Im Kunstgebäude am Schlossplatz Stuttgart zu sehen: Kunstmuseums-Schau „Das kalte Herz“ Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Das Kunstmuseum Stuttgart ist zu und zeigt doch eine neue Schau. „Das kalte Herz“ sei im „Kunstgebäude“ zu sehen, steht auf der Kunstmuseums-Fassade. Aber wo ist dieses „Kunstgebäude“?
Ein großes gelbes Herz leuchtet auf der Fassade des Glaskubus des Kunstmuseums Stuttgart am Schlossplatz. Darunter ein Titel – „Das kalte Herz“ – und ein Pfeil, der nach rechts weist – mit dem Hinweis „Kunstgebäude“. Nur – wo ist nun dieses „Kunstgebäude“. Rechts des Kunstmuseums Stuttgart jedenfalls nicht. Dort lockt der Königsbau mit Handel und Gastronomie.
Ein Hinweis hilft. Am Schlossplatz muss es sein, dieses „Kunstgebäude“. Dann also der Rundblick über einen der schönsten Innenstadt-Plätze Europas und Herzstück des Kulturquartiers Stuttgart mit seiner national einmaligen Dichte herausragender Kultureinrichtungen. Wer das Kunstmuseum Stuttgart im Rücken hat, schaut rechts auf das Alte Schloss, Sitz des Landesmuseums Württemberg, sieht weiter hinten das Institut für Auslandsbeziehungen und gegenüber das alles überstrahlende Neue Schloss. Links? Findet sich der Königsbau, lockt das „Cinema“-Logo in die Innenstadtkinos in der Bolzstraße, kann man den die Königstraße beschließenden Bahnhofsturm erkennen.
Das Kunstmuseum Stuttgart wird umfassend saniert – das Restaurant Cube und das Café im Erdgeschoss sind weiter geöffnet Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Und was schließt sich auf der linken Schlossplatzseite an? Der hell strahlende Königin-Olga-Bau mit Carls Brauhaus. Das „Kunstgebäude“? Ach, das ist das mit dem goldenen Hirsch drauf?! Stimmt. Hier, wo unter Herzog Ludwig von 1584 bis 1593 der damalige Hofbaumeister Georg Beer das Neue Lusthaus entstehen ließ, konzipierte Theodor Fischer das von 1910 bis 1913 realisierte Kunstgebäude am Schlossplatz. Für den goldenen Hirsch über der Kuppel des zentralen Rundsaals sorgte der Bildhauer Ludwig Habich.
Vielleicht auch der Erinnerung an das 1902 an gleicher Stelle abgebrannte Württembergische Hoftheater mag sich die seit 20 Jahren grassierende Lust verdanken, dieses Gebäude als landespolitische Bühne zu nutzen – von Empfängen bis hin zum Gastspiel des Landtags von 2013 bis 2016. Kunstgebäude blieb der nach den Kriegszerstörungen wieder aufgebaute und durch einen 36 mal 36 Meter großen Vierecksaal ergänzte Komplex zuvorderst durch die Arbeit des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart und dessen Ringen mit der damaligen Galerie der Stadt Stuttgart (Vorgängerinstitut des 2005 eröffneten Kunstmuseums Stuttgart) um die Nutzung der zentralen Räume.
Das Kunstgebäude am Schlossplatz ist ein stiller Riese
Müsste man es also nicht kennen, das „Kunstgebäude Stuttgart“, das sich seit kurzem auch eines eigenen digitalen Auftritts erfreut? Eher vielleicht nicht (mehr). Der Komplex nimmt sich Richtung Schlossplatz zurück, nach einer jüngsten Sanierung ist der zentrale Eingang nahezu an den Rand gerückt. Der Württembergische Kunstverein Stuttgart mit seinem international strahlenden Gegenwartskunstprogramm (aktuell ist die tolle Schau „resistant theatre“ mit Werken der Koreanerin siren eun young jung zu sehen) ist gar einzig über die Stauffenbergstraße zugänglich.
Ein gewolltes Gewicht am Schlossplatz? Versucht nun das Kunstmuseum Stuttgart aus dem Kunstgebäude am Schlossplatz zu machen. Fahnen wehen für das Gastspiel mit der sehenswerten Themenschau „Das kalte Herz“, der einladende Kunstmuseumsgeist prägt das Foyer. Reicht das, gestützt auf eine kluge Ausstellung, für ein Kunst-Sommermärchen? Vielleicht, heißt es im Kunstmuseumsumfeld, habe man die Bekanntheit des Ortes überschätzt. Ist eine Marke erst einmal attackiert, möchte man antworten, wird es immer schwer. Und so: Das Kunstgebäude begrenzt den Schlossplatz, ist das tolle Gebäude neben dem Neuen Schloss, ist der Bau mit dem weithin sichtbaren goldenen Hirsch, ist die Heimat des Württembergischen Kunstvereins und zum Schlossplatz hin Bühne für Ausstellungen und Veranstaltungen wechselnder Kulturakteure.
Noch bis zum 4. Oktober wehen am Schlossplatz die „Das kalte Herz“-Fahnen des Kunstmuseums Stuttgart. Nicht vor dem markanten Glaskubus (dort laufen bis voraussichtlich Ende März 2027 umfangreiche Sanierungsarbeiten), sondern vor dem Kunstgebäude. Und danach? Will die für den Kunstgebäude-Betrieb schon jetzt verantWortliche Staatsgalerie Stuttgart das Publikum begeistern, während im eigenen Haus – richtig – Sanierungsarbeiten im Altbau wie im Stirlingbau vorbereitet werden. Kurz: Das Kunstgebäude am Schlossplatz lohnt jeden Besuch, grüßt zudem mit den Ausstellungen des Stuttgarter Künstlerbundes und dem immer noch neu zu nennenden Café Isopi – im Außenbereich mit feinem Blick auf den Schlossplatz. Einen schöner gelegenen Ort der Kunst kann man sich kaum denken.