Unfassbare Szene in 97. MinuteDuisburgs panische Zebras brechen sich brutal die Beine17.05.2026, 06:49 Uhr Von Tobias Nordmann, Duisburg
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Schock und Schmerz beim MSV Duisburg. (Foto: dpa)TeilenFolgen auf:
Aufsteiger MSV Duisburg steht vor dem Durchmarsch von der Regionalliga in die 2. Fußball-Bundesliga. Doch auf den letzten Metern flattern die Nerven.
Das alte Wedaustadion in Duisburg bebte. Die Stimmung zwischen Euphorie und Panikattacke. Es war aberwitzig laut, aufwühlend, fiebrig. Und plötzlich ganz leise. Um 15.23 Uhr stand die Welt still. Das alte Wedaustadion hatte sich schlafen gelegt. Rasim Bulic, der Anführer des MSV, der Mann mit der Kapitänsbinde, hatte sich in den Strafraum von Viktoria Köln gebüffelt, bekam den Ball nach Doppelpass zurück und schoss. Es stand 1:1. Duisburg brauchte ein weiteres Tor, um das Wunder vom Durchmarsch am Leben zu halten.
Das Wedaustadion war bereit zum Abheben. Abflug Richtung Aufstiegsrelegation zur 2. Bundesliga. Niemand im Stadion zweifelte in dieser Millisekunde daran, dass doch noch alles gut werden würde. An einem Nachmittag, an dem zuvor so wenig gewesen war. An einem Nachmittag, an dem der Fußballgott so brutal geurteilt hatte. Zwei Jahre war für die Duisburger alles herausragend gelaufen. Nachdem sie Anfang Mai 2024, nach einer Pleite beim VfB Lübeck, in die Schweineliga, die Regionalliga West, abgestiegen, in die Bedeutungslosigkeit abgestiegen waren. Doch nun stolperten die Zebras über den Rasen, nervös, panisch, aber doch willens zu gewinnen.
„Das ist extrem brutal“
Bulic stand frei vor dem Viktoria-Tor. Der Mann, der nach dem emotionalen Sieg gegen Energie Cottbus vor zwei Wochen auf dem Zaun stand und den Fans entgegenrief, dass er keinen Bock auf die Relegation habe, dass er direkt aufsteigen wolle. Dieses Ziel war um 15.23 Uhr nicht mehr zu erreichen. Im Fernduell war Cottbus enteilt. Es ging für Duisburg nur noch um Rang drei. Nach dem griff parallel aber auch der Erzrivale Rot-Weiss Essen. Bei Absteiger SSV Ulm 1846. Der Traditionsriese mühte sich verzweifelt ab, bis tief in die Nachspielzeit stand es 2:2.
Als Bulic in Duisburg schoss, schoss in Ulm auch Ben Vincent Hüning. Nach einer Ecke lag der Ball im Getümmel und der Abwehrspieler drosch ihn wuchtig ins Tor. 3:2 für Essen, Platz drei! Vollrausch in Rot und Weiss. „Man kann diese Mannschaft nur lieben. Ich bin immer noch sprachlos. Das ist wahrscheinlich der krasseste Moment meiner Karriere“, sagte der Essener Matchwinner.
Aber da war ja noch Bulic. Er stand fünf, sechs Meter vor dem Tor. Freistehend. Kölns Keeper Arne Schulz war bereits geschlagen, doch Bulic drosch den Ball tatsächlich an den Innenpfosten. Er sprang zurück ins Feld. Doch da war kein Duisburger. Nicht dieses Mal. Ein letztes Mal eskalierte die Stimmung in Richtung verzweifelter Panik, dann war es fast mucksmäuschenstill. Die Nachricht aus Ulm mischte sich in das Gefühlschaos des Bulic‘ Knalls.
„Das ist extrem brutal“, sagte Trainer Dietmar Hirsch. „Wenn unser Ball reingeht, wären wir zumindest noch in die Relegation gekommen. Jetzt will auch keiner hören, dass Platz vier eigentlich eine tolle Saison ist. Das muss jetzt erstmal jeder verarbeiten. Es tut einfach weh.“ Der tragische Held, einer der besten Spieler der Saison, versuchte im Anschluss, „ein paar Jungs zu trösten, wenn die am Boden sind. Es ist jetzt halt einfach sehr schade, dass wir es nicht geschafft haben, aber wir können alle stolz darauf sein, was wir hier gemacht haben“, befand Bulic.
