Wiesbadener gehen auch gerne einmal über das im Juni anstehende „Theatrium“ und mischen sich unter die zahlreichen auswärtigen Gäste des Straßenfestes, das als eines der größten seiner Art in ganz Deutschland gilt. Aber das Herz der meisten Bürger gehört nicht dem Großereignis auf der „Rue“, sondern dem Kranzplatzfest, dessen diesjährige Ausgabe am Sonntag nach fünf Tagen zu Ende gegangen ist. Anders als das große Wilhelmstraßenfest Theatrium, das 1977 zur Wiedereröffnung des renovierten Staatstheaters initiiert wurde, kennt das Kranzplatzfest keine Trennung zwischen Schankbier und Champagner.

Dort teilen sich Bewohner der Villen im Nerotal die Holzbänke mit jenen des geförderten Wohnens aus dem Bergkirchenviertel und genießen gemeinsam Musik und Speisen. Eine entspannte Vertrautheit ist dem Fest eigen. Da heben schon einmal Musiker zwischen zwei Titeln kleine Kinder auf die Bühne, um mit ihnen gemeinsam die Eltern zu suchen, die ihnen im Getümmel abhandengekommen sind.

„Magic Moments“ im Regen

Seit 1982 feiern die Wiesbadener das Fest in der heutigen Form, Vorläufer gab es schon Ende der Siebzigerjahre. Im Schnitt zählt der Veranstalter, die Werbegemeinschaft Kranzplatzfest, rund 30.000 Besucher auf dem Platz vor dem früheren Grandhotel Rose, in dem heute die Staatskanzlei ihren Sitz hat. Allein 20 Bands hat der Verein in diesem Jahr engagiert.

Doch das Kranzplatzfest ist in Gefahr. Mit einer großen Rendite hat der Verein zwar von Beginn an nicht gerechnet. Aber inzwischen stiegen die Kosten immer stärker, und es fielen aufgrund der wirtschaftlichen Lage immer öfter Sponsoren — zum Beispiel Autohäuser — weg, berichtet Ivo Cosic. Er gehört seit mehr als 25 Jahren zum Kern der Organisatoren des Kranzplatzfestes – ehrenamtlich.

Sein Gewinn seien ein gelungenes Fest in seiner Stadt und die besondere Verbundenheit der Besucher zu diesem Fest, wie er sagt. „Wenn Regen einsetzt und du denkst, dass jetzt alle gehen, aber dann doch alle bleiben und weiter lachend die Musik genießen, dann ist das so einer der typischen ,magic moments‘ dieses Festes“, sagt Cosic. Häufig kämen frühere Wiesbadener extra einige Tage zurück in die alte Heimat, um hier mit Freunden dieses Fest feiern zu können.

120.000 Euro Kosten, 1000 Euro von der Stadt

Ungeachtet solcher besonderen Augenblicke und Anekdoten muss Cosic nüchtern die Kosten im Blick behalten. Auf 110.000 bis 120.000 Euro schätzt er sie in diesem Jahr. Dieser Summe steht ein Zuschuss von 1000 Euro von der Stadt gegenüber. Cosic sieht das Kranzplatzfest damit erheblich im Nachteil gegenüber Festen wie dem Theatrium und dem Höfefest in Wiesbaden-Biebrich, die weitaus großzügiger unterstützt würden. Es sei richtig, dass die Stadt diese Feste fördere, sagt Cosic. Aber er wünscht sich, dass man auch die privaten Initiativen angemessen unterstütze. Zudem sei nicht plausibel, weshalb beim Theatrium freitags und samstags bis 24 Uhr Musik gestattet sei, auf dem Kranzplatzfest lediglich bis 22 Uhr.

Der Verein tue, was möglich sei, um die finanzielle Lage zu stabilisieren, sagt Cosic. Die Standgebühren habe man in diesem Jahr schon um 15 Prozent angehoben. Aber den Standbetreibern könne man nicht immer höhere Entgelte zumuten. Wenn dann noch das Wetter so kalt und verregnet sei wie in diesem Jahr, dann stehe auch deren Kalkulation unter Druck. Unter solchen Bedingungen sei nicht sicher, ob es das Kranzplatzfest weiterhin in dieser Form geben könne.