Kein Song für Europa
Mehrere Länder schicken niemanden zum ESC
Ina Milertvon Ina Milert
17.05.2026, 06:22 Uhr
17. Mai 2026 um 06:22 Uhr
Boykott, Geldsorgen und Vorurteile: Beim Eurovision Song Contest tritt längst nicht ganz Europa an – aus unterschiedlichen Gründen.
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Besonders deutlich fällt die Reaktion in Slowenien aus. Dort wird der Wettbewerb nicht einmal im Fernsehen übertragen. Stattdessen setzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf ein alternatives Programm unter dem Titel „Stimmen Palästinas“. Im Fokus stehen laut Senderchefin Natalija Gorščak Themen rund um das Zusammenleben im Gazastreifen und im Westjordanland, berichtet „Tagesschau.de”.
ANZEIGEKein ESC wegen leerer Kassen
Bosnien und Herzegowina gehört auch nicht zum ESC-Starterfeld, weil der öffentlich-rechtliche Sender BHRT seit Jahren hohe Schulden bei der EBU (European Broadcasting Union, auf Deutsch Europäische Rundfunkunion) angehäuft hat. Die finanzielle Krise des Senders ist so gravierend, dass sie die Rückkehr zum Wettbewerb bis heute blockiert.
Die Slowakei und Nordmazedonien begründen ihre ESC-Abwesenheit vor allem mit den hohen Kosten einer Teilnahme. Während in der Slowakei die finanziellen Hürden seit Jahren als Hauptgrund gelten, verweist Nordmazedonien zusätzlich auf gestiegene Gebühren und andere Prioritäten im eigenen Programm.
ANZEIGEStreit um Punkte und Werte beim Eurovision Song Contest
Die Türkei nimmt bereits seit dem Jahr 2013 nicht mehr am Eurovision Song Contest (ESC) teil. Als offiziellen Grund nannte der staatliche Sender TRT zunächst das Abstimmungssystem: Die Wiedereinführung der Fachjurys und die Privilegien der „Big-Five“-Länder (die direkt fürs Finale qualifiziert sind) wurden als ungerecht empfunden.
Mit den Jahren traten jedoch immer stärker moralische und ideologische Gründe in den Vordergrund. Die türkische Führung kritisierte die zunehmend liberale und LGBTQIA+-freundliche Ausrichtung des Wettbewerbs. Nach dem Sieg der Dragqueen Conchita Wurst im Jahr 2014 erklärte der damalige TRT-Chef explizit, man könne als öffentlich-rechtlicher Sender zu einer familienfreundlichen Sendezeit niemanden zeigen, der „zugleich Bart und Rock trägt“.
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Sarah Engels tritt für Deutschland beim ESC an IMAGO / photonews.at Der ESC wurde in Ungarn zum Politikum
Ungarn nimmt seit 2020 nicht mehr am Eurovision Song Contest teil, wobei die offiziellen und die vermuteten Hintergründe stark voneinander abweichen.
Die staatliche Medienholding MTVA begründete den Ausstieg offiziell als eine rein „fachliche Entscheidung“. Man wolle das Budget lieber nutzen, um Talente der heimischen Popmusik direkt im eigenen Land zu fördern, statt Geld für den europäischen Wettbewerb auszugeben.
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International und in ungarischen Insider-Kreisen gilt der Rückzug jedoch als politisch motiviert. Der Ausstieg fiel zusammen mit dem zunehmend homophoben Kurs der rechtskonservativen Regierung unter Viktor Orbán. Laut „The Guardian” war der ESC der Führung schlicht „zu schwul“.
Der neue ungarische Regierungschef Péter Magyar hat sich nach Medienberichten grundsätzlich für eine Rückkehr seines Landes zum Eurovision Song Contest ausgesprochen. Er bezeichnete die Nichtteilnahme als „Fehler“ und sprach sich dafür aus, wieder am Wettbewerb teilzunehmen, sollte die politische Verantwortung dafür bei der Regierung liegen.