Mode, Kunst und Design der Zwanziger-Jahre sind stilprägend. Frauen befreiten sich aus vielen Zwängen. Auch aus den engen Korsagen. Sie kürzten nicht nur ihre Röcke, sondern auch ihre Haare, trugen den Körper umschmeichelnde Kleider. Frauen schlüpften in Hosen und rauchten mit der Zigarettenspitze – sie hatten viel zu sagen und waren jetzt öfter auch berufstätig. Die Emanzipation der Frau – sie nahm gewaltig Fahrt auf in den „Wilden Zwanzigern“. Auch die St. Wendeler Künstlerin Mia Münster war ein Teil davon. Ihre Modezeichnungen aus ihrer frühen Schaffensphase zeigt derzeit das Museum St. Wendel im Mia-Münster-Haus im Dialog mit Schaufensterpuppen aus einer Mannheimer Sammlung in einer Sonderschau mit dem Titel „Kunst & Kommerz – Mode im Zeitgeist von 1925-1935.“ Zentral platziert im Raum: eine Litfaßsäule und ein Schaufenster. Werbung und Kommerz. Außerdem St. Wendeler Stadtansichten, Werbefilme und Plakate aus den 1920er- und 1930er-Jahren.
Wie Mode die 20er-Jahre prägt
Bei der Vernissage am 10. Mai begrüßte St. Wendels Bürgermeister Peter Klär auch als Vorstand der Stiftung Walter Bruch die Gäste im voll besetzten Saal. Die Ausstellung entführt in das Berlin der 1920er- und 1930er-Jahre und lässt die Mode- und Reklamezeichnungen Münsters in Dialog mit historischen Schaufensterfiguren aus der Sammlung des Kurators Wolfgang Knapp treten, erläuterte er. Und lässt nicht unerwähnt, dass die Exposition, die auch St.Wendeler Geschäftsinhaber in den Fokus nehme, nur durch die Leihgaben Eva Maria Pfeifers, Nichte und Nachlassverwalterin der 1970 verstorbenen Mia Münster, sowie von Kurator Knapp, und durch viele Gönner möglich gewesen sei.
Neue Sachlichkeit bringt soziale Fragen in die Kunst
Als Nachlassverwalterin Mia Münsters und Leihgeberin vieler Exponate aus dieser für die Künstlerin so wichtigen Phase zeigt sich Eva Maria Pfeifer von der Ausstellung begeistert und macht allen Akteuren ein großes Kompliment, indem sie konstatiert: „Ich bin der festen Überzeugung, dass Mia Münster ihre Freude daran gehabt hätte.“ Jörg Sämann vom Bildungsministerium nahm kulturhistorisch Bezug auf die 20er-Jahre, die nur bedingt „golden“ gewesen seien trotz Aufbruchstimmung und Innovation, etwa durch das Bauhaus. Denn auch der Nationalsozialismus ist in dieser Zeit stark und groß geworden. In der Kunst habe die Neue Sachlichkeit die sozialen Gegensätze und die Kriegstraumata des Ersten Weltkrieges offengelegt und wirtschaftlich sei man zum Konsum zurückgekehrt, was auch die Werbung beeinflusst habe: „Marken wie Persil, Tempo oder Nivea, die wir heute noch kennen, kamen auf den Markt und die junge Mia Münster war als Gebrauchsgrafikerin verschiedener Magazine mittendrin“, führt Sämann aus. Bei der Eröffnung ging es auch musikalisch in diese Zeit zurück, und zwar mit Harald Bleimehl (Klavier) und Katharina Becker (Gesang), die mit „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, einer Komposition Friedrich Hollaenders für den Film „Der blaue Engel“, sowie später mit „Die Kleptomanin“ vom selben Komponisten.
Mia Münster, eine Frau der 20er-Jahre
Mehr als ein Jahr lang habe man am Ausstellungskonzept gearbeitet, erläutert Museumsleiterin Friederike Steitz. Die Schau zeige, wie angewandte Kunst sich mit kommerziellen Zwecken verzahnt. Steitz berichtet, wie sie zunächst Kontakt zu Wolfgang Knapp, einem Sammler historischer Schaufensterfiguren und obendrein Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker, aufgenommen und diesen nicht nur als Leihgeber, sondern auch als Kurator habe gewinnen können. Im Laufe der Zusammenarbeit hätten sich Parallelen zwischen Mia Münster und Knapps Mannequins herauskristallisiert, führt die Museumsleiterin aus, die auch auf die Biografie der berühmten St. Wendelerin eingeht. Mia Münster verkörpere den Typus der modernen Frau der 1920er-Jahre.
Geprägt durch ihre Ausbildung in Berlin
In der Kunst- und Kunstgewerbeschule Reimann in Berlin habe Münster das Schaufenster als künstlerische Inszenierung kennengelernt. Friederike Steitz betont, dass die Künstlerin, die sich nach ihrer Rückkehr nach St. Wendel mit Illustrationen für die Saarbrücker Zeitung ihren Lebensunterhalt verdiente, nicht nur Heimatmalerin gewesen sei, sondern auch Teil der pulsierenden Berliner Kulturszene der 1920er-Jahre. Kurator Wolfgang Knapp freute sich, dass seine eigenen Sammelobjekte so effektvoll in Szene gesetzt wurden. In den Werbe- und Reklamezeichnungen Mia Münsters in ihrer frühen Schaffensphase lebe der Zeitgeist der Goldenen Zwanziger-Jahre.