Europas Problem ist nicht eine fehlende Toleranz, sondern eine falsche Vorstellung von Toleranz. Eine offene Gesellschaft bleibt nur offen, wenn sie ihre Werte verteidigt. So hingegen zahlen Frauen und Juden den Preis für die Ignoranz.
Schon wieder ein Schock in London. Schon wieder Angst, Unsicherheit und Panik in der jüdischen Community Großbritanniens. Ein Attentäter stach auf der Golders Green Road wahllos auf Passanten ein. Der Ort war nicht zufällig gewählt. Golders Green ist eines der Zentren jüdischen Lebens in London.
Der Täter verletzte zwei jüdische Männer im Alter von 76 und 34 Jahren. Er war wegen schwerer Gewaltdelikte bekannt und einschlägig vorbestraft. Zur Tat bekannte sich später die neu gegründete iranische Terrorgruppe Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia (HAYI). Sie reklamierte bereits mehrere Angriffe auf jüdische und israelische Ziele für sich. Hinter ihr steht wahrscheinlich das islamistische Regime in Teheran, das seit Jahren Terrornetzwerke in Europa aufbaut und steuert.
Wer verstehen will, warum solche Gruppen in Europa überhaupt Resonanz finden, muss begreifen, dass Antisemitismus in islamischen Milieus nicht nur ein Vorurteil ist. Er ist identitätsstiftend. Der Jude erscheint dort nicht als Individuum, sondern als Symbol: für den Westen, für Liberalismus, für Moderne, für eine als demütigend empfundene Weltordnung. Genau deshalb funktioniert antisemitische Mobilisierung emotional so schnell – auch bei jungen Menschen, die nie im Nahen Osten gelebt haben.
Großbritannien steht massiv unter Druck. Premierminister Keir Starmer verurteilte den Angriff öffentlich, wirkte dabei jedoch eher defensiv als entschlossen. Denn der Anschlag reiht sich ein in eine Serie antisemitischer Vorfälle, die seit dem 7. Oktober dramatisch zugenommen haben.
Jüdische Gruppen demonstrierten nach der Tat durch Golders Green und warfen der Regierung vor, jüdisches Leben nicht ausreichend zu schützen. „Was haben die USA, Israel oder der Iran mit uns zu tun – wir sind britische Bürger“, sagte eine ältere Londonerin verzweifelt zu einem BBC-Reporter. Diese Frage trifft den Kern.
Keine isolierten Einzelfälle
Denn viele Konflikte des Nahen Ostens werden längst auf europäischem Boden ausgetragen. Der Iran agiert dabei besonders aggressiv. Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 erklärte bereits 2024, zwischen 2022 und 2024 mehr als zwanzig Anschlagspläne mit iranischem Hintergrund verhindert zu haben. Im Mai 2025 wurden mehrere Männer festgenommen, die Angriffe auf Synagogen und jüdische Einrichtungen geplant haben sollen. Im März 2026 wurden zwei iranisch-britische Männer angeklagt, jüdische Personen und Einrichtungen ausgespäht zu haben.
Hinzu kamen Brandanschläge auf Synagogen, jüdische Einrichtungen und Rettungsfahrzeuge des freiwilligen jüdischen Hilfsdienstes Hatzolah. Viele dieser Taten wirken auf den ersten Blick wie Einzelfälle. In Wahrheit zeigen sie ein Muster: Antisemitismus wird militanter, internationaler und ideologisch aufgeladener. Das britische Zentrum für Terroranalyse (JTAC) schätzt die aktuelle Terrorgefahr als sehr hoch ein, vor allem wegen der „Zunahme an islamistischen und rechtsradikalen Bedrohungen“.
Antisemitische und israelfeindliche Rhetorik ist schon seit langem in der britischen Bevölkerung wie in der Politik virulent. Die Debatte um Antisemitismus in der britischen Politik trifft zunehmend auch prominente muslimische Vertreter, etwa den amtierenden Bürgermeister. Viele Bürgerinnen und Bürger, die seit Generationen im Land sind, kommen aus ehemaligen Kolonien wie Pakistan und Indien.
