„Oh my god“, rief die bulgarische Sängerin Dara am Sonntagmorgen auf der Bühne der Stadthalle in Wien und tanzte im goldenen Konfettiregen. Kurz zuvor hatte sich die 27-Jährige mit dem Song „Bangaranga“ im Finale des 70. Eurovision Song Contests (ESC) als Siegerin durchgesetzt. Sie sammelte sowohl von den internationalen Jurys als auch vom Publikum die meisten Punkte, insgesamt 516. Den zweiten Platz holte Noam Bettan aus Israel mit „Michelle“, er konnte vor allem bei den Zuschauern punkten. Alexandra Căpitănescu aus Rumänien belegte mit „Choke Me“ Platz drei. Die deutsche Sängerin Sarah Engels landete mit „Fire“ abgeschlagen auf dem 23. und damit drittletzten Platz vor Österreich und Großbritannien.

Auftritt von Sarah Engels tadellos – was fehlte?

Engels war mit der undankbaren Startnummer zwei ins Rennen gegangen. Die 33-Jährige hatte aber nicht nur stimmlich wie tänzerisch eine tadellose Performance geboten, sondern mit ihrer positiven, nahbaren und bescheidenen Art schon in der Woche zuvor die Herzen vieler ESC-Fans erobert. Ihrem eher simplen Popsong „Fire“ fehlte es leider an Originalität, um sich in einem Feld mit teils starken Mitbewerbern durchsetzen zu können. Bei den Publikumspunkten ging die Kölnerin leer aus, von den Jurys erhielt sie insgesamt zwölf Punkte.

Die österreichische Hauptstadt war ein würdiger Gastgeber der ESC-Jubiläumsausgabe mit einer minutiös durchchoreographierten Show auf einer hochmodernen Bühne, die inszenatorisch keine Wünsche offenließ. Mehr als 10.000 Zuschauer waren vor Ort dabei, als Vorjahressieger JJ zunächst mit einem Schnipsel aus seinem neuen Song „Unknown“ und dann mit seinem Gewinnerlied aus dem Vorjahr, „Wasted Love“, den Abend eröffnete. Victoria Swarovski und Michael Ostrowski, beide stilecht im Glitzer-Outfit, moderierten das Finale, Emily Busvine übernahm die kurzen Interviews aus dem sogenannten Green Room.

Starke Stimmen und tolle Stilmischungen beim ESC 2026

Künstlerisch bot der Abend die gewohnte Bandbreite an Stilen, von Pop, HipHop, Chansons und Balladen bis Rock, Gospel und Soul war alles dabei, allerdings auch mit dem üblichen qualitativen Gefälle – sowohl was die musikalische Darbietung als auch die szenische Umsetzung anging. So konnte etwa Soren Torpegaard Lund aus Dänemark gleich zu Anfang mit dem eingängigen Popsong „For vi gar hjem“ punkten. Die Ukraine stellte mit Leleka und dem Lied „Ridnym“ eine der besten Sängerinnen des diesjährigen Wettbewerbs. Australien schickte einen der größten Stars des Landes, Delta Goodrem, die mit „Eclipse“ auf dem vierten Platz landete.

Zu den weiteren starken Auftritten gehörten die französische Sängerin Monroe, die in ihrem Song „Regarde“ Pop- und Opernelemente mischte, die polnische Künstlerin Alicja, deren Lied „Pray“ sowohl auf Gospel als auch Soul und HipHop setzte, sowie der Sänger Sal Da Vinci aus Italien, der mit „Per sempre si“ einen Italo-Pop-Song im Retrogewand präsentierte.

Party-Stampfer von Dara aus Bulgarien

Am Ende mussten sich alle aber dem Party-Stampfer „Bangaranga“ aus Bulgarien geschlagen geben. Sängerin Dara ist in Bulgarien ein Popstar, und ihr Lied hatte schon den nationalen Vorentscheid haushoch für sich entscheiden können. Sie übertrumpfte im ESC-Finale damit auch die Favoriten aus Finnland, das Duo Linda Lampenius und Pete Parkkonen.

Zu viel Theatralik und ein Schwert als Mikrofonständer

Wie immer beim ESC gab es auch grenzwertige und musikalisch fragwürdige Auftritte wie jenen der serbischen Rockband Lavina, die in mittelalterlich anmutenden Kostümen auftrat und ein Schwert als Mikrofonständer nutzte. Der Sänger Jonas Lovv aus Norwegen baute seinen Song „Ya Ya Ya“ einfach um ein bekanntes Gitarrenriff, während die Beiträge aus Albanien und Kroatien sich auf die Kraft der Chöre verließen, gekoppelt mit einer überladenen, theatralischen Inszenierung.

Luft nach oben ließ auch die Leistung des deutschen Kommentators Thorsten Schorn. Dessen Gags wollten oft nicht zünden, vor allem gegen Ende verhaspelte er sich manches Mal.

Ruhige Lage im Umfeld des ESC trotz Sorge vor Protesten

Überschattet wurde der Jubiläums-ESC von Protesten gegen die Teilnahme Israels wegen des Vorgehens im Gaza-Krieg. Aus dem Grund hatten fünf Länder den Wettbewerb schon im Vorfeld boykottiert. Vor Ort waren die Sicherheitsmaßnahmen entsprechend hochgefahren worden, die Lage blieb aber weitgehend ruhig. Auch in der Halle war beim Auftritt Israels zunächst nichts zu hören – zumindest nicht in der Fernsehübertragung.

Erst als Noam Bettan bei der Vergabe der Publikumspunkte vorübergehend auf dem ersten Platz landete, waren im Publikum lautstarke Buhrufe zu vernehmen. Der Sänger hatte sich schon bei den Proben von seinem Team ausbuhen lassen, um sich auf die Situation vorzubereiten. Wie schon im vergangenen Jahr vergaben die Zuschauer in Deutschland zwölf Punkte an Israel.

Besonderheiten zum Jubiläum des ESC

Natürlich wurde auch das ESC-Jubiläum gebührend gefeiert. Ehemalige Teilnehmer, darunter unter anderem der deutsche Künstler Max Mutzke, die finnische Band Lordi und die ukrainische Sängerin Ruslana, trugen ein Medley mit Hits aus 70 Jahren vor – bei „Volare“ durfte das gesamte Publikum mitsingen. Später waren alle Sieger aus den sieben Jahrzehnten des Wettbewerbs noch einmal kurz per Video zu sehen. Aus deutscher Sicht waren das bislang nur Nicole im Jahr 1982 und Lena im Jahr 2010.

Mit Sarah Engels ist Deutschland nach dem 15. Platz von Abor & Tynna im vergangenen Jahr leider wieder unter den Schlusslichtern. Die Kölnerin sagte nach dem Finale, dass sie es als große Ehre empfunden habe, für Deutschland singen zu dürfen, unabhängig von der Platzierung, und dass ihre Teilnahme ein Fest für sie gewesen sei. Schon vorher hatte sie betont, dass es ihr vor allem wichtig sei, alles gegeben zu haben. Daran dürfte nach ihrem Auftritt kein Zweifel bestehen.