipzigerinnen und Leipziger ist der Park Ausflugsziel und Transitraum auf dem Weg zu den Seen. Menschen aus Markkleeberg nutzen ihn als ihren Stadtpark zum Spazieren, Wiesenpicknicken, Gassigehen. Wer den Park passiert, muss unter der Bundesstraße hindurch, die ihn wie auf Betonstelzen stehend mittig zertrennt. Das zerstört alle ursprünglichen Sichtachsen.

Optische Scheußlichkeit

Anfang der 1970er wurde die B2 auf Betonpfeilern durch den Park getrieben. Auf vier Spuren passieren hier seit 1976 Fahrzeuge über eine Länge von 350 Metern in der Höhe das Areal, über das sich der Lärm hörbar verteilt. Dass sich hier ein eingetragenes Gartendenkmal eröffnet, nehmen daher viele Gäste nicht wahr. Pläne, diese optische Scheußlichkeit zu beseitigen, existieren seit fast zwanzig Jahren. Nur war die sächsische Landesregierung nicht willens, das Vorhaben umzusetzen.

Bereits 2008 lag eine Lösung vor, die Straße unter dem denkmalgeschützten Gelände durchzuführen. Diese Tieferlegung würde die optische Teilung heilen und die Geräuschkulisse dämmen. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, wurde der Bürgerverein Pro-Agra-Park 2012 gegründet. Gemeinsam unterstützen die Leipziger wie die Markkleeberger Stadtverwaltungen seit dieser Zeit diese sogenannte Troglösung samt Deckelung. Man hebt dafür einen Graben aus, in welchem die Straße verläuft. Diese wird dann mit einem Betondeckel abgedeckt, der begrünt werden kann. Für diesen Trog fallen die Baukosten viel geringer aus als für eine unterirdische Tunnelbohrung. Dadurch könnte man den Park in seiner Originalgestaltung wiederherstellen, könnte wieder ein Staudengarten anstelle der Brücke blühen.

Dann brach die Carolabrücke

Damals freute man sich auf eine Realisierung im Jahr 2018, denn die Brücke befand sich bereits in sehr marodem Zustand. Es war klar, dass bald ein Ersatz hermusste. Jedoch begannen die CDU-geführten Landesregierungen nicht mit der Planung, schoben diese immer wieder unbegründet auf. Statt Mittel bereitzustellen und Bauarbeiten beginnen zu lassen, stellte das Landesamt für Straßenbau und Verkehr Schilder mit Geschwindigkeitsbegrenzung auf. Das sollte die weitere Beschädigung des Bauwerks abmildern, welches rund 30.000 Fahrzeuge täglich queren.

Zeitdruck verspürten die Verantwortlichen angesichts des maroden Zustands offenbar nicht. Das Landesamt, das für den Bund die Planung des Abschnitts übernommen hatte, prüfte Varianten und schob Planungen immer wieder auf. Auch nach der Zusage von Bund und Land für die Trogvariante 2021 erfolgten keine konkreten Schritte. Dann brach die Carolabrücke 2024 in Dresden.

Der Einsturz des Bauwerks löste Panik aus. Denn derselbe Spannstahl aus Hennigsdorfer Produktion ist auch woanders verbaut – unter anderem in der Agra-Brücke.

Eine Sonderprüfung im Herbst 2025 bestätigte, was zuvor befürchtet wurde: Die Bausubstanz weist gravierende Schäden auf. Man sperrte die Brücke für Fahrzeuge mit einem Gewicht über 3,5 Tonnen und verstärkte sie mit 400 zusätzlichen Stützen. Aktuell fließt der Verkehr nur über den östlichen Brückenzug. Plötzlich soll alles schnell gehen. Der derzeit gesperrte westliche Teil soll ab 2027 abgerissen und erneuert werden. Ab 2029 folgen Abriss und Neubau des östlichen Teils. Schon 2031 soll die neue Brücke die alte ersetzen. So lautet der Plan des Sächsischen Staatsministeriums für Infrastruktur und Landesentwicklung. Ein Ersatzbau an Ort und Stelle würde ein Planfeststellungsverfahren erübrigen, was Kosten und Zeit spart, so argumentiert die zuständige Ministerin Regina Kraushaar (CDU). Immerhin ist die Brücke eine für Stadt und Umland wichtige Verkehrsachse. Die Kosten beziffert das Ministerium auf 50 Millionen Euro, der Bund trägt diese. Eine Tunnellösung wäre laut der Landesregierung fast dreifach so teuer.

