Bruno Schulz, Jahrgang 1940, hat manchen Schicksalsschlag erlebt. „Was haben Menschen im Bauch, die dort keine Religion haben?“, fragt er.
Foto: Linda Roth
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- Bruno Schulz, 1940 in Karlsruhe geboren, blickt auf Krieg, Glauben und Entbehrungen zurück.
- Sein Vater entzog sich den Nazis, blieb gläubig und sprach später nie darüber.
- Als Medailleur schuf Schulz Porträts, gab seinen Laden jedoch 2021 altersbedingt auf.
- Der Tod seines Sohnes Björn prägt ihn bis heute, dennoch spricht Schulz von Vergebung.
Diese Zusammenfassung wurde von einer KI erstellt und redaktionell geprüft.
Bruno Schulz hasst den Treppenlift. Das liegt zum einen daran, dass sich der Lift ständig aufhängt und seine Not dann mit anhaltendem Piepsen kundtut. Zum anderen liegt es aber, und das nicht wenig, an Brunos Ungeduld und der Tatsache, dass er auf den Lift angewiesen ist.
„Zwei Vaterunser dauert es, bis ich mit dem Ding unten bin“, sagt er und rollt genervt mit den Augen. Als Mahnung schiebt Bruno mit erhobenem Zeigefinger hinterher: „Werden Sie niemals alt!“ – als gäbe es, wenn man sich als junger Mensch gut führt, tatsächlich die Möglichkeit, den Lauf des Lebens aufzuhalten.
Bruno Schulz ist 1940 in Karlsruhe geboren. Er ist in der Karlsruher Südweststadt aufgewachsen.
Bruno Schulz schildert Angst vor dem Konzentrationslager
In der Küche der Familie Schulz stand in dieser Zeit ein Radio: „Der Führer empfiehlt heute Eintopf“, sagte die Stimme aus dem Radio.
Dort in der Küche hing auch die „NSDAP-Sau“. So nannte die Familie unter sich die aus Holz geschnitzte Sau, an der die Geschirrtücher hingen. „Hätten die Nachbarn mitbekommen, dass wir keine echten Nazis sind, wir wären im KZ gelandet“, sagt Bruno.
Die Nazis hatten keine Religion im Bauch.
Bruno Schulz
erlebte den Krieg in der Südweststadt in Karlsruhe
Seine Mutter war vor der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers als Novizin im Kloster und sein Vater Pater in einem Orden. Dann kamen die Nazis und schlossen das Kloster, in dem die Mutter lebte, und den Orden, in dem der Vater war. Circa 1935 war das.
Als Bruno geboren wurde, war sein Vater schon untergetaucht, verschwunden im Untergrund. Bruno erzählt, dass es für seinen Vater nie infrage kam, an der Waffe zu dienen, einen Menschen zu töten. Das hätte er mit seinem tiefen Glauben nicht vereinbaren können. Und die Nazis? „Die Nazis hatten keine Religion im Bauch!“, sagt Bruno. Er schüttelt den Kopf.
Im Laufe des Weltkriegs tauchte sein Vater immer mal wieder auf, um dann für unbestimmte Zeit erneut zu verschwinden. Keiner wusste, wo er war. Auch nach dem Krieg sprach er nie darüber.
Karlsruher sucht ein altes Foto seines Vaters heraus
In Brunos Computer steckt sein Leben. Er hat es dort archiviert und mit Schlagworten versehen. Zu jeder Geschichte gibt es Fotos, eingescannte Zeitungsartikel und Word-Dokumente. Zu der Erinnerung an seinen Vater sucht Bruno ein altes Foto heraus: er als Kleinkind, auf den Armen seiner Mutter. Links neben der Mutter steht der Vater und rechts von der Mutter der Onkel in Uniform.
Das Foto erinnert Bruno an Worte, die der Onkel einmal zu ihm sagte: „Es gab nur zwei echte Nationalsozialisten, mich und Hitler.“ Brunos Vater trägt auf dem Foto keine Uniform, er hat eine schwarze Jacke und eine schwarze Hose an. Seinen Schwager machte das wütend, ein Verräter in der eigenen Familie. „Doch er konnte nichts dagegen tun, ohne sein Gesicht zu verlieren“, sagt Bruno. Und es freut ihn heute noch.
„Bruno stört durch ungezogenes Verhalten häufig den Unterricht“, steht als Bemerkung in gestochener Schreibschrift in einem seiner Zeugnisse, das er archiviert hat. Alle in seiner Familie seien Akademiker gewesen, sagt Bruno, der Opa sogar Mundschenk vom letzten Großherzog von Baden.