Zusammen mit Linken, Labour-Anhängern und anderen britischen Bürgern zogen britische Muslime gegen den Gaza-Krieg auf die Straße, zu manchen Demonstrationen kamen Hunderttausende. Kürzlich aus muslimisch geprägten Ländern Eingewanderte finden beim Thema Antisemitismus in England direkt Anschluss an die Rhetorik ihrer Heimatländer. In Panik erhöht Großbritanniens Regierung jedes Mal die Summe, die der Staat für den Schutz jüdischer Communitys zur Verfügung stellt. Nach dem Messerangriff in Golders Green wurde sie um 25 Millionen Pfund erhöht, für 2026 sind insgesamt 58 Millionen Pfund vorgesehen.
Die Täter handeln nicht im luftleeren Raum. Sie bewegen sich in digitalen Echokammern, in denen Judenhass normalisiert wird. Junge Menschen konsumieren antisemitische und islamistische Inhalte heute nicht mehr nur in extremistischen Vereinen oder Hinterhofmoscheen, sondern auf TikTok, Telegram oder Instagram. Dort werden Opfermythen, Verschwörungserzählungen und Gewaltfantasien emotional verpackt und algorithmisch verstärkt.
Zusammen mit der antiisraelischen Mobilisierung während des Gaza-Kriegs entstand so ein Klima, in dem sich Islamisten, radikale Aktivisten und antisemitische Milieus gegenseitig verstärken. Entscheidend ist dabei nicht die Herkunft allein. Millionen Migranten in Europa leben friedlich und loyal gegenüber demokratischen Werten. Das Problem entsteht dort, wo islamistische Ideologien, antisemitische Feindbilder und autoritäres Denken nicht hinterfragt, sondern familiär, religiös oder digital weitergegeben werden.
Angst vor Rassismusvorwürfen
Genau hier liegt Europas eigentliche Schwäche. Denn viele europäische Gesellschaften tun sich bis heute schwer, den politischen Islam klar zu benennen. Aus Angst vor Rassismusvorwürfen wird relativiert, beschwichtigt und verdrängt. Teile von Politik, NGOs und akademischen Milieus behandeln Islamismus noch immer eher als soziales Missverständnis – und nicht als Ideologieproblem.
Besonders sichtbar wird das an Universitäten. An einigen Hochschulen kam es seit dem 7. Oktober zu Besetzungen, Einschüchterungen und aggressiven Kampagnen gegen jüdische Studierende oder Dozenten. Dazu kommt ein akademisches Klima, in dem bestimmte Themen nur noch unter moralischem Vorbehalt diskutiert werden. Nicht die Wissenschaft insgesamt ist das Problem. Aber aktivistische Strömungen innerhalb einzelner sozial- und kulturwissenschaftlichen Milieus relativieren islamistischen Antisemitismus oder erklären ihn fast ausschließlich als Folge westlicher Politik.
Wer Frauenrechte in muslimischen Gesellschaften anspricht, wer über Antisemitismus oder Integrationsdefizite spricht, wird schnell als „islamophob“, „rassistisch“ oder „kulturalisierend“ etikettiert. Diese Reflexe verhindern längst notwendige Debatten.
Das Problem ist nicht die Demografie. Das Problem ist die Ideologie. Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit oder autoritäres Denken verschwinden nicht automatisch durch einen Grenzübertritt. Integration bedeutet mehr als Sprache, Arbeit und Aufenthaltsstatus. Sie bedeutet die aktive Vermittlung demokratischer Werte und die klare Erwartung, dass diese Werte auch gelten. Genau hier scheitert Europa häufig. Nicht weil Vielfalt unmöglich wäre, sondern weil man Konflikte zu lange verdrängt hat.
Das Kernproblem Europas ist deshalb nicht Toleranz, sondern eine falsche Vorstellung von Toleranz. Eine offene Gesellschaft bleibt nur offen, wenn sie bereit ist, ihre eigenen Werte zu verteidigen. Wer Intoleranz aus Angst vor Konflikten toleriert, produziert am Ende keine Vielfalt, sondern Einschüchterung und Dominanz.
Genau deshalb ist der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur eine Sicherheitsfrage. Er ist ein Kampf um die kulturelle und demokratische Zukunft Europas.