Wiederholung des »Raubbaus«

In Zeiten klammer Kassen Geld zu sparen, leuchtet ein. Doch sei das kurzsichtig, warnen Kritiker. »Inakzeptabel« nennt ein offener Brief der Kulturstiftung Leipzig an die Sächsische Staatsregierung die Entscheidung. »Die Errichtung der Agra-Brücke im Zuge des Braunkohle-Tagebaus war ein Akt des Raubbaus an Natur und Kulturlandschaft, von dem sich der Park und die angrenzenden Gebiete in Markkleeberg und im südlichen Leipzig nie erholen konnten.« Die Brückensanierung würde diesen Raubbau erneuern – und bestätigen. Den Brief haben die Städte Leipzig und Markkleeberg, der Landkreis Leipzig sowie mehrere Fachverbände und Initiativen wie die Architektenkammer Sachsen unterschrieben. Sie fordern die Prüfung baulicher Alternativen.

Der jetzt vorgesehene Ersatzbau, so der Tenor, »würde einen von der DDR hinterlassenen eklatanten städtebaulichen Missstand für die nächsten Generationen zementieren und zugleich das Vertrauen der Politik bei Bürgerinnen und Bürgern verspielen, die sich jahrzehntelang ehrenamtlich für die Zukunft des Agra-Parks eingesetzt haben«. Immerhin hätten Land und Bund mehrfach ihre Zustimmung zum Trog signalisiert und der Handlungsbedarf bestand seit vielen Jahren. Die bestehende Zeitnot sei dem von den Regierungen verursachten Investitionsstau geschuldet. Es wurde bis auf eine Temporeduzierung auf 60 Kilometer pro Stunde nichts unternommen, obwohl die Baufälligkeit der Brücke bekannt war. Plötzlich wird mit Dringlichkeit argumentiert. Einige Kritiker bezweifeln außerdem, dass die vom Ministerium anvisierten Baukosten von 50 Millionen Euro realistisch kalkuliert wurden.

Unterdessen fordern die Markkleeberger und Leipziger Stadtratsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen verwaltungsrechtliche Schritte. Sie stellen mit Verweis auf Experten fest, dass der Ersatzbau wie vom Ministerium anvisiert ohne ein Planfeststellungsverfahren überhaupt nicht möglich ist. Dieses ist aber als Faktor Zeit das Hauptargument gegen Brückenalternativen. Die Leipziger und Markkleeberger Oberbürgermeister und der Landrat des Landkreises Leipzig sollten daher, so die Forderung, umgehend beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr Akteneinsicht in den Verwaltungsvorgang zur Agra-Brücke erhalten. Sie sollen prüfen, ob das Ministerium gegen Baurecht verstieß, und im Zweifelsfall Widerspruch einlegen und gerichtliche Schritte einleiten. Kristina Weyh, mobilitätspolitische Sprecherin der Leipziger Stadtratsfraktion, erklärt: »Die Ministerin sollte sich nicht selbst überschätzen und in Basta-Manier längst vergangen geglaubte Macht gegen den Willen der Bürger*innen und ihrer breiten Basis von Volksvertreter*innen durchsetzen. Ohne erneutes rechtmäßiges Planfeststellungsverfahren erscheint der Ersatzneubau rechtswidrig.« Letztlich wird es also auf eine juristische Bewertung hinauslaufen, ob der Freistaat recht hat und tatsächlich kein Planfeststellungsverfahren benötigt.

Projekt des Zusammenwachsens

Ihr Markkleeberger Kollege, Stadtrat Danny Lietz, betont, dass sich Leipzig und Markkleeberg den Park seit Generationen »teilen und gemeinsam schätzen«. Es gehe um mehr als um eine Verkehrsverbindung und Straßenplanung. Die Natur zerschneidende B2 auf Stelzen ist außerdem ein Symbol für das veraltete Planziel der autogerechten Stadt. Die Troglösung – mit einem Einlenken des Landes ist sie noch möglich – wäre ein Signal für einen Paradigmenwechsel in der Planung: dass diese vom Menschen ausgeht, nicht von seinen Fahrzeugen.

Dann könnten Besucher den denkmalgeschützten Park wieder in Gänze wahrnehmen, könnte dieser zum beliebten grünen Areal zwischen beiden Städten gedeihen. Der Agra-Park wäre dann Projekt eines Zusammenwachsens und kein Produkt einer Teilung mehr.