Bisher richtete sich die Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson vor allem auf die sogenannte graue Hirnsubstanz. Dort sitzen die Nervenzellen, die Informationen verarbeiten und Denken, Erinnern oder Bewegen ermöglichen. Eine neue Studie der University of Cambridge stellt dieses Bild nun teilweise infrage – und lenkt den Blick stärker auf die weißen Verbindungsbahnen des Gehirns.

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Die im Fachjournal Nature veröffentlichte Untersuchung zeigt: Schäden in der weißen Substanz können weitreichende Folgen für entfernte Hirnregionen haben – und dort Prozesse auslösen, die bislang vor allem als direkte Folge von Nervenzellschäden galten.

Die „Leitungen“ im Gehirn sind entscheidender als gedacht

Das menschliche Gehirn besteht etwa zur Hälfte aus grauer und weißer Substanz. Während die graue Substanz als eine Art Schaltzentrale gilt, funktioniert die weiße Substanz wie ein dichtes Kommunikationsnetz. Sie sorgt dafür, dass Informationen zwischen verschiedenen Hirnarealen schnell und zuverlässig übertragen werden.

Entscheidend für diese Funktion ist Myelin – eine schützende Hülle um die Nervenfasern, vergleichbar mit der Isolierung eines Stromkabels. Wird diese Schicht beschädigt, ist die Signalübertragung gestört. Solche Veränderungen sind typisch bei Multipler Sklerose, treten aber auch früh im Verlauf von Alzheimer und Parkinson auf.

Kleine Schäden mit großer Wirkung

Das Team um Ragnhildur Thóra Káradóttir vom Cambridge Stem Cell Institute untersuchte gezielt, was passiert, wenn Myelin in einem klar abgegrenzten Hirnnetzwerk geschädigt wird.

Die Forscher setzten kleine, lokale Läsionen in der weißen Substanz – rund 3,5 Millimeter entfernt von den betroffenen Nervenzellkörpern. Die Folgen waren deutlich: In einer verbundenen Region der grauen Substanz sank die Aktivität der Nervenzellen zeitweise um etwa 60 Prozent. Der stärkste Effekt trat nach rund einer Woche auf.

Ein Hirnscan.

Parallel dazu reagierte das Immunsystem des Gehirns. Mikroglia – spezialisierte Immunzellen – wurden aktiv und vermehrten sich in der betroffenen Region etwa auf das Dreifache. Auch die Verbindungen zwischen Nervenzellen, die Synapsen, gingen vorübergehend zurück.

Entzündung als Teil der Reparatur

Was zunächst wie ein klassischer Krankheitsprozess wirkt, entpuppte sich in der Studie als deutlich komplexer. Denn die Veränderungen waren nicht dauerhaft.

Sobald sich das Myelin wieder regenerierte, normalisierten sich auch die anderen Prozesse: Die Nervenaktivität kehrte zurück, Mikroglia beruhigten sich und die verlorenen Synapsen wurden wieder aufgebaut. Nach etwa vier Wochen war das System weitgehend wiederhergestellt.

Middle aged sad stressed woman sitting at home at table with computer

Eine lokale Läsion in der weißen Substanz sei nicht nur ein isoliertes Ereignis, erklärte Káradóttir. Vielmehr löse sie eine koordinierte Reaktion in verbundenen Hirnregionen aus – und diese sei nicht nur Schaden, sondern Teil eines Reparaturprogramms des Gehirns.

Wenn die Reparatur scheitert, bleibt die Entzündung

Besonders aufschlussreich waren die weiteren Experimente. Wurde die Aktivität der Mikroglia blockiert, verschlechterte sich die Myelin-Regeneration. Umgekehrt führte eine gestörte Myelin-Reparatur dazu, dass die Entzündungsreaktion nicht abklang, sondern chronisch wurde.

Damit zeichnet sich ein möglicher Mechanismus ab: Erst reagiert das Gehirn mit einer kurzfristigen Entzündung, die die Reparatur unterstützt. Scheitert dieser Prozess jedoch, kann daraus eine dauerhafte, niedriggradige Entzündung entstehen – ein Muster, das auch bei vielen neurodegenerativen Erkrankungen beobachtet wird.

Neue Perspektive für Alzheimer, Parkinson und MS

Die Ergebnisse sind besonders relevant für die Forschung zu Multipler Sklerose, wo Schäden an der weißen Substanz, Entzündungen und unvollständige Reparaturprozesse eng miteinander verknüpft sind.

background of aloe slices

Doch auch für Alzheimer und Parkinson ergibt sich eine neue Perspektive: Nicht nur die Nervenzellen selbst könnten im Zentrum des Krankheitsgeschehens stehen, sondern auch ihre Verbindungen.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Therapien, die die Myelin-Regeneration fördern, den Verlauf einer ganzen Reihe von Hirnerkrankungen verlangsamen könnten“, sagte Alasdair Coles, Professor für klinische Neuroimmunologie in Cambridge.

Älteres Gehirn repariert schlechter

Ein weiterer Befund der Studie betrifft das Alter: Bei älteren Versuchstieren verlief die Reaktion der Mikroglia deutlich weniger effektiv als bei jungen Gehirnen. Die Reparatur des Myelins war entsprechend eingeschränkt – ein möglicher Hinweis darauf, warum neurodegenerative Erkrankungen im Alter häufiger auftreten.

Die Studie liefert damit ein erweitertes Verständnis dafür, wie sich Schäden im Gehirn ausbreiten können. Statt eines rein lokalen Prozesses in der grauen Substanz entsteht ein Bild vernetzter Reaktionen, bei denen auch die weißen Verbindungsbahnen eine zentrale Rolle spielen.

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Wenn sich diese Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen, könnte das langfristig auch den therapeutischen Fokus verschieben: weg von einzelnen Nervenzellen – hin zu den Leitungsbahnen, die das Gehirn zusammenhalten.