Und Bruno hatte schon immer den Schalk im Nacken. In Mathe war er besonders schlecht. „Ich zähle noch heute mit den Fingern nach“, sagt er lachend. Es ist ihm völlig egal.
Bruno Schulz stellte Porträt von Franz Josef Strauß her
Mit 13 Jahren ging Bruno in die Lehre, wurde Medailleur und Gravurmeister. Er stellte Porträts her. Mit filigranem Werkzeug entstanden durch Brunos Hände in Gips Gesichter. Mancher lachte, mancher schaute ernst. Gerade Nase, Hakennasen, mit und ohne Tränensäcken. Aus den Gipsmodellen wurden dann Medaillen in Bronze, Silber oder Gold.
Zu jedem Porträt hat Bruno eine Anekdote. So zum Beispiel zu dem von Franz Josef Strauß: „Seine Sekretärin rief bei mir an und ließ mir von Strauß ausrichten, dass er sich jetzt nicht mehr im Spiegel, sondern nur noch seine Medaille anschaut, weil er auf dieser viel hübscher aussieht“, sagt Bruno. Die Königin von Dänemark bedankte sich für die Medaille, die er von Hans Christian Andersen gemacht hatte.
Ende der 1990er Jahre, nach einem schrecklichen Verlust, fingen Brunos Hände an, zu zittern. Die filigrane Arbeit gelang ihm nicht mehr. Deshalb fertigte Bruno Modelle für Holzschnitzer an. Es waren heilige Figuren, die er in seinem Laden, dem „Karlsruher Brigändle“, bis 2021 verkaufte. Mit 81 Jahren gab er den Laden auf. Die Menschen, sagt Bruno, interessierten sich nicht mehr für diese Art von Holzfiguren.
Karlsruher Südweststadt trägt Spuren des Krieges
Die Südweststadt ist ein hübscher Stadtteil von Karlsruhe. Junge Familien, viele Akademiker, Lastenräder vor den Altbauten. „Über den Balkonen hingen im Krieg die Leichen“, sagt Bruno. Immer wenn die „Christbäume“ vom Himmel fielen, flüchteten die Bewohner in ihre Schutzräume im Keller.
„Christbäume“, so nannten die Leute die Beleuchtung, die bei den Luftangriffen aus den Flugzeugen vom Himmel fielen und die sich eben wie jene bei der Landung auf dem Boden aufspannten und das Gebiet erhellten, damit die Piloten ihre Ziele besser sehen konnten.
Mit drei Jahren stand der kleine Bruno bei einem dieser Luftangriffe im Luftschutzraum im Keller der Klauprechtstraße 43 und fing an, das „Vaterunser“ zu beten, und alle Nachbarn begannen, es dem kleinen Jungen gleich zu tun.
Im Krieg haben sie alle gebetet.
Bruno Schulz
über Erlebnisse im Luftschutzraum, als die Bomben fielen
Nach dem Krieg, wenn Bruno zu den Nachbarn sagte: „Erinnerst du dich, wie wir gemeinsam gebetet haben, als die Flieger kamen?“, wischten die mit einer Handbewegung die Bedeutung dieses Moments weg. „Im Krieg haben sie alle gebetet, aber nach dem Krieg wollte keiner mehr was davon wissen“, sagt Bruno. Man sieht ihm an, wie sehr ihn das noch heute ärgert.
Verwundert fragt Bruno: „Was haben denn Menschen im Bauch, die dort keine Religion haben?“ Als würde Ungläubigen so etwas Wichtiges wie das Herz oder die Lunge fehlen, und sie könnten dennoch fidel in der Gegend herumspringen.
Sohn Björn saß dem Vater als Kind Modell
In Brunos Keller steht neben vielen holzgeschnitzten heiligen Figuren, die aus der Auflösung seines Ladens übrig sind, eine Kinderfigur aus Gips. Ein „Karlsruher Brigändle“, wie man einen Karlsruher Jungen nennt. Bruno hat die Figur 1979 für die Unicef zum Jahr des Kindes angefertigt. Im Laufe der Zeit hat sich das Drahtgestell durch den Gips gedrückt und Rostflecken an den Beinen und Armen hinterlassen.
„Das ist mein Björn. War er nicht ein wunderschönes Kind?“, sagt der Vater stolz über seinen Sohn, der damals für ihn Modell saß. Der Björn aus Gips lacht. Am rechten Fuß fehlt der Kinderfigur der kleine Zeh; der echte Björn hat ihn aus Versehen mal abgeschlagen. „Ich wollte ihn immer mal reparieren“, sagt Bruno und blickt auf die seit Jahrzehnten leere Stelle.
