Der größte Erfolg war gleichzeitig die größte Niederlage – oder zumindest ein gewaltiger Lerneffekt für Joel Massing. Der Doktorand der Sporthochschule Köln (Spoho) hatte gerade seine Studie zu einer neuartigen Form zur Behandlung von Schlaganfallpatienten gestartet, da erlitt einer seiner Probanden einen Krampfanfall. „Ich habe die Trainingszeit für den Beginn viel zu lang angesetzt“, weiß der 26-Jährige im Nachhinein.
Umso erfreulicher, und auch erstaunlicher, dass eben dieser Proband innerhalb der sechs Wochen Laufzeit beachtliche Fortschritte gemacht hat. „Um das Gleichgewicht zu halten, hat er vor der Studie immer mit dem Arm gerudert“, berichtet Brigitte Hallenberg von der Schlaganfallhilfe Bergisch Land. „Das braucht er jetzt nicht mehr.“
Mitte Januar hatte Joel Massing mit 16 potenziellen Teilnehmern Befragungen und Voruntersuchungen begonnen. 14 Menschen, die einen Schlaganfall erlitten hatten, unternahmen daraufhin mit ihm an dem Trainingsgerät „Icaros Guardian“ erste „Gehversuche“ – durchaus im wörtlichen Sinne. Denn durch die Auswirkungen des Schlaganfalls fühlte sich das Training auf der beweglichen Bodenplatte, dem Herzstück des Gerätes, zunächst für alle sehr wackelig an.
Brigitte Hallenberg hat es am eigenen Leib erfahren, auch wenn sie selbst keine Schlaganfallpatientin ist: „Anfangs war ich nach drei Minuten fix und alle. Nach sechs Wochen waren dann 20 Minuten mit Leichtigkeit und Freude und einem Lächeln im Gesicht möglich.“ Sie ist daher froh, dass das Gerät auch nach Ablauf der Studie weiter ihren Vereinsmitgliedern zur Verfügung steht. Und es auch mit der Forschung weitergeht, denn eine neue Studie ist schon in der Planung.
13 Probanden schließen erste Studie ab
Doch zunächst hat Massing die erste Studie ausgewertet, die 13 Probanden im Alter zwischen 35 und 75 Jahren abgeschlossen haben. Die meisten der Probanden litten infolge des Schlaganfalls an leichten bis mittelgradigen Einschränkungen der Mobilität oder des Gleichgewichts. Bei den meisten lag der Anfall bis zu drei Jahre zurück, bei einem war er jedoch schon zehn Jahre her.
„Am meisten überrascht hat mich die Verbesserung insbesondere der Beinkraft und Mobilität“, berichtet Joel Massing. Hier seien die Fortschritte teils „signifikant“. „Schön war auch zu sehen, wie hoch die Motivation der Teilnehmer blieb“, sagt er. Oliver Hürtgen von der Firma, die den „Icaros Guardian“ vertreibt, führt die guten Ergebnisse vor allem auch auf die „Gamification“ zurück. Denn durch 40 verschiedene Mini-Spiele, die auf dem Bildschirm laufen, würden auch kognitiv-motorische Fähigkeiten geschult.
Folgestudie untersucht Gang mit Sensoren
Nach der Studie ist vor der Studie: Im Sommer will Joel Massing vor allem den Gang der Schlaganfall-Patienten mittels Sensoren genauer unter die Lupe nehmen. Trainiert wird wieder auf dem „Icaros Guardian“ – allerdings dann in zwei Gruppen mit bis zu zehn Probanden. Dabei soll abwechselnd eine der Gruppen immer als Kontrollgruppe fungieren. Der Doktorand erhofft sich davon noch wissenschaftlichere Erkenntnisse. „Außerdem sehen wir dann, ob die positiven Effekte des Trainings bleiben oder irgendwann wieder aufhören.“
Er sucht noch Probanden im Alter zwischen 18 und 75 Jahren, die bisher noch nicht auf dem „Icaros Guardian“ trainiert haben, aber mindestens zehn Meter gehen und ohne Hilfsmittel eine Minute stehen können. Der Kontakt erfolgt über die Schlaganfallhilfe.