17. Mai 2026
Wassilis Aswestopoulos

Vor Lefkada fanden Fischer eine scharfe Kampfdrohne mit 100 kg Sprengstoff. Nun gerät Athen in einen heiklen Konflikt mit Kiew.
Vor fast zwei Wochen fiel Fischern von der Insel Lefkada ein seltsames Seegefährt auf. Es entpuppte sich als maritime Kampfdrohne voller Sprengstoff. Die griechischen Behörden identifizierten die Drohne als ukrainischen Ursprungs. Es gäbe Beweise für eine Steuerung von der Ukraine aus, heißt es. Ukrainische Quellen bestreiten dies jedoch.
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Dem widerspricht auch der ukrainische Hersteller der Drohne. Die Regierung in Athen fürchtet allerdings um die Sicherheit von Tourismus und Seefahrt, den Grundpfeilern der griechischen Wirtschaft.
Bereits seit dem Tag des Funds gilt die Jagd der Ukraine nach den Schiffen der russischen Schattenflotte als wahrscheinlichste Erklärung für die Präsenz der Drohne im dicht befahrenen Ionischen Meer. Als zweites Szenario wurde die Möglichkeit untersucht, ob es sich um ein russisches Täuschungsmanöver, eine sogenannte False-Flag-Aktion, handeln könne. Denn in einem waren sich die griechischen Behörden von Anfang an sicher.
Die Lefkada-Drohne ist ukrainischer Bauart und Technologie. Es soll sich um eine Magura V5 handeln. Eine Baureihe, die bereits mehrfach im Schwarzen Meer erfolgreich russische Schiffe versenkt hat. Bereits im März gab es vor Malta einen Vorfall mit einem russischen LNG-Tanker, bei dem die Ukraine beschuldigt wird, mittels einer Drohne Explosionen auf dem Schiff ausgelöst zu haben. Seinerzeit fürchteten Malta und Italien negative Auswirkungen des brennenden Schiffes, einer „tickenden Zeitbombe“ auf ihr Land.
Dennoch hat der aktuelle Vorfall eine andere Qualität als der erfolgreiche Angriff auf den russischen Gastanker vor Malta. Denn der fand in internationalen Gewässern statt. Zudem fand man keine „Blindgänger“-Drohne. Das nahe dem Strand von Lefkada entdeckte unbemannte Wasserfahrzeug hatte einen scharfen Zünder und rund 100 kg TNT an Bord.
Der griechische Außenminister Giorgos Gerapetritis sprach das Thema am Montag bei einem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel an und bezeichnete den Vorfall als „äußerst ernste Entwicklung“. Gerapetritis betonte, Griechenland werde „keine militärischen Aktionen im weiteren Mittelmeerraum, insbesondere nicht in Richtung Griechenland, zulassen“.
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Er warnte, dass solche Vorfälle die Freiheit der Schifffahrt, die öffentliche Sicherheit und die Umwelt gefährden. Gerapetritis‘ Kabinettskollege, Verteidigungsminister Nikos Dendias, informierte am Dienstag seine europäischen Amtskollegen in Brüssel. Dendias präsentierte die Erkenntnisse der bisherigen Untersuchungen der Drohne. Diese sei zweifelsfrei ukrainischen Ursprungs, heißt es.
Man habe zudem unter anderem anhand der Seriennummer, der Satellitensteuerung über Starlink und weiterer technischer Merkmale eindeutig bestimmen können, von wo sie gesteuert wurde. Die Drohne durchquerte allem Anschein nach weder die Ägäis noch den Bosporus oder die Dardanellen und vorher das Schwarze Meer selbstständig.
Aktuell wird davon ausgegangen, dass sie entweder per Schiff ins Ionische Meer kam oder von einer naheliegenden maritimen Basis abfuhr. Im Gespräch sind Südalbanien oder Libyen.
Dem Treffen der EU-Verteidigungsminister in Brüssel war der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fjodorow per Videokonferenz zugeschaltet. Er beteuerte, ihm sei der Vorfall mit der Drohne unbekannt. Er versprach aber, dass die Ukraine der Sache nachgehen würde.
Fjodorows Haltung ist für griechische Beobachter und Medien nicht überraschend. Dendias war in der Wahl seiner Worte etwas undiplomatischer als der Außenminister, aber immer noch höflich:
„Die Anwesenheit dieses unbemannten Überwasserfahrzeugs, der Seedrohne, beeinträchtigt die Freiheit und Sicherheit der Schifffahrt. Es handelt sich um eine äußerst ernste Angelegenheit.“
Der Minister wies auf die potenziellen Risiken hin, die durch den regen Schiffsverkehr im Ionischen Meer mit Kreuzfahrt-, Fracht- und Passagierschiffen entstehen könnten. Es sei nicht auszudenken, was hätte geschehen können, wenn die Drohne mit einem Passagierschiff kollidiert wäre.
Dabei war die Gefahr eines Unglücksfalls bereits jetzt sehr real. Es erwies sich als glücklicher Umstand, dass einer der Zünder der Drohne verloren war, als das Kriegsfahrzeug den Fischern bei Lefkada auffiel. Informationen, die von griechischen Medien in Berufung auf die Küstenwache verbreitet werden, besagen, dass die beiden übrigen Zünder der Drohne nicht mit dem Sprengsatz verbunden gewesen sein sollen.
Ansonsten hätte es vermutlich eine Explosion gegeben, als die Fischer Panagiotis und Dimitris Zogos die maritime Drohne ins Schlepptau nahmen. Den Brüdern war es nicht gelungen, den stur weiterlaufenden Motor der Drohne zu stoppen. Sie hatten die Drohne mithilfe jüngerer Fischer am Ufer von Lefkada mit einem Seil gefangen und auf Geheiß der Küstenwache in den Hafen geschleppt.
Panagiotis Zogos schilderte das Geschehen gegenüber dem griechischen Sender Open TV:
„Wir warfen den angelnden Jungs ein Seil zu, das sie am Bug befestigten. Wir zogen die Drohne mit dem Seil ins offene Meer und schleppten sie dann mit dem Boot nach Vasiliki. Dort riefen wir die Hafenbehörde an, beschrieben das Ding und sagten, wir hätten es befestigt. Die Hafenbehörde sagte uns, wir sollten nach Vasiliki fahren, sie würden sie dort in Empfang nehmen. Niemand hatte uns gesagt, dass Sprengstoff darin war, sonst hätten wir sie nicht mitgenommen.“
Die Fischer schilderten, dass sie die Drohne schon in den frühen Morgenstunden bei Dunkelheit gesehen hätten. Das Wasserfahrzeug sei in Kreisen umhergefahren und dabei auch mit den Felsen am Ufer der Insel kollidiert.
Die griechische Regierung, die bisher gegenüber der Ukraine sehr solidarisch Kriegswaffen lieferte, steht nun innenpolitisch unter großem Druck. Keine der Oppositionsparteien zeigt Verständnis für den Vorfall, der auch innerhalb der Bevölkerung für harsche Kritik an der Ukraine sorgt.
Es gibt aber auch Zeitgenossen, die sich über den Drohnenfund freuen. Es sind die Ingenieure der griechischen Waffenindustrie. Sie dürfen jetzt im Reverse Engineering die Drohne bis ins kleinste Detail untersuchen. Aus Regierungskreisen heißt es, dass Griechenland damit auch zeitnah konkurrenzfähige eigene maritime Drohnen haben wird.