Panikkarte lag doch eigentlich in Essen
Im alten Wedaustadion, der letzten Festung im deutschen Profifußball, waren sie emotional ganz weit weg von Stolz und Glück. Sie konnten es in diesem Moment einfach nicht fassen. Es war DIE Megachance gewesen. Bulic lag am Boden, die Hände am Kopf. Niemand im Stadion konnte begreifen, was da passiert war. Oder eben nicht. „Der Fußball kann so scheiße sein“, befand MagentaSport-Experte Fabian Klos. Er, der Fußball, der so oft magisch sein kann, riss die Festung emotional ein. Duisburg hatte nicht verloren. Sie gehen als einzige Profimannschaft ohne Heimniederlage aus der Saison. Aber auf diesen Titel der Bedeutungslosigkeit hätten sie liebend gerne gepfiffen, wenn sie irgendwie den Weg in die Relegation noch gefunden hätten.
Sie hatten in diesem Spiel alles in der Hand. Ein Sieg hätte dem MSV gereicht, um die Spielzeit zu verlängern. Sie waren punktgleich mit den Essenern gewesen, hatten aber das deutlich bessere Torverhältnis. Die Mannschaft von der Hafenstraße hatten sich in den vergangenen Wochen den eigenen Verstand weggespielt. Beim VfB Stuttgart II kollabierte sie beim 1:6. Die Panikkarte lag in Essen, bei diesem Klub, der das knappe Scheitern tief in seiner DNA trägt. Doch die Duisburger konnten ihr gutes Blatt nicht ausspielen.
5000 Fans waren zum Stadion marschiert. Die Stimmung war gigantisch. Die MSV-Hymne vor dem Anstoß wirkte noch ein bisschen lauter, noch ein bisschen emotionaler als sonst. Gänsehaut auf den Rängen, Nervenflattern auf dem Rasen. Duisburgs Innenverteidiger Ben Schlicke köpfte nach sieben Minuten aufs Tor, aber Schulz parierte herausragend. Spätestens jetzt hätte der MSV wach sein dürfen. Kultspieler Joshua Bitter musste allerdings noch einige Male den Ball gewinnen, ehe auch seine Mitspieler bereit für den Kampf waren. Mit jeder Minute wurden sie besser, ohne wahnsinnig gefährlich zu sein.
Nicht ein einziger Elfmeter in der ganzen Saison
Aber wahnsinnig wurden sie nach 23 Minuten. Stürmer Lex-Tyger Lobinger, bis zur Winterpause ein Kölner, fiel im Strafraum. Er war von Tim Kloss gestempelt worden. Ein glasklarer Elfmeter, doch der erfahrene Schiedsrichter Martin Pedersen gab ihn nicht. Warum, das weiß niemand. Die Duisburger Bank schäumte vor Wut. Wie häufiger in dieser Saison. Nicht einen einzigen Strafstoß hatten sie an 38 Spieltagen bekommen. „So etwas habe ich noch nie erlebt,“ bekannte Can Coskun. Er wisse nicht, was der MSV getan habe, dass die Pfeife immer stumm bleibe. Was die Duisburger ehrt: Sie nutzten die Szene nicht als Erklärung für ihr Scheitern auf den letzten Metern.
“Wir haben es in den letzten beiden Spielen verspielt“, befand Trainer Hirsch. Vor einer Woche waren die wackelnden Zebras nicht über ein 0:0 bei Absteiger Erzgebirge Aue hinausgekommen. Damit hatten sie sich die entscheidende Hypothek im Kampf um den direkten Aufstieg erspielt, ausgerechnet nach dem so emotionalen Sieg gegen Cottbus. „Man hat gesehen, wie entscheidend der Kopf ist. Wir waren eigentlich ganz gut im Spiel. Aber nach dem Gegentor mussten wir uns richtig schütteln und haben uns davon nicht mehr wirklich erholt.“
Das 0:1 fiel nach 50 Minuten. Taylan Duman nutzte die Passivität der MSV-Abwehr eiskalt aus. Danach brach der MSV emotional in sich zusammen. 25 Minuten spielten sie Fußball aus der Hölle. Hatten keine Idee und spielten Pässe in Räume, in denen niemand war. Die Beine wirkten wie gelähmt, der Kopf eh. Die Kölner konterten, aber nicht erfolgreich. Mal war der Pfosten im Weg, mal Torwart Maximilian Braune. Duisburg lebte weiter, wusste aber nicht warum. Und dann traf Bitter (76.). Nach einer Ecke drosch er den Ball ins Tor. Mehr Wille, weniger Plan. Im Stadion wich die Verzweiflung, es wuchs der Glaube. Euphorie am Rande der Verzweiflung. Duisburg drängte und drückte, ließ Attacken zu und suchte die letzte Chance.
Sie kam um 15.23 Uhr. Und endete als bitterste Minute der Vereinsgeschichte seit dem 3. Mai 2024.