Mehr als die Hälfte der Menschen in unserer Kulturregion leben nicht in einer Großstadt. Wer sorgt für die kulturelle Basisversorgung vor Ort. Die a3kultur-Redaktion stellt einige dieser Programmmacher*innen vor.
Ein Gastbeitrag von Matthias Hain. Er ist für den Bezirk Schwaben unter anderem für die Kammerkonzertreihe auf Schloss Höchstädt. verantwortlich.
Vor vielen Jahren überraschte mich der Pfarrer im Gottesdienst am vierten Sonntag nach Ostern, »Cantate«, mit der zu Beginn seiner Predigt gestellten Frage: Warum singen wir eigentlich? Vor allem in Zeiten wie diesen, wo uns doch oft schon die Worte fehlen. Vielleicht unbeabsichtigt stellte der Pfarrer damit auch die generelle Frage: Warum musizieren wir überhaupt? Warum versuchen wir, möglichst vielen Menschen den Zugang zum Wahren, Schönen und Guten zu ermöglichen? Oder noch allgemeiner: Warum setzen wir uns eigentlich den ästhetischen Erfahrungen aus, die die Kunst bietet? Die Antwort ist so einfach wie subversiv: Weil alle Kunst ein immerwährendes »Und doch!« ist. Weil die Begegnung mit ihr die Sinne schärft für die Widersprüchlichkeit des Lebens und sie eine Ahnung vermittelt von dem, was sein könnte. Weil sie über gehobene Unterhaltung weit hinausgeht. Weil sie Fragen stellt – und gleichzeitig Lösungen anbietet. Damit ist sie, erst recht in Zeiten wie diesen, die soziale Kraft schlechthin, der Kitt der Gesellschaft, der Garant für Werteerhalt und Wachsamkeit. Ihr Zauber bringt Menschen dazu, sich für die Dauer eines Konzertes, einer Opernaufführung oder eines Museumsbesuchs nicht mehr mit sich selbst zu befassen und gleichzeitig doch ganz bei sich zu sein. Genau darin liegt ihre geradezu revolutionäre Kraft: Nichts ist heutzutage subversiver, als einige Stunden lang für andere nicht erreichbar zu sein. »Quality Time« nennt man das wohl auf Neudeutsch.
Die Gründerväter der Bayerischen Bezirke müssen all dies gefühlt haben, als sie in der Bezirksordnung unter Artikel 48 auch die Sorge um das »kulturelle Wohl ihrer Einwohnerinnen und Einwohner« als eine der Aufgaben der Bezirke formulierten. In Artikel 4 der Bezirksordnung ist zudem die Rede davon, dass den Bezirken die Erfüllung jener öffentlichen Aufgaben obliegt, die das Leistungsvermögen der Kreise und Kommunen übersteigen. Setzt man diese Vorgaben zueinander in Beziehung, ergibt sich daraus ein unmissverständlicher Kulturauftrag: Geht hinaus »in die Fläche« und versorgt die Region mit Kultur!
Genau dies tut der Bezirk Schwaben unter anderem mit seiner Kammerkonzertreihe auf Schloss Höchstädt. Dort bietet der Rittersaal den intimen Rahmen, um ganz nah an der Musik zu sein. Unser Anspruch ist, einem Publikum abseits der Großstadt ein Programm »wie in einer Metropole« zu bieten. Dabei stehen die Seriosität und Authentizität der Musikerinnen und Musiker absolut im Vordergrund. Sogenannte »große Namen« dürfen zwar gern sein – in der Vergangenheit waren beispielsweise das Mandelring Quartett, der Pianist Lukas Sternath oder das Guadagnini Trio zu Gast –, aber das Entscheidende bleibt stets die dramaturgische Wahrhaftigkeit und das künstlerische Niveau. Denn nur weil Konzerte abseits der Metropolen stattfinden, müssen sie noch lange nicht provinziell sein. Im Gegenteil: Gerade an Orten ohne die allabendliche Auswahl an mehreren Veranstaltungen wie in der Großstadt sollte man das Publikum besonders ernst nehmen. Wir vertrauen darauf, dass die Musikenthusiastinnen und -enthusiasten, die den Weg nach Schloss Höchstädt auf sich nehmen, zuhören wollen. Der Anspruch des Publikums an uns spiegelt sich in dem Anspruch wider, den wir an das Publikum stellen. So bemühen wir uns einerseits, jedes Konzert zu einer Begegnung mit den epochalen (und beliebten) Werken der klassischen Kammermusik zu machen. Andererseits ermutigen wir die Künstlerinnen und Künstler, auch Unbekanntes, Ausgefallenes, Abseitiges – also buchstäblich Unerhörtes – aufs Programm zu nehmen und auf die Neugier unseres Publikums zu vertrauen. Gerade das scheinbar Vertraute wirkt im Spiegel des Unvertrauten plötzlich frisch und neu, spannend und anregend.
»Gemeinsam mit dir« lautet das Motto des Bezirks Schwaben. Die Menschen in unserer Region sind Anlass und Ziel all unseres Tuns. Auch eine Begegnung mit den großen Werken der Kunst – in diesem Falle: der Musik – kann Menschen nachhaltig verändern. Wenn – wie kürzlich in einer Rezension zu lesen war – eine Besucherin nach dem Konzert schwärmt: »Ich hörte nicht Kunst, ich war Kunst«, dann haben wir unser Ziel erreicht.
Klassiktermine im Schloss Höchstädt
Fagotte, die sprechen: Konzert mit den Fagotti Parlandi Samstag, 23. Mai (19 Uhr)
Bona goes Pop: Konzert des St. Bonaventura Gymnasiums Dillingen Dienstag, 16. Juni (19 Uhr)
Von Renaissance bis Bernstein: OpenAir mit dem Ensemble Classique Samstag, 27. Juni (19 Uhr)
Verborgene Schätze: Julia Rinderle mit Werken von Komponistinnen Samstag, 17. Oktober (19 Uhr)