Tod des Sohns wirft Fragen auf
Björn Schulz starb am 19. Februar 1997 an den Folgen eines Treppensturzes in einem Karlsruher Club. An seinen Händen und Armen konnten damals keine Abschürfungen festgestellt werden. Warum hatte er nicht versucht, sich abzufangen?
In Brunos Aufzeichnungen aus jenen Tagen ist wegen dieser Frage von einem zeitweise vermuteten Mordverdacht zu lesen. Beweise hierfür wurden nicht gefunden. Die Treppe, so hat er geschrieben, sei in einem „desolaten Zustand“. Mängel stellte das Bauamt damals aber nicht fest.
Brunos Aufzeichnungen lesen sich wie die Seiten eines Tagebuchs. Worte, um die er ringt. Wut, die er zügelt. Trauer, die ihn übermannt. Zeile um Zeile um Zeile. Manches hat er fettgedruckt, hervorgehoben durch Großbuchstaben. So auch diese Worte: „Lieber Gott, liebe Mutter Gottes, bitte nehmt Björn bei Euch auf. – Bitte, lieber Gott – nimm ihn auf.“
Schulz’ Sohn ist „bei Gott im Himmel“
„Fassung behalten ist unmenschlich hart“, schrieb Bruno damals. Björns Bruder hat seine Fassung verloren, als sein Bruder starb. Er fand erst spät ins Leben zurück.
Und da steht Bruno nun in seinem Keller, gestützt auf einen Gehstock, fast 30 Jahre nach dem Tod seines Sohnes, und schaut auf sein ewiges Kind. „Ein schönes Kind“, wiederholt der Vater.
Es sei nicht wichtig, sagt Bruno, wie sein Sohn starb. Selbst wenn es einen Mörder gebe und der bei ihm klingeln würde. „Ich habe ihm längst verziehen“, sagt Bruno. Und Björn, der sei eh’ bei Gott im Himmel.
Schulz stellte die Uhr für den Heiratsantrag vor
Seit 60 Jahren ist Bruno verheiratet. Die Geschichte über den Heiratsantrag erzählen er und seine Frau so, dass man denkt, man hat frisch Verliebte vor sich. Wie Bruno im Juni 1966 die Uhr eine Stunde vor auf 0 Uhr stellte, weil im Ring das Datum vom nächsten Tag eingraviert war und er es nicht abwarten konnte, seiner Frau einen Antrag zu machen.
Wenn Bruno mal nicht ganz richtig liegt, sagt seine Frau zu ihm: „Herr Schulz, du hast immer recht.“ „Hab ich nicht?“, fragt Bruno zurück. „Doch, doch“, sagt seine Frau und lacht. Es ist ihr Running-Gag bis ans Ende ihres gemeinsamen Lebens, so wie sie es sich versprochen haben.
Unsere Gesellschaft, die bricht auseinander.
Bruno Schulz
über die aktuelle Situation
Bruno ist ein „einfacher alter Mann“. Das sagt er von sich selbst. Er kann viel über den Zweiten Weltkrieg und Nachkriegsdeutschland erzählen. Bruno hat nie vergessen, wie es klingt, wenn Schädel knacken, die mit dem Gewehr eingeschlagen werden. Bei der Erinnerung schüttelt er sich. Bruno hatte Hunger in seinem Leben. Schlimmen Hunger, bei dem sich der Magen auf die Größe eines Pflaumenkerns zusammenzieht.
Krieg, sagt Bruno, sei das Allerschlimmste. Und in unserer Welt sei viel Krieg. Auf unsere Gesellschaft schaut er und ihn beunruhigt, was er sieht: „Unsere Gesellschaft, die bricht auseinander.“ Denn viele denken, sie seien wertvoller als andere. „Dabei ist kein Mensch wertvoller als der andere! Wenn man die oberste Leitlinie, die Religion, nicht mehr hat, dann hat man nichts“, sagt Bruno. Er meint damit: egal welche Religion.
Christsein schließt für Bruno Schulz Hetze klar aus
Menschen, die so alt sind wie er, scheren sich nicht mehr darum, ob sie anecken. Sie sagen einfach, was sie denken. Über Trump. Über Putin. Über Rechtsextreme. Schmeichelhaft ist das nicht. Denn: „Wer Christ ist, liebt seinen Nächsten wie sich selbst.“ Damit hat sich das für ihn.
2024 attestierte Brunos Arzt ihm: „Bruno Schulz ist multimorbide und gebrechlich.“ „Ist doch lustig“, sagt Bruno. Vor dem Sterben hat er keine Angst. Bruno sagt, dass er in den Himmel kommt. Und dort ist auch Björn.