Wie bei so ziemlich jedem großen Konzert liegt Konfetti auf dem Boden, als die Uber Arena in Berlin sich nach Olivia Deans Show leert. Aber heute bücken sich die Gäste auf dem Weg nach draußen, sammeln einzelne Schnipsel auf: „Love’s never wasted“ steht auf denen, die hellrosa leuchten, „when it’s shared“ auf den dunkleren.
Olivia Dean wurde bei den Grammys in diesem Frühjahr als „Best New Artist“ ausgezeichnet. An ihrem Song „Man I Need“ kam man nur mit Mühe vorbei, ihr zweites Album „The Art Of Loving“ erschien letzten Herbst. Frei von Ironie singt sie über Liebe und Romantik, während die heterosexuelle Datingwelt brennt. Mit ihrer Musikrichtung, sie nennt sich Neo-Soul, steht die 27-Jährige für einen aktuellen Trend im Pop: Jazz-Einflüsse, große Live-Bands und noch größere Stimmen – und dann lernt man bei den Retro-Lounge-Sängern.
Das ist der Retro-Glamour
Es liegen also an diesem Abend vor dem Konzert in Berlin zwei Befürchtungen nahe. Erstens: Es könnte kitschig werden. Musikalische Zeitreise? Und fast ein ganzes Konzert zum Thema Liebe, während draußen der Heterofatalismus wächst? Zweitens: der Gipfel einer Entwicklung, die der 2017 gestorbene Kulturwissenschaftler Mark Fisher beschrieb. In der Nostalgie der Popmusik spiegle sich die Unfähigkeit der postmodernen Kultur, „unsere Gegenwart zu fassen und zu artikulieren“, schrieb Fisher schon Jahre vor einer Welt der Prompts und Populismen. Im Gegenteil: Sie weise sogar auf einen zukunftsfreien kulturellen Stillstand hin.
„I’m allergic to cliché“ singt Dean in „Touching Toes“. Dabei ist schon der Konzertanfang eines, wenn auch ein besonders Schönes. Noch trennt ein riesiger Vorhang das Publikum von der Künstlerin, deren Silhouette in einem runden Scheinwerferlicht auf dem Stoff erscheint. Beim Song „Nice To Each Other“ gibt er die Bühne frei: Neben dem typischen Ensemble stehen drei Blechbläser rechts, zwei Backgroundsängerinnen links von Dean.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das ist der Retro-Glamour. Der verbindet Dean mit ihrer ebenfalls britischen Kollegin Raye, die wiederum ein wenig an eine Musical-Version von Amy Winehouse erinnert. Und mit Laufey, einer international inzwischen sehr erfolgreichen isländischen Sängerin. Aber auch mit einer anderen Kollegin, bei der alle Zeichen darauf hindeuten, dass sie gar nicht existiert: Sienna Rose zählt derzeit über 700.000 monatliche Spotify-Hörer, laut Deezer ist ihre Musik mit hoher Wahrscheinlichkeit KI-generiert. Ihre Popularität wuchs parallel zu der von Olivia Dean, ihre beiden Alben erschienen wenige Monate nach „The Art of Loving“. Um sich vorzustellen, in wessen Stil sie gepromptet wurden, braucht man nicht viel Phantasie.
Liebe in Zeiten von Dating-Apps, Incel-Kultur, Breadcrumbing
So prophetisch Fishers Thesen in vieler Hinsicht waren – diese drastischen Entwicklungen verleihen zumindest der Livemusik einen neuen Status. Auch wenn aus diesem Abend eine gewisse Nostalgie spricht. Ausgehend von einem beliebten Meme-Format könnte man sagen: R.I.P. Mark Fisher, Sie hätten KI-generierte Musik gehasst. Sieht man hingegen Olivia Dean auf der Bühne zu, ist das fast ein Heilmittel gegen Kulturpessimismus.
Und das Dating-Thema? Auch wenn platonische Liebe in Songs wie „I’ve Seen It“ ihre Bühne bekommt, inspiriert ausgerechnet die romantische Liebe Dean zu den Momenten größter Glaubwürdigkeit: „We’re not really taught how to do it, you just kind of have to figure it out for yourself“, sagt sie auf der Bühne: Man muss es einfach ausprobieren. Dann liefert sie eine Art Wegbeschreibung zur selbstbestimmten Romantik in Zeiten von Dating-Apps, Incel-Kultur, Breadcrumbing, Ghosting und Lovebombing. Und dass die irgendwie doch dringend verlangt wird, zeigt die Reaktion der Fans.
Deans Songs könnte man jedem von ihnen auf den Leib schneidern. Da sind nur große Gefühle. Personalisierung oder Detailreichtum braucht es hier nicht. Abperlen könnte diese Musik an einem, wäre da nicht diese Performance. Wenn sie sich mit dem ganzen Körper in ihren Gesang lehnt, sieht es manchmal fast aus, als würde Dean Tränen wegblinzeln oder vor Abscheu das Gesicht verziehen, während sie die Enttäuschungen der Liebe vorbeiziehen lässt. Dean singt ihre Songs mit solcher Aufrichtigkeit, mit so viel Gefühl, als täte sie es zum ersten Mal.
Darin liegt etwas Zauberhaftes. Mit der Liebe und auch dem Scheitern von ihr ist es ja ganz ähnlich, wenn man es richtig macht und nicht verbittert: Man muss alles jedes Mal wieder neu fühlen.
Und was hat es eigentlich mit dieser leichten Brise auf sich, die immerzu in Olivia Deans Haaren zu liegen scheint? Als sie singt: „It’s so easy to fall in love with me“, glaubt man es ihr sofort.
Olivia Dean ist nach Berlin gekommen wie der Frühling und wie das Verliebtsein: theoretisch ein Klischee, praktisch eine Epiphanie.