Entscheidend ist nicht mehr allein der Verdienst, sondern wie viel nach Abzug der Miete noch übrig ist. Ein Beispiel aus Ludwigsburg – und was gegen das zunehmende Problem getan wird.

Ein kleines Zimmer, das war alles, was Farnaz Nourafkan, ihr Mann und ihr kleiner Sohn hatten, nachdem sie 2018 aus dem Iran nach Deutschland kamen. Drei Jahre lebten sie in diesem kleinen Zimmer einer Notunterkunft. Dann half die Ludwigsburger Wohnrauminitiative „Türöffner“der Familie. Mit ihrer Unterstützung fand die Familie eine kleine Wohnung – und dies war tatsächlich der Türöffner zu einem neuen Leben.

„Wir konnten uns erstmals wirklich auf das Wichtige konzentrieren, etwa Deutsch zu lernen“, sagt die 41-jährige Nourafkan. Dadurch fand die Frau, die im Iran im Bereich IT, Software und Management tätig gewesen ist, einen Job in Ludwigsburg und macht nun Retourenbuchungen. Ihr inzwischen fünfjähriger Sohn besucht einen Kindergarten.

Armut beginnt immer häufiger beim Wohnen. Und das gilt längst nicht mehr nur für Geflüchtete oder die Ärmsten der Armen. Es ist längst kein Randgruppenproblem mehr: Die Wohnarmut rückt zusehends in die Mitte der Gesellschaft – das Zuhause wird immer häufiger zur Armutsfalle. Denn entscheidend ist häufig nicht mehr, wie viel jemand verdient, sondern wie viel nach der Miete noch zum Leben übrig bleibt. Das sagt Oberkirchenrätin Sabine Jung, Vorstandsvorsitzende der Diakonie Baden.

Viele müssen mehr als ein Drittel des Einkommens fürs Wohnen aufbringen

Nach der klassischen Armutsmessung gelten Menschen mit gleichem Einkommen als gleichgestellt. Doch das greift Jungs Meinung nach zu kurz: „Viele Menschen müssen inzwischen mehr als ein Drittel ihres Einkommens für das Wohnen aufbringen.“ Damit, so sagt sie, lebe eine wachsende