Der ältere Herr mit dem braunen Sakko wuchtet den zweiten Kasten Bier in den Kofferraum seines in die Jahre gekommenen VW Polo. Unter großzügiger Auslegung der Straßenverkehrsregeln hat er ihn halb auf dem Gehweg, halb in der Hofeinfahrt abgestellt. „Des is fei nur für den Eigenbedarf“, sagt er mit einem Augenzwinkern und steigt ein. Kommen und Gehen hier am Giesinger Berg, inmitten eines Münchner Arbeiterviertels, das sein Underdog-Image lebt. Kein Zufall, dass ausgerechnet hier eine Geschichte geschrieben wird wie diese. Die Geschichte eines Mannes, der keine Kohle hat, aber eine Idee. Der sich mit den Großen anlegt, scheitert, wieder aufsteht. Die Geschichte von Steffen Marx und seinem Giesinger Bräu, der in München zum Kult wurde und bald auch den Augsburgern einen einschenken will. Oder zwei.
Anfangs durfte Giesinger gar kein Münchner Bier brauen
Am anderen Ende der Stadt sitzt jener Steffen Marx an einem Holztisch und macht sich eine Dose Bier auf. „Das Geräusch müsste man eigentlich aufnehmen“, sagt er und nimmt einen großen Schluck. „Untergiesinger Erhellung“ steht auf der Dose. Der Name stammt aus einer Zeit, als er noch kein „Münchner Bier“ herstellen durfte. Aber dazu später.
Angefangen hat alles vor gut 20 Jahren in einer Doppelgarage in Untergiesing. Dort braute sich Marx mit ein paar Freunden einst seine erste Halbe zusammen, für den eigenen Durst und bald auch für die Nachbarn. Sie haben Spaß, verdienen aber kein Geld. Und das wird lange so bleiben. Die entscheidende Wendung nimmt die Geschichte erst in jenem Hinterhof, aus dem gerade der alte VW Polo weggefahren ist.
Steffen Marx stürzt sich ins Abenteuer seines Lebens – oder in den Ruin?
Am Giesinger Berg, gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche, die heute das Firmenlogo ziert, steht damals eine alte Trafohalle leer. Mit mehreren Gesellschaftern, einem Haufen kleiner Investoren, die sich mit ein paar Euro beteiligen und ihre Zinsen in Form von Bier bekommen, und mit zwei Millionen Euro Schulden bei der Bank stürzt sich Marx ins Abenteuer seines Lebens – oder halt in den Ruin. Das kann damals keiner so genau sagen.
Am Anfang sammelt er noch das Leergut der Konkurrenz in der Stadt ein, füllt die Bügelflaschen neu ab und klebt das eigene Logo drauf. Doch schon bald wird aus dem Giesinger Bräu ein unglaublicher Erfolg. Sogar einen Kinofilm war die Story wert. Premiere: im Grünwalder Stadion. Das liegt ein paar hundert Meter die Straße rauf und wird hier nur „das Sechzger“ genannt, weil hier der TSV 1860 spielt, noch so ein Giesinger Underdog.
„Das Viertel ist unsere Heimat und ohne die Menschen dort wären wir jetzt nicht da, wo wir sind. Zwei-, dreimal standen wir kurz vor der Pleite, aber wir haben es geschafft und ich finde, das sollte eine Mutmacher-Geschichte für andere sein“, sagt Marx. Doch nicht allen gefällt diese Geschichte. Die „Großen Sechs“ sind alarmiert.
Sechs Münchner Bier-Dynastien teilten sich die Stadt auf
Seit Jahrhunderten prägten sechs Traditionskonzerne die Stadt – und haben sie unter sich aufgeteilt: Hofbräu, Paulaner, Löwenbräu, Spaten, Hacker-Pschorr und Augustiner. Nur sie durften „Münchner Bier“ brauen und: nur sie dürfen auf dem Oktoberfest ausschenken. Marx wollte das ändern. Und brauchte dafür schon wieder Geld. Über ein „Crowdfunding“ sammelte er Kapital, um einen Tiefbrunnen bohren zu können. Unter den Investoren waren übrigens auch eine Menge Augsburger. Das wird noch wichtig.
Jedenfalls: Nur, wer sein Bier mit Tiefenwasser aus dem Stadtgebiet braut, darf das Ergebnis offiziell „Münchner Bier“ nennen. Neben einer Müllkippe im Norden der Stadt fand Marx ein passendes Grundstück. Dort wurde gebohrt, dort steht heute das Werk 2, in dem der 48-Jährige gerade seine zweite Dose Bier aufmacht.
Um die Marke bekannter zu machen, eröffnet Giesinger Bräu außerdem 2019 in einer kleinen Bude in der Innenstadt seinen ersten Stehausschank. Ein Konzept, das dem Naturell des Chefs entspricht. „Ich will nicht in irgendwelchen Strategiesitzungen hocken, sondern selbst draußen vor Ort sein, ein paar Bier trinken, mit den Leuten quatschen“, sagt er. Für ihn ist so ein Stehausschank „die bayerische Variante einer italienischen Espresso-Bar“. Inzwischen gibt es acht davon in München. Der erste Laden außerhalb der Stadtgrenzen startet im Juli – in Augsburg. Und das ist kein Zufall.
Die Nähe ist Marx wichtig und dass es die Marke Giesinger dort schon im Handel gibt. Und dann sind da ja noch all die Augsburger Investoren, die damals beim Brunnen geholfen haben. „Außerdem gibt es eine Menge Leute dort, die zur Arbeit nach München pendeln. Da konnten wir es einfach nicht länger verantworten, dass all die Väter auf dem Heimweg dauernd an unseren Läden in München hängengeblieben sind und dann so spät nach Hause kamen. Also haben wir gesagt: Wir bringen ihnen ihr Feierabendbier nach Augsburg“, sagt er, nicht ganz so bierernst.
Nächstes Ziel: Giesinger Bräu will endlich auf die Wiesn
Die Expansion soll den Underdog, der inzwischen 130 Mitarbeiter beschäftigt und 13 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht, auch einem anderen, einem großen Ziel entgegenbringen: Giesinger Bräu will auf die Wiesn. Die zwei wichtigsten Kriterien erfüllt er inzwischen: Er braut mit Münchner Tiefenwasser und schafft die Mengen, die fürs Oktoberfest gebraucht werden. Um ein Zelt auf der Theresienwiese zu bekommen, muss man aber halt auch die richtigen Leute kennen und überzeugen. Die „Großen Sechs“ werden da eher nicht helfen. Immerhin: Der neue Oberbürgermeister Dominik Krause kommt selber aus Giesing. Vielleicht bringt das ja was.
Im Werk 2, in dem tausende Flaschen und Bierkisten auf Förderbändern unterwegs sind, gibt es an der Wand ein Graffiti: „Auf der Wiesn 2018“, steht da. Die Jahreszahl wurde später durchgestrichen, durch 2019 ersetzt. Auch durchgestrichen. Und so geht das seither immer weiter. Aber Marx war ja noch nie ein Typ fürs Aufgeben. „Ich wollte eigentlich auf der Wiesn sein, wenn ich 50 werde. Das wäre nächstes Jahr, könnte also knapp werden. Aber wenn es noch ein Jahr länger dauern sollte, würde ich das notfalls auch unterschreiben“, sagt er, lächelt und stellt die zweite Dose auf den Tisch. Sie ist leer.