Pariser Flair an der Alb, doch in Ettlingen drückt der Regen die Stimmung. Statt 20 Händlern kommen nur vier. Zwischen Raritäten wartet auch ein Stück Hyperinflation.
Astrid Siegel präsentiert die Preisentwicklung der Briefmarken während der Hyperinflation 1923. Die Tafel hat sie von ihrem Vater geerbt.
Foto: Sophie Bomhardt
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Angelehnt an die berühmten Pariser Bücherflohmärkte an der Seine, hat der Briefmarkenverein Ettlingen am Samstag einen Papier- und Bücherflohmarkt veranstaltet. Die Seine wurde zur Alb und Bouquinisten waren unter anderem Astrid und Peter Siegel.
Briefmarkensammlung zeigt Hyperinflation der Weimarer Zeit
„Es ist immer nett hier“, erzählt Astrid Siegel von ihren bisherigen Erfahrungen in Ettlingen. Besonders stolz präsentiert sie eine Briefmarkensammlung aus dem Jahr 1923. „Dokument einer irrsinnigen Zeit“ lautet der Titel. Gezeigt werden hier Briefmarken von 1920 bis 1923. Die Preise sind in dieser Zeit von fünf Pfennig auf zehn Milliarden Mark gestiegen. Dieses historische Dokument zeigt somit die Zeit der Hyperinflation während der Weimarer Republik. „Mein Vater hatte das im Wohnzimmer hängen“, erzählt Siegel. Zusammen mit ihrem Mann Peter ist sie aus Ispringen angereist, um Bücher, Antiquitäten und auch DVDs zu verkaufen. Die Käufer lassen jedoch auf sich warten.
Kaufhaus-Schild erzählt Ettlinger Geschichte
„Schade wegen des Wetters“, kommentiert Harald Jung, Mitglied des Briefmarkenvereins Ettlingen. Er kümmert sich um die Verkäufer vor Ort, Veranstalter ist die Stadt Ettlingen. Auch Jung hat Antiquitäten seines Vaters dabei: „Das ist eine Werbetafel vom Kaufhaus Schneider zum 75-jährigen Jubiläum 1967“, beschreibt er seine Antiquität. 1892 wurde das Kaufhaus in Ettlingen beim Rathaus eröffnet. Der Druck zeigt die Ankündigung der Eröffnung aus dem Jahre 1892. „Das Schild ist aber von 1967, denn der Druck ist auf Pressspanholz, das gabs 1892 noch nicht“, erklärt Harald mit einem Schmunzeln. Sein Vater habe selbst beim Kaufhaus Schneider gearbeitet und sei so in den Besitz der Tafel gekommen.
Neben den Briefmarken und Büchern werden auch Stofftiere von Steiff, sowie CDs und Kinderhörspiele angeboten. Immer wieder müssen die Verkaufsgegenstände von Tüchern abgedeckt werden, um sie vor dem Nieselregen zu schützen. Denn „Wasser und Bücher verträgt sich nicht“, meint Peter Siegel. In den vergangenen Jahren waren teils rund 20 Verkäufer da, dieses Jahr sind es nur vier, die sich bei dem Regen trauen.
Papierflohmarkt zeigt Sammelalbum von 1936
Eine weitere Antiquität ist ein Sammelalbum von 1936 mit dem Namen „Aus Deutschlands Vogelwelt“. Während heute an der Kasse von Supermärkten Sammelkarten von Fußballern ausgegeben werden, waren damals Sammelkarten in Zigarettenschachteln enthalten, welche während der 1920er und 1930er Jahre im großen Stil vom sogenannten Cigaretten-Bilderdienst herausgegeben wurden. „Es gab da verschiedene Serien. Wir haben eines zu den deutschen Kolonien“, erzählt Astrid. Bei vollständigen Sammlerstücken werden dafür teilweise zwischen 60 und 70 Euro gezahlt. Die alten Gegenstände haben zwei Dinge gemeinsam: die alte deutsche Schrift und der typische Geruch nach feuchtem Keller. Ein weiteres Bild zeigt das Bäckerhandwerk. In einem anderen Buch wird „Die künstlerische Kultur des Abendlandes“ beschrieben. Der nächste Papier- und Bücherflohmarkt findet am 6. Juni statt.