Die Band Grobschnitt zelebriert im Tollhaus ihre 55-jährige Geschichte mit einer „Acoustic Party“ als Storyteller-Konzert. Eine faszinierende Zeitreise mit neu arrangierter Musik und vielen Geschichten.
Alte Songs in neuem, akustischen Gewand. Grobschnitt zelebriert im Tollhaus Klassiker der 70er und 80er Jahre.
Foto: Thomas Zimmer
vor 5 Stunden
2 Minuten
vor 5 Stunden
Da hatte man am Wochenende die Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kultveranstaltungen: Entweder zu Hause bleiben und das Finale des Eurovision Song Contest schauen oder im Tollhaus die „Acoustic Party“ der 1971 gegründeten Band Grobschnitt besuchen. Irgendwann im Laufe des Abends erzählt Gitarrist Lupo schmunzelnd, dass seine Band sich tatsächlich vor 50 Jahren mit dem Song „Snowflakes“ für den damaligen Grand Prix D’Eurovision beworben habe, selbstredend ohne Erfolg.
Grobschnitt spielt unplugged in neuer Besetzung
Grobschnitt-Fans hatten lange Zeit gedacht, die Band nur noch in der Retrospektive erleben zu können: Da gab es die monumentale CD-Box, die Solar-Movie-DVD-Box des Rockpalast-Auftritts von 1978, das komplette Werk auf Vinyl. Dann kam die Ankündigung: Grobschnitt gibt es jetzt unplugged. Nun also Grobschnitt in reduzierter Besetzung mit drei akustischen Gitarren auf der Bühne: Neben den Urgesteinen Lupo und Willi Wildschwein dessen Sohn Nuki.
Seit 2019 betreiben die drei dieses mutige Projekt. Mutig deshalb, weil die Grobschnitt-Musik in ihrer ursprünglichen Form von üppigen Arrangements, bombastischen Klanggebirgen und einer ideenreichen optischen Umsetzung mit viel Licht, Nebel, Knalleffekten plus als schräge Gestalten verkleideten Roadies lebte. Lupo zitiert denn auch gleich zu Beginn des Abends Zeitungskritiken aus dieser wilden Zeit: „Vier Stunden in der Hölle bei Grobschnitt“, meinte da ein offenbar entgeisterter Rezensent, durchlitten zu haben. Ein anderer verortete die Musik „irgendwo zwischen den Gonsbach-Lerchen und den Les Hmphries Singers“.
Rockband verzichtet auf Bass und Schlagzeug
Heute wacht der Maraboo, die Hauptfigur aus dem musikalischen Märchen „Rockpommels Land“, als kreatives Markenzeichen über die Bühne, auf der sich die Zeitreise entfaltet. „Wir spielen das wie eine Rockband. Das ist alles andere als Lagerfeuer-Romantik“, hatte Lupo im Vorfeld der Konzerte erklärt. So klingt die Musik mal nach Progressive Rock, mal lässt sie Folk-Elemente einfließen, mal haben die sorgfältig austarierten Gitarrenlinien auch barockes Flair. Wobei alles auf das Wesentliche reduziert ist: kein Bass, kein Schlagzeug, allein Nuki setzt sparsame perkussive Akzente. Willi Wildschwein braucht für seine Texte nicht den heute üblichen Teleprompter, sondern nur ein gewöhnliches Notenpult.
Die Musik fließt. Klassiker wie „Vater Schmidts Wandertag“, „Ernies Reise“ und das über die Jahrzehnte oft variierte „Solar Music“ werden detailverliebt neu interpretiert. Faszinierend ist der Kontrast zwischen den oft humorigen und schrägen Texten und der Ernsthaftigkeit und Konzentration, mit der die Musiker die alten Werke mit neuem Leben füllen: Hier wird nicht geklotzt, hier ist Filigranarbeit angesagt, die die Feinheiten, die Breaks, die Laut-Leise-Kontraste aufscheinen lässt. Das alles ohne die „Stütze“ einer Rhythmussection, die den Groove zusammenhält. Die reduzierten Versionen zeigen zudem Willi Wildschwein als Sänger in neuem Licht: Selbstsicherer, kräftiger erscheint sein durchaus eigenwilliger Gesang in diesem Kontext, am schönsten im harmonischen Duett mit seinem Sohn.
Grobschnitt-Fans singen bei „Solar Music“ mit
Die Acoustic-Party ist auch ein Storyteller-Konzert voller Geschichten. Lupo erzählt von den 70er Jahren, als es normal war, jedes Jahr ein neues Album zu veröffentlichen und so nebenbei noch 80 und mehr Konzerte zu absolvieren. Es ist ein Fest für altgediente Grobschnitt-Fans, von denen der ein oder andere möglicherweise schon beim ersten, vom Tollhaus organisierten, Auftritt der Band im Jahr 1985 dabei war. Da mag man schon mal textsicher einstimmen und beim üppig ausufernden und mit vielen Windungen und Abzweigungen gesegneten „Solar Music“ alle Contenance vor Begeisterung fahren lassen, wenn Willi Wildschwein singt: „Wir sind die Sonne. Wir sind die Erde. Alles und nichts im Plan. Teil eines Ganzen. Teil eines Lebens. Spieler der Zeit – spontan.“ Ganz ohne Instrumente, allein mit dem Playback, gibt es als letzten Song „Der Weg nach Haus“.
Bevor Publikum und Band den Heimweg antreten, steigt Lupo von der Bühne, verteilt Autogramme und wird zum Moderator eines Klassentreffens. Es ist ein Ritual, das zu jedem Grobschnitt-Konzert gehört. Da sind sie wieder, die nie endenden Geschichten, wer Grobschnitt wo und wann zum ersten Mal live gesehen hat und mit dem Virus infiziert wurde.