Nicole rügt den Eurovision Song Contest. „Heute geht es nur noch um Effekte, Lichtdesign und darum, wer den kürzesten Rock hat“, klagt die frühere Gewinnerin des Wettbewerbs. Wenn sie erneut anträte, sähe sie für sich gute Chancen auf einen weiteren Sieg.

Einst errang sie mit „Ein bißchen Frieden“ den ersten Sieg für Deutschland. Seitdem zieht Nicole alljährlich über ihre Nachfolger beim Eurovision Song Contest her. Max Mutzke könne kaum punkten, „wenn er drei Minuten auf seinem Hocker schläft“, spottete sie. Lena Meyer-Landruts Siegertitel „Satellite“ besitze „keine Botschaft, keine Tiefe“. Und die Heavy-Metal-Band Lordi hätte den Wettbewerb gar „missbraucht und beschmutzt“.

Der diesjährigen deutschen Vertreterin drückte sie zwar per Instagram-Botschaft die Daumen, doch räumte sie ihr zugleich nur geringe Chancen ein. „Da kommen so viele, die das Gleiche machen. Alle Länder schicken Frauen, die genauso gekleidet sind. Ich kann damit nichts mehr anfangen“, erklärte die Saarländerin gegenüber dem Online-Portal Web.de.

Generell zeigte sie sich wenig begeistert vom Wandel, den der Wettbewerb vollzogen hat. „Ich erkenne den ESC nicht mehr wieder“, klagte sie im „Tagesspiegel“. „Der ESC ist heute nur noch laut, schrill und bizarr. Früher war das Bühnenbild für alle gleich, was einen fairen Wettbewerb ermöglichte. Heute geht es nur noch um Effekte, Lichtdesign und darum, wer den kürzesten Rock hat. Es ist ein Songwettbewerb, kein Showwettbewerb, das wird oft vergessen. Aber vielleicht bin ich inzwischen auch zu alt dafür.“

In ihrer eigenen Wahrnehmung habe sie selbst sich seit ihrem Sieg 1982 stets weiterentwickelt und sich den ernsten Seiten des Lebens gewidmet. „Das Leben ist nicht immer nur schön, es ist manchmal schrecklich und es ist manchmal gemein. Deshalb habe ich auch über Gewalt in der Ehe gesungen, über Alkohol und Drogen, über Intoleranz gegen Homosexuelle. Ich habe mich nie verbiegen lassen“, berichtete sie der Tageszeitung.

Doch eben jene politischen Themenfelder gesteht sie anderen nicht zu. „Es gibt immer Künstler, die versuchen, die große Bühne für ihre politischen Ambitionen oder ihre Meinung zu nutzen. Das ist bei jeder Großveranstaltung so. Aber für mich ist das ein Musikwettbewerb, und da hat Politik eigentlich nichts zu suchen“, sagte sie im Hinblick auf die Debatte, ob es sich um einen unpolitischen Wettbewerb handeln sollte.

Auf den Einwand von „Tagesspiegel“-Redakteur Lion Grote, „Ein bißchen Frieden“ sei damals selbst ein politisches Statement gewesen, entgegnete Nicole: „Ich habe mich damals so gefühlt, wie ich es gesungen habe: ein 17-jähriges Mädchen, das ohnmächtig auf die Welt blickt. Du kannst ja gegen die Großen nichts ausrichten. Du bestimmst ja nicht, ob irgendwo Menschen umgebracht werden. Ich konnte nur Musik machen und sagen, was ich denke.“

Nach ihrem Sieg trat die Sängerin – ebenfalls nicht gänzlich unpolitisch – auf Einladung der israelischen Regierung vor Soldaten in Tel Aviv auf. „Die haben sich vor mich auf den Boden gesetzt, ihre Waffen abgelegt und mir zugehört. Das war ein Moment, den habe ich bis heute im Herzen. Da blieb die Welt für einen Moment stehen. Das war so ergreifend, weil ich gesehen habe: Die wollen gar nicht kämpfen, die wollen gar nicht in den Krieg.“

Wenn sie heute 17 Jahre alt wäre, würde sie die Chance erneut ergreifen, beim ESC anzutreten. „Dann wüsste ich ja noch nicht, was ich heute weiß“, betonte sie mit altersweiser Attitüde. Und sie würde nicht nur antreten, schilderte sie im Gespräch mit Web.de, sie würde sogar ein weiteres Mal gewinnen.

„Wenn heute eine 17-jährige Nicole mit weißer Gitarre und diesem Lied in Wien auftreten würde, wage ich zu behaupten, dass sie wieder gewinnen würde“, sagte die Saarländerin. „Das würde so aus dem ganzen lauten, schrillen Glamour herausfallen. Während sich bei den anderen die Bühnen hoch und runter bewegen und im Hintergrund LED-Wände mit animierten Männchen zu sehen sind, würde man da die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf das Wesentliche lenken: Es geht um ein Lied, das das Herz berührt. Dieses Gefühl habe ich schon ganz viele Jahre nicht mehr.“

doli