Das Ernst-Sigle-Gymnasium in Kornwestheim wird wohl umbenannt werden. Foto: Simon Granville
Lange wurde die NS-Vergangenheit eines Ehrenbürgers in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) totgeschwiegen. Nun kommt sie ans Licht. Viel zu spät, aber es ist kein Einzelfall.
Vor bald 100 Jahren hat Kornwestheim einen seiner berühmten Söhne zum Ehrenbürger ernannt. Vor mehr als sechs Jahrzehnten wurde das örtliche Gymnasium nach ihm benannt. Ein neues Gutachten zeigt nun aber, dass Ernst Sigle, Lenker der Salamander-Schuhfabrik, in NS-Verbrechen verstrickt war. Die Historikerin Anne Sudrow empfiehlt deshalb die Umbenennung des Gymnasiums.
Sigle hat jüdische Mitgesellschafter aus der Firma getrieben. Er hat Zwangsarbeiter eingesetzt und nichts getan, um deren elende Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Sigle hat als technischer Leiter auch von Menschenversuchen im KZ gewusst, davon profitiert und das Vorhaben unterstützt.
Aufarbeitung sehr spät
Nach dem Krieg hat Ernst Sigle laut Sudrow außerdem zwei Männer in leitender Funktion zu Salamander geholt, die „in der NS-Zeit in Kriegsverbrechen eingebunden“ waren.
So deutlich die Erkenntnisse von Sudrow sind, so sehr bohrt die Frage, warum es 80 Jahre gedauert hat, bis sich jemand mit der NS-Vergangenheit von Ernst Sigle befasst hat. Eine Rolle spielt da sicherlich die Bedeutung Salamanders für die Stadt Kornwestheim. Der wirtschaftliche Erfolg der Schuhfabrik trug entscheidend dazu bei auch die Stadt wachsen zu lassen.
Bücherei in Bietigheim
Noch heute gehört Salamander, auch wenn es das Unternehmen so nicht mehr gibt, fest zur DNA der Stadt und vieler Familien. Dass die Firma, die so vielen ein gutes Leben ermöglichte und an deren Erfolg so viele unbescholtene Menschen nach dem Krieg beteiligt waren, von der NS-Diktatur profitierte, wurde deshalb lange totgeschwiegen.
Dass nun auch durch einen Oberbürgermeister, der auf Transparenz setzt und Unangenehmes zulässt und aushält, das Schweigen gebrochen wurde, kann der Stadt bei der Weiterentwicklung und dem unverkrampfteren Umgang mit der eigenen Geschichte nur helfen.
Gleiches ist Bietigheim-Bissingen zu wünschen. Seit mehr als einem Jahr ist dort ein Gutachten bekannt, das zeigt, dass Otto Rombach, nach dem die Stadtbücherei benannt ist, an NS-Propaganda mitarbeitete. Wie bei Sigle hat sich damit eigentlich die Vorbildfunktion für junge Menschen erledigt, Ehrungen sind fehl am Platz. Dennoch schafft es die Stadt bis dato nicht, das Thema Umbenennung anzugehen. Ob das wirklich, wie es offiziell heißt, nur an „begrenzten personellen Ressourcen“ in der Verwaltung liegt, ist zumindest fragwürdig.