Ein wirkungsvoller Satz stand an diesem Donnerstag über der festlichen Verleihung im Aachener Rathaus und wurde immer wieder zitiert: „whatever it takes“, was auch immer nötig ist. Mit diesen Worten versprach Mario Draghi einst, die gemeinsame Währung um jeden Preis zu retten. Die Zusage leitete im Juli 2012 eine Wende ein, die zitternden Finanzmärkte beruhigten sich – und Draghis Aussage ging in die Geschichte ein. Am Donnerstag erhielt der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank und ehemalige italienische Regierungschef unter dem Kreuzrippengewölbe des mittelalterlichen Orts den Internationalen Karlspreis. Die Ehrung gelte Draghis Lebenswerk, seiner Haltung und er sei ein Auftrag, sagte Aachens Oberbürgermeister Michael Ziemons: „Whatever it takes – das gilt jetzt für Wettbewerbsfähigkeit, das gilt für Souveränität, das gilt für Europas Zukunft.“ Der Hinweis auf Draghis berühmte Aussage sollte als Denkmal und Würdigung, als Forderung und Mahnung zugleich dienen. Mit der Auszeichnung sende man „ein Signal an die Kommission, dass das Tempo der Europäischen Union nicht das Tempo der Welt ist, in der wir bestehen müssen“, sagte der Chef des Karlspreisdirektoriums, Armin Laschet (CDU).
Mario Draghi als Retter in der Not: Das zeigen nicht zuletzt seine heroischen Spitznamen wie „Super-Mario“ und „Mister Euro“. Der heute 78-Jährige wurde insbesondere während der Staatsschuldenkrise für seinen Beitrag zum Überleben der Eurozone gefeiert. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lobte den Italiener am Donnerstag in seiner Laudatio dafür, ein Risiko eingegangen zu sein, das auch hätte scheitern können. „Aber es ist gelungen und es hat sich ausgezahlt.“
Vor eine ungleich größere Aufgabe stellte die EU-Kommission den Ökonom ein gutes Jahrzehnt später. Es ging um nichts weniger als die Rettung der europäischen Wirtschaft. Was muss die Union tun, damit sie im Wettbewerb mit den USA und China nicht komplett den Anschluss verliert? Draghis Antwort fiel 2024 für die Gemeinschaft so ernüchternd wie schmerzlich aus. Es brauche unter anderem den Abbau von Bürokratie und bis zu 800 Milliarden Euro pro Jahr, also rund fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) der EU, an zusätzlichen öffentlichen sowie privaten Investitionen, um konkurrenzfähig zu bleiben, ergab die Analyse. Andernfalls würde die EU den sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Niedergang riskieren. Zu dem schonungslosen Schluss kam der knapp 400 Seiten lange Bericht für eine „neue Industriestrategie für Europa“, den Draghi und sein Team zusammenstellten. Es handele sich um „eine existenzielle Herausforderung“, sagte der Römer damals. Tatsächlich stellte er Europa nicht nur eine düstere Diagnose aus, sondern empfahl auch eine radikale Therapie, um schnelle Reformen umzusetzen. Man sei „an einem Punkt angelangt, an dem wir, wenn wir nicht handeln, entweder unser Wohlergehen, unsere Umwelt oder unsere Freiheit aufs Spiel setzen müssen“. In seiner Dankesrede unterstrich der zurückhaltende Superstar unter den Zentralbankern die Notwendigkeit von Reformen zur Schaffung eines wirklich integrierten Wirtschaftsraums. Ein Grund für Europas Abhängigkeit von anderen und das Zurückfallen in vielen Bereichen sei, dass der gemeinsame Binnenmarkt noch nicht wirklich vollendet ist.
Das Karlspreis-Kuratorium wollte bewusst ein Zeichen setzen, um an die Entscheidungsträger in Brüssel und Europas Hauptstädten zu appellieren. Die Aufforderung sei angekommen, antwortete Merz am Ende seiner Festrede. „Wir sind in der Umsetzung.“ Doch ein sogenannter Draghi-Tracker überwacht die Fortschritte – und er zeigt, dass bis Anfang dieses Jahres, also etwa eineinhalb Jahre nach der Veröffentlichung des Reports, erst rund 14 Prozent der empfohlenen Maßnahmen vollständig implementiert wurden. Die 27 Staats- und Regierungschefs kommen nur langsam voran, weil Uneinigkeit darüber herrscht, wie die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden soll.
Die Bundesregierung etwa lehnt neue EU-Schulden traditionell ab, obwohl Draghi in seinem Bericht eben solche gefordert hatte und damit auf einer Linie mit beispielsweise Frankreich liegt. Es sei Realität, „dass übermäßige Verschuldung Souveränität bedroht und Handlungsfähigkeit begrenzt“, sagte Merz in Aachen. Draghi weiß um die Bedenken – und bot in seiner Rede die Lösung: „Je mehr sich Europa reformiert, desto weniger muss es sich in Schulden stürzen.“