Binär ins Offene
17. Mai 2026. Glänzend mit allem, was der Betrieb aufzufahren hat: Sieben Jahre nach der Uraufführung kommt Olga Neuwirths riesig besetzte „Orlando“-Oper erstmals an ein Opernhaus nach Deutschland. Regisseurin Ewelina Marciniak geht die Sache unerschrocken an – und ringt auf ihre Weise mit den Problemstellen des Werks.
Von Albrecht Selge

„Orlando“ von Olga Neuwirth und in der Regie von Ewelina Marciniak an der Komischen Oper Berlin © Jan Winszus
17. Mai 2026. Es war 2019, als die Staatsoper Wien – wohlgemerkt im einhundertfünfzigsten Jahr ihres Bestehens! – erstmals das abendfüllende Werk einer Komponistin in ihre hehren Hallen einließ. Dass sich in den folgenden Jahren andere Opernhäuser anscheinend nicht darum rissen, Olga Neuwirths Oper „Orlando“ nachzuspielen, verwundert auf den ersten Blick, weil sich doch kaum ein zeitgemäßerer Stoff denken lässt. Virginia Woolfs 1928 erschienene fiktionale „Biographie“ über einen jungen Adligen, der sich irgendwann im Lauf der Jahrhunderte in eine Frau verwandelt, ist schließlich die Mutter beziehungsweise das Elter aller genderfluiden Erzählungen der literarischen Moderne.
Die Zurückhaltung des Opernbetriebs mag nicht nur an organisatorischen Corona-Verwerfungen liegen, sondern auch an dem immensen Aufwand, den das Werk verlangt. Und eben auch an einigen inneren Problemen des Stückes. Sie erweisen sich nämlich auch bei der deutschen Erstaufführung an der Komischen Oper Berlin, die musikalisch vielleicht nicht ganz so brillant, aber gesamterlebnismäßig doch ein gewitzterer und, wenn der Komparativ erlaubt ist, queererer Ort ist als das Wiener Haus. Ein recht sympathischer Abend wird es dennoch, aber von der erschlagenden Art, nicht immer im gewinnträchtigen Sinn.
Auf die Vorspultaste gedrückt
Anlässlich von Katie Mitchells Inszenierung des Woolf-„Orlando“ an der Berliner Schaubühne, zufällig ebenso im Jahr 2019 wie die Neuwirth-Opernuraufführung, brachte die Nachtkritikerin Anne Peter das Dilemma vieler Romanadaptionen für die Bühne auf den schönen Begriff der erzählerischen „Vorspultaste“. Auch Neuwirth und ihre Mitlibrettistin Catherine Filloux spulen erheblich. Und zwar nicht nur durch die Vorlage, sondern auch darüber hinaus: Die zweite Hälfte des dreistündigen Abends spinnt Woolfs Erzählfaden über den Roman hinaus bis in die Gegenwart.
Hügeliges Grün mit Boxsack: Ensemble im Bühnenbild von Mirek Kaczmarek © Jan Windszus
Durchaus zum Wohl des Werkes spult ein wenig nun auch der Dirigent Johannes Kalitzke, ohnehin einer der kompetentesten Fachleute für Gegenwartsmusik, die es so gibt: An der Komischen Oper wird das Stück spürbar schneller gespielt als unter Matthias Pintscher in Wien. Das macht die Erzählsause noch atemloser, dennoch bekommt der Hörer mehr Luft – ein musikalisches Interpretationsparadox! Auch die Entrümpelung der Bühne gegenüber dem überausgestatteten und zugleich statischen Wiener Entwurf lockert den dramatischen Würgegriff entschieden auf.
Sicher im bodenlosen Raum
Lediglich ein wenig hügeliges Grün und dezente flexible Objekte setzt das Bühnenbild von Mirek Kaczmarek ein, nur zurückhaltend kommen die durchdachten Videoelemente von Natan Berkowicz ins Spiel. In erster Linie aber lässt die Regisseurin Ewelina Marciniak der Choreografie von Agnieszka Kryst viel Raum, und noch mehr den beiden vorzüglichen Hauptdarstellerinnen des Abends: Alma Sadé als Erzählerin, die von Julia Kornacka deutlich als Virginia-Woolf-Lookalike kostümiert ist, und Ema Nikolovska in der Titelrolle des beziehungsweise der Orlando. Ihre Tessitur ist enorm, beginnend mit einem männlich tiefliegenden „I am alone“, um im Lauf der Oper nicht nur höher und „weiblicher“ zu steigen, sondern auch in intensive Deklamation und artistisches Flackern auszuschlagen. Dabei ist Nikolovska kein(e) ätherische(r) Orlando wie Tilda Swinton in Sally Potters bekannter Romanverfilmung von 1992, sondern eine bodenständige, manchmal fast burschikose Bühnenerscheinung, breitbeinig singend, quasi grundtonsicher im bodenlos grundtonfreien Raum.
Narrativer Hopserlauf
Denn Neuwirths lustvoll eklektizistische Partitur ist grundlegend out of tune, die zweiten Orchestergeigen und eine E-Gitarre gegenüber dem Rest um ein Vierteltönchen herabgestimmt. Abrupt die stilistischen Schnitte, schichtenreich die musikalische Collage: von Michelangelo Rossis Madrigal „O miseria d’amante“ und einem Bach-Violinkonzert über Strawinskys „Sacre“ bis zu harten Clustern, auch ein Anklang an die gerichtlich untersagte Nutzung des Danke-Kirchenliedes bleibt erkennbar, spoken word und Koloraturen, dazu eine leicht phlegmatische Rockband, wabernde Elektronik, fanfariger Raumklang. Das alles wird von Sängern und Riesenorchester mit Bravour absolviert. Und die Zuhörendenschaft hält’s jeden einzelnen Moment wach, um auf die lange Dauer möglicherweise doch zu ermüden.
Vor der Folie von Krieg und Katastrophen: Zweiter Teil von „Orlando“ © Jan Windszus
Was eben auch für den erzählerischen Entwurf gilt. Der erste Teil mit seiner rasanten Woolf-Spulung kann einen regelrecht erschlagen, während der zweite Teil im narrativen Hopserlauf vom Zweiten Weltkrieg über Vietnam und Frauenbewegung bis zum gegenwärtigen Rechtspopulismus (vulgo neuen Faschismus) zum Unterkomplexen neigt. Man nickt da beifällig und droht einzunicken. Denn gerade diese hohe Zustimmungsfähigkeit ist das Theaterproblem des zweiten Teils. „Oh, why is reality so multiple and complex?“, sang Nikolovska als Orlando im ersten Teil, doch eben diesen Anspruch unterläuft der bekenntnishafte zweite Teil. Für ein Setting, in dem so viel von Nonbinarität gesprochen wird, ist sein Weltbild ernüchternd binär; ja, er folgt geradezu dem Ruf derjenigen, die hier doch eigentlich die böse Reaktion darstellen: „Simplify!“
Orlando
Eine fiktive musikalische Biografie
Libretto von Catherine Filloux und Olga Neuwirth nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf
Musik von Olga Neuwirth
Musikalische Leitung: Johannes Kalitzke, Inszenierung: Ewelina Marciniak, Bühnenbild: Mirek Kaczmarek, Kostüme: Julia Kornacka, Choreografie: Agnieszka Kryst, Dramaturgie: Sophie Jira, Chöre: David Cavelius, Kinderchorleitung: Dagmar Barbara Fiebach, Licht: Olaf Freese, Video: Natan Berkowicz, Tonmeister / Klangregie: Julien Aléonard, Sounddesign: Markus Noisternig.
Mit: Ema Nikolovska, Alma Sadé, Eric Jurenas, Karolina Gumos, Ulrike Helzel, Anna Nekhames, Günter Papendell, Andrew Harris, Andrew Dickinson, Kevin(a) Taylor, Benedikt Siewert (Tölzer Knabenchor), Ivan Turšić, Tom Erik Lee, Stephanos Tsirakoglou, Claudia Greco, Martina Borroni, Michael Fernandez, Rafał Matusiak, Mikołaj Karczewski, Paulina Plucinski, Anna Szopa, Geräuschemacher*innen: Ana Paola Machicado Torres / Anna Gelyuk / Judith Isabella Schiller / Weronika Sierenberg / Tzu-Yin Lin/Dobromira Kur, Tänzer*innen: Sofia Pintzou / Daniel Daniela Ojeda Yrureta / Kai Chun Chuang, Chor und Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Kinderchor der Komischen Oper Berlin, Komparserie, Orchester der Komischen Oper Berlin.
Premiere am 16. Mai 2026
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause