Für Stars musste man schon immer etwas tiefer in die Tasche greifen. Sie sind ja auch im Einkauf teuer. Enrico Caruso soll 1908, als er in Wiesbaden den Herzog aus „Rigoletto“ sang, 10.000 Goldmark bekommen haben. In heutiger Kaufkraft dürften das über 100.000 Euro sein. Dafür hat er dann auch mal eine Gratis-Arie vom Balkon des Palast-Hotels geschmettert.

Ein Jahrhundert später ließen sich seine Nachfolger im Startenor-Gewerbe ihre Wiesbadener Open-Air-Auftritte gut bezahlen. „Alle wollen Plácido sehen“, hieß es im Juli 2007 vor dem Arienabend des Sängers, der anno 1990 gemeinsam mit José Carreras und Luciano Pavarotti in Rom die Marke „Die drei Tenöre“ begründet hatte.

In Wiesbaden kosteten die Karten zwischen 60 und 320 Euro. Viel Geld für wenig Domingo, bemängelten Besucher. Plácidos Marktwert scheint seither recht stabil geblieben zu sein, obwohl er wieder zu seinen baritonalen Ursprüngen abgesunken ist und am 21. Januar seinen 85. Geburtstag feiern durfte. Wobei es auch ein paar Jahre mehr sein könnten, wie Kenner und Liebhaber munkeln.

Die Karten für seinen „glanzvollen Gala-Liederabend“ lediglich mit Klavierbegleitung, den das Staatstheater für 19. Mai ankündigt, kosten zwischen 50 und 275 Euro. Trotzdem ist die Veranstaltung im Gegensatz zu deutlich günstigeren Maifestspiel-Programmen jüngerer Kollegen praktisch ausverkauft. Darüber mag man sich wundern, muss aber auch berücksichtigen, dass Charisma eher reift als altert. Und davon hat Domingo, künstlerisch immer die interessanteste Persönlichkeit des Tenor-Trios, sicher noch viel zu bieten in Oper, Operette und Zarzuela. Seinen Fans wird Perfektion ohnehin weniger wichtig sein als die Erinnerung an große Emotionen. Auch an das Benefiz-Konzert in Rom 1990, am Vorabend des Finales der Fußball-Weltmeisterschaft. Im Endspiel schlug Deutschland dann Argentinien 1:0.

Und sollten wir nicht alle mehr nach dem Wabi-Sabi-Prinzip hören und uns von jenem ästhetischen Konzept aus Japan leiten lassen, das die Schönheit in der Patina und den Spuren der Zeit sucht? Teetassen, die in der Kunst des Kintsugi mit Gold geflickt wurden, sind viel teurer als makellose Keramik und Gala-Tickets.

Vor einem Jahr trotzte Domingo in der Alten Oper dem Alter. Im Interview verriet er seinen Jungbrunnen: „Singen hält mich in Form!“ Eher ausweichend antwortete er auf eine Frage zu den Vorwürfen sexueller Belästigung, seinen Abschied von der Metropolitan Opera in New York und aus der Leitungsfunktion in Los Angeles. Er sei überzeugt, „dass all dies eines nicht allzu fernen Tages gelöst sein wird“. Dass er schon vor diesem Tag ausgerechnet von Wiesbadens gendersensibler Intendantinnen-Doppelspitze eingeladen wurde, sorgte bei der Maifestspiel-Präsentation im Februar für ein gewisses Erstaunen. Wenig sensibel ist auch, dass nun in der Ankündigung die Sopranistin Guanqun Yu kaum sichtbar ist, was den Eindruck einer austauschbaren vokalen Begleiterscheinung unterstreicht.

Dem legendären Enrico Caruso war es übrigens nicht vergönnt, dem Alter singend zu trotzen. Er starb 1921 mit 48 Jahren. In Frankfurt sorgte er zwischen 1907 und 1911 für ausverkaufte Vorstellungen. Die Investition in einen Star wird sich schon damals gelohnt haben.