Ein milder Frühlingsnachmittag auf einem Feld irgendwo bei Lwiw – der genaue Standort ist geheim. Einige junge Männer entladen Kisten aus einem weißen Minibus, Kurzstreckendrohnen und Zubehör: kleinere und größere Quadrokopter, daneben flugzeugähnliche Modelle, die an Modellflieger erinnern. Das Gelände dient als Testort für die Start-ups des „Iron Clusters“, einer Non-Profit-Organisation, die die Interessen der Lwiwer Drohnenunternehmen bündelt. Die Branche boomt, so wie die ukrainische Rüstungsindustrie insgesamt. Denn es geht um nicht weniger als das Überleben des Landes.
Roman Delimarskyj, Leiter der Abteilung für Anpassung beim Softwareunternehmens NORDA Dynamics, das sich auf autonome Drohnensteuerung spezialisiert hat, stellt ein Stativ ins Gras. Darauf montiert er einen portablen Bildschirm mit Antenne, welche die Videosignale der Drohnenkameras empfängt. Man kann auf dem Bildschirm nachverfolgen, was die Drohne und was deren Pilot sieht.
Billigdrohnen machen Front zur Todeszone
Kleine unbemannte Fluggeräte, so die offizielle Bezeichnung für Drohnen, dominieren inzwischen die Front, auf ukrainischer wie auf russischer Seite. Sie greifen auch Ziele an, die zehn oder zwanzig Kilometer hinter der vordersten Frontlinie liegen, mit zunehmenden Reichweiten. Die Drohnen haben die Front durchlässig gemacht und in eine Todeszone verwandelt, in der man sich kaum noch bewegen kann, ohne in ihr Visier zu geraten.
Die ursprünglich aus dem Hobbybereich stammenden Quadrokopter, wie sie ab den Zehnerjahren Modellflug-Enthusiasten oder Filmteams nutzten, werden im Krieg in der Ukraine massenhaft zu Waffen umgerüstet: Sie steuern als Kamikaze-Drohnen ihre Ziele an oder werfen Sprengsätze aus der Luft ab.
NORDA Dynamics hat Softwarelösungen entwickelt, die es den Drohnen ermöglichen, Ziele automatisch zu erkennen und den Anflug auf sie zu stabilisieren. So können Drohnenpiloten der ukrainischen Armee die Ziele präziser ansteuern, trotz widriger Wetterverhältnisse und Signalstörungen durch die russische Seite. Die Software wird auf etwa faustgroße Module aufgespielt, die mit unterschiedlichen Drohnentypen kompatibel sind.
Auf dem Feld bei Lwiw wird die Software getestet: Der Drohnenpilot markiert einen quadratischen Bereich, in dem sich der weiße Van des Teams befindet. Liannyi verfolgt den Vorgang auf dem Bildschirm aufmerksam mit und erklärt dem MDR, was geschieht: „Der Pilot fliegt über seinem Interessengebiet, aktiviert die Erkennung, und in diesem Gebiet versucht das System selbständig, Fahrzeuge zu finden, auf die es trainiert wurde.“
Ukrainische Drohnenindustrie wächst rasant
Den CEO von NORDA Dynamics, Nasar Bigun, konnte der MDR zwei Tage zuvor in einem Café in Lwiw sprechen. Die westukrainische Metropole, unweit der polnischen Grenze, gilt als vergleichsweise sicherer Standort für Rüstungsunternehmen. Verteidigung ist nicht nur militärisch überlebenswichtig für das Land, sondern auch wirtschaftlich relevant.
NORDA Dynamics ist eines von aktuell rund 500 Drohnenunternehmen in der Ukraine – vor dem russischen Überfall im Februar 2022 waren es sieben. Die zunehmend von unbemannten Systemen bestimmte Rüstungsproduktion ist mittlerweile mit der Landwirtschaft, dem traditionellen Wirtschaftszweig der Ukraine, gleichauf – Stand Juli 2025 trug der Verteidigungssektor laut dem Kyiv School of Economics Institute sieben Prozent zum ukrainischen Bruttoinlandsprodukt bei.
Bigun berichtet, er habe bereits 2023 mit Freunden eine ehrenamtliche Drohnenproduktion aufgebaut, die bis heute fortbesteht und monatlich etwa 200 bis 300 kleine FPV-Drohnen herstellt. Dabei handelt es sich um Quadrokopter, bei denen der Pilot eine Brille trägt und die Perspektive der Drohne einnimmt – die Abkürzung FPV steht für „First Person View“, also Ich-Perspektive. Laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium soll die ukrainische Armee im vergangenen Jahr insgesamt fast drei Millionen solcher Drohnen erhalten haben, die meisten davon aus heimischer Produktion.
Frontsoldaten geben Verbesserungsvorschläge
„Wir fingen an darüber nachzudenken, wie wir die Leistung verbessern können, wie wir die Effizienz der Drohnen steigern können“, erklärt Bigun. Denn unter realen Frontbedingungen mit elektronischer Kriegsführung kann ein Großteil der Drohnen ihr Ziel nicht erreichen. NORDA Dynamics arbeitet eng mit rund 20 Kampfeinheiten zusammen, von denen täglich Rückmeldungen zur Software eingehen – dazu was gut funktioniert und was nicht. Mit diesen Informationen können die Ingenieure des Unternehmens direkt an den Algorithmen feilen. Die kürzeste Feedback-Schleife habe nicht einmal eine halbe Stunde betragen, sagt der studierte Physiker stolz. Entsprechend rasant entwickeln sich die Produkte weiter und passen sich den neuen Begebenheiten an der Front an.
Doch warum sind ausgerechnet Kurzstreckendrohnen im derzeitigen Krieg so relevant geworden? Bigun erklärt das mit Kosteneffizienz: „Tausend Stück des billigen, minderwertigen Schrotts, der für sich genommen nicht besonders effektiv ist, können problemlos etwas im Wert von 100 Millionen Dollar schlagen.“ Mit „Schrott“ meint er die Drohnen, die je nach Typ bereits für einige hundert Dollar erhältlich sind – und dennoch in der Lage sind, deutlich teurere Waffensysteme wie Panzer zu zerstören. „Stell dir vor, im Zweiten Weltkrieg kämpft eine Seite mit Flugzeugen und Panzern und die andere mit Bögen und Schwertern.“ Was zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte funktioniert habe, tue es später nicht mehr – Flexibilität sei entscheidend, sonst würden selbst millionenschwere Systeme nutzlos.
Junge Ingenieure hinter der Drohnenrevolution
Viele junge Ingenieure treiben diese Drohnenrevolution voran. Der MDR trifft auch Jurij Lomikowskyj, den 24-jährigen Co-Gründer des „Iron Clusters“, das als Plattform für Start-ups wie NORDA Dynamics dient und den Austausch mit der Stadtverwaltung von Lwiw sowie der internationalen Defense-Tech-Branche fördert.
„Derzeit haben wir 112 Unternehmen, und die Zahl wächst wöchentlich, in der gesamten Ukraine“, erklärt Lomikowskyj. Inzwischen beschränkt sich das Netzwerk nicht mehr auf Lwiw, sondern umfasst auch Firmen aus anderen Regionen. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Software und Hardware: „Der Schlüssel liegt also nicht nur darin, eine Drohne zu bauen, sondern eine intelligente Drohne zu haben.“
Plötzlich ertönt eine Sirene – Luftalarm. Russische Langstreckendrohnen, Varianten des iranischen Typs „Shahed“ befinden sich im Anflug. In Lwiw gehören solche Angriffe zum Alltag, auch wenn sie seltener sind als in weiter östlich gelegenen Regionen.
Luftabwehr: Abfangdrohnen statt teurer Raketen
Angesichts dieser permanenten Bedrohung bei gleichzeitiger unzuverlässiger Lieferung von Abwehrsystemen aus dem Westen war die Ukraine in den vergangenen Jahren gezwungen, eigene Lösungen für die Luftabwehr zu entwickeln. Zunehmend setzt sie dabei auf kleine, raketenförmige Abfangdrohnen, an denen immer mehr Länder Interesse zeigen. Der Rüstungsindustrie außerhalb der Ukraine wirft Lomikowskyj vor, über Jahre hinweg zwar hochentwickelte Technologien geschaffen, dabei jedoch Kosteneffizienz, Flexibilität und Geschwindigkeit vernachlässigt zu haben.