Was bedeutete Freiheit in längst vergangenen Zeiten auf dem Land? War früher wirklich alles besser? Fragen wie diesen geht die Sonderausstellung nach, die am gestrigen Sonntag im Kaarster Tuppenhof eröffnet wurde.

Der historische Vierkanthof, der heute als Museum und kulturelle Begegnungsstätte genutzt wird, gehört zum Museumsnetzwerk Niederrhein, einem losen Verbund von rund 50 Ausstellungshäusern zwischen Rhein und Maas. Für 2025 und 2026 hatte es „Freiheit“ zum Motto einer übergreifenden Ausstellungsreihe ausgerufen. Daran beteiligt sich nun auch der Tuppenhof: Die Schau mit dem Titel „Meine Freiheit – deine Freiheit“ ist noch bis zum 16. August zu sehen.

Wie man so etwas organisiert, darin hat Britta Spies reichlich Erfahrung. Das Thema „Freiheit“ sollte sich aber als eine besondere Herausforderung erweisen. „Da habe ich schon länger drüber nachdenken müssen“, gibt die Kuratorin zu. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, wobei auffällt, dass es diesmal mehr schriftliche Informationen auf Texttafeln und Fotos als andere Exponate gibt. Da ist zum Beispiel das Dreirad aus Eisen – steht es für eine glückliche, unbeschwerte Kindheit? Und die alte Badewanne, die man nach dem Bade-Samstag platzsparend hochkant aufstellen kann: Steht sie für die schönen alten Zeiten?

Viele Fotos stammen aus dem Archiv der Stadt Kaarst. Die Ausstellung erzählt Geschichten von einst – von Zeiten, in denen es eine Selbstverständlichkeit war, dass Kinder auf dem Bauernhof aushelfen mussten. Als die Herbstferien noch „Kartoffelferien“ hießen und nicht genutzt wurden, um mal eben auf die Balearen zu fliegen. Es wird auch eine Zeit beleuchtet, als es noch keine Rentenversicherung gab. Statt Urlaubsreisen und Städtetrips waren Wallfahrten und Pilgertouren, bestenfalls bis nach Lourdes, willkommene Abwechslungen. Und man freute sich einst vielleicht noch ein bisschen mehr auf das jährliche Schützenfest.

„Helikoptereltern“ gab es noch nicht, auch keine Eltern-Taxis. „Die Kinder organisierten sich selbst. Der Stärkste und Lauteste gab den Ton an“, erzählt Britta Spies. Die Kleinen streiften durch Feld und Flur, hatten einen größeren Aktionsradius als die Kinder ihn heute haben. Das war ein Stück Freiheit. „Die persönliche Freiheit hatte aber nicht den Stellenwert wie heute“, macht Spies in der Ausstellung deutlich.

Erst im 19. Jahrhundert wurde die Schulpflicht eingeführt. Und bis in die 1950er Jahre waren Kinder fest in den Arbeitsalltag eingebunden. „Die vergangenen Zeiten hatten ihre Licht- und Schattenseiten“, sagt Spies. Der Tuppenhof sei ein eher kleiner Hof gewesen. Mägde und Knechte gehörten zur Wirtschaftsfamilie. Und die Bauersleute mussten ihre Eltern unterstützen. Sie bekamen einen Platz am Feuer, zu essen und zu trinken, wurden mit Kleidung versorgt. Dass dies alles schriftlich fixiert wurde, lässt den Schluss zu, dass man sich schon mal dieser Pflichten entziehen wollte. Stadtluft macht ja bekanntlich frei.

Die Industrialisierung bot den Menschen ganz neue Perspektiven: Wer nicht als Knecht, sondern als Arbeiter sein Geld verdiente, konnte sich eine Wohnung nehmen, hatte geregelte Arbeitszeiten, und es war leichter, eine Familie zu gründen. Man konnte ins Kino gehen, sich zeitgemäße Möbel kaufen und vielleicht sogar ein Auto.

Die Bauern mussten sich an bestehende Ordnungssysteme halten. Wie viel Vieh durften sie auf die Weiden bringen? Wie viel Holz durften sie im Wald schlagen? Das alles war geregelt. Die Bäuerin hatte ihren „Herrschaftsbereich“ rund um den Herd, zu Erntezeiten musste sie mit raus aufs Feld. „Die Lebensläufe waren meist vorbestimmt im ländlichen Raum“, ist auf einer der Texttafeln zu lesen. „Üblicherweise übernahm ein Sohn oder eine Tochter den Hof. Für diese bedeutete das die Möglichkeit, endlich heiraten zu können.“ Viele Knechte und Mägde blieben dagegen unverheiratet und unterstanden der Autorität des Hofbesitzers.

Den roten Faden der Ausstellung bilden Dokumente aus dem Archiv des Tuppenhofs aus mehr als 300 Jahren, die das Alltagsleben der früheren Bewohnerinnen und Bewohner spiegeln. Die Ausstellung auf dem Tuppenhof, Rottes 27, ist zu den normalen Öffnungszeiten zugänglich, der Eintritt ist frei.