Seit Donald Trumps Angriff auf den Iran Ende Februar blickt die Welt gebannt auf ein geografisches Nadelöhr im Persischen Golf. An ihrer engsten Stelle ist die Straße von Hormus nicht mal 40 Kilometer breit. Doch fast ein Viertel der globalen Energieversorgung wird von Tankern über diesen Engpass abgewickelt. Der Iran und die USA blockieren die Passage, um in den Verhandlungen um einen Friedens-Deal Druck auf den Gegner auszuüben.
Die Folgen sind steigende Preise und schwere wirtschaftliche Schäden, vor allem für Europa. Es scheint, als würde die Weltwirtschaft in Hormus in den Würgegriff genommen. Im Englischen werden sensible Schlüsselstellen wie die Meerenge daher „Chokepoints“ genannt – Würgepunkte.


Edward Fishman, ein ehemaliger Top-Diplomat des US-Außenministeriums mit dem Spezialgebiet Europa, Russland und Nahost während der Präsidentschaft Barack Obamas, forscht heute bei der Washingtoner Denkfabrik Council on Foreign Relations über die Bedeutung dieser wunden Punkte in einem global vernetzten Wirtschaftssystem. Fishman glaubt, dass in Zukunft diese Chokepoints noch wichtiger werden und noch häufiger als strategische Druckmittel eingesetzt werden – von kleinen Nationen genauso wie von Großmächten. In einer Welt, in der vor allem Stärke zählt, sind diese Schlüsselstellen die Muskeln.
„Ein altes System zerfällt und ein neues wird aufgebaut“
Fishman erkennt einen fundamentalen Wandel des globalen Wirtschaftssystems: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs bildeten freie Märkte und freie Menschen in den Staaten des Westens – und nach dem Fall der Mauer auch im Osten – das Fundament für Wohlstand und Sicherheit. Enge Handelsbeziehungen, Kooperation und Institutionen wie die Welthandelsorganisation oder die Weltbank kennzeichneten ab den 90er-Jahren eine Ära der Globalisierung. Doch diese alte Ordnung zerfällt nun, meint Fishman. Es drohe eine chaotische Fragmentierung, in der jede Nation ihre eigenen Ziele verfolge.
„Ein altes System zerfällt, ein neues wird aufgebaut, aber niemand weiß, wie es am Ende aussehen könnte“, sagt Fishman. Die Lage erinnert den Fachmann an die 1930er-Jahre. Auch damals ging es um eine Politik des Stärkeren, um Zölle und Kapitalverkehrskontrollen: „Ohne eine Vision für eine neue globale Wirtschaftsordnung werden wir etwas Ähnliches erleben, mit denselben Risiken einer Wirtschaftskrise und eines globalen Krieges“, so Fishman.
Wie können sich also Deutschland und Europa auf eine Zukunft vorbereiten, in der ökonomische Stärke über Sicherheit und auch die Sicherung von Wohlstand entscheidet? Hat auch Europa Waffen, mit dem es sich in einem darwinistisch geprägten Wettbewerb behaupten kann?
Schlüsselstellen und „Chokepoints“ ergeben sich nicht nur aus der Geografie wie in der Golfregion. Die USA nutzen seit Jahren die Macht des US-Dollars als globale Leitwährung für ihre Interessen – etwa um feindliche Regime mit Sanktionen zu belegen.


Hinzu kommen die hochentwickelten Nvidia-Halbleiter, die 85 Prozent des Marktes für KI-Chips beherrschen. Amerikas Rivale China hingegen verarbeitet rund 90 Prozent der weltweiten Seltenen Erden und kontrolliert Würgepunkte bei der Arzneimittelherstellung und Batterietechnologien.
Durch die Dominanz in diesen Branchen verfügen die USA und China über gewaltige Druckmittel, die sie in ihrem Machtkampf wirkungsvoll einsetzen. Als China im vergangenen Jahr Amerikas Zugang zu kritischen Mineralien beschränkte, senkte Trump die Tarife.


Jedes Land wolle Zugang zum gigantischen US-Markt und den Amerikanern Waren oder Dienstleistungen verkaufen, sagt Donald Trump. Doch eine dominante Marktstellung allein ist noch kein wirkungsvoller Chokepoint. Das musste der US-Präsident erkennen, als er am „Liberation Day“ im vergangenen April andere Nationen mit Strafzöllen überzog. Zwar sind die USA tatsächlich Import-Weltmeister. Global betrachtet gehen aber nur etwa 13 Prozent aller Importe in das Land. Selbst wer keinen Zugang zum US-Markt hat, kann immer noch rund 90 Prozent der Weltwirtschaft beliefern.
Das erklärt, so Experte Fishman, warum Trumps Zölle als Druckmittel oft nicht den gewünschten Effekt erzielt haben. Zwar reduzierten die Tarife im vergangenen Jahr die Exporte Brasiliens und Chinas in die USA deutlich. Aber beide Länder konnten die Verluste erfolgreich auf dem Weltmarkt ausgleichen. Sie erzielten sogar neue Rekorde beim Gesamtexport.
Der Irankrieg verdeutlicht Europas Verletzlichkeit und den wunden Punkt bei der Energieversorgung. Laut EU-Kommission werden 40 Prozent an Kerosin und Diesel durch die Meerenge von Hormus transportiert. Selbst nach der Entkopplung der Gaslieferungen aus Russland nach der Vollinvasion der Ukraine bezieht Europa mehr als die Hälfte seines Energiekonsums von außerhalb des Kontinents. Diese Schwachstelle dient oft als Beispiel für Europas angebliche Macht- und Hilflosigkeit.
„Diese Erzählung ist falsch und führt in die Irre.“
Fishman, der im State Department für Amerikas Strategie für Eurasien zuständig war, sagt: „Diese Erzählung ist falsch und führt in die Irre.“ Auch Europa habe Kontrolle über Schlüsselstellen und vor allem Deutschland sollte mehr Energie und Forschung investieren, um diese Hebel zu identifizieren und sie notfalls als Waffe einsetzen zu können.
Europa sei dann stark, wenn es geschlossen auftritt. Nachdem Trump eine Annexion Grönlands androhte, brachte Europa als Gegenreaktion den Einsatz seiner wirtschaftspolitischen „Bazooka“ ins Spiel – dem Antizwangsinstrument, das amerikanische Unternehmen mit hohen Beschränkungen belegen würde. Der Aktienmarkt wurde nervös und Trump vollzog den TACO (Trump always chicken out – Trump kneift immer). Dass US-Techkonzerne ein Viertel ihres Umsatzes in Europa erwirtschaften, sei eine amerikanische Schwachstelle, die Europa instrumentalisieren könne, so Fishman.
Wer mit der Handels-Bazooka feuert, verletzt den Feind, aber auch sich selbst. Marktbeschränkungen schmerzen auch die eigene Wirtschaft. Und dass große Konsumentenmärkte als Druckmittel nur bedingt taugen, musste schon Trump erfahren. Effektive Chokepoints ergeben sich vielmehr aus echten Monopolstellungen, so Fishman.
„Europa hat durchaus Kontrolle über Schlüsselstellen in der Weltwirtschaft“, sagt der Experte. Und verweist auf das Unternehmen ASML aus den Niederlanden. Ohne dessen EUV-Lithografiesysteme geht bei der Herstellung von High-End-Chips, wie sie in KI-Servern massenhaft verbaut sind, nicht viel. Das gilt auch für die optischen Systeme der deutschen Firma ZEISS, die eng mit ASML zusammenarbeitet. Auch andere deutsche Firmen und Mittelständler dominieren in Nischenbranchen, woraus sich Engpässe ergeben.
Handelszone für kritische Mineralien könnte Westen zusammenbringen
In Handelskriegen sind Würgepunkte nur dann von Vorteil, wenn sie strategisch eingesetzt werden, so Fishman. Sonst verliert der Hebel langfristig seine Wirkung. Schwachstellen werden beseitigt oder zumindest ihre Empfindlichkeit reduziert. Das versuchen etwa die USA, indem sie eine Kooperation mit anderen Staaten über den Zugang und die Verarbeitung von Seltenen Erden schaffen wollen, um Chinas Monopol zu brechen. Auf Einladung von US-Vizepräsident JD Vance nahm auch Deutschland an dem Gipfel teil.
Die von Trump vorgeschlagene Handelszone für kritische Mineralien und Seltene Erden könnte die kriselnde Allianz des Westens wieder zusammenbringen, so Fishman. Durch die Initiative würden die EU, Japan und andere US-Verbündete Mindestpreise festlegen, die Finanzierung von Abbau und Verarbeitung koordinieren und sich zu stabilen Konditionen gegenseitig mit Mineralien beliefern. America First hört also dort auf, wo Amerikas Verletzlichkeit beginnt. Auch in der zukünftigen Wirtschaftsordnung könnten starke Partnerschaften wichtig bleiben, glaubt Fishman. Zumal man sich mit vereinten Kräften eher aus einem Würgegriff befreit als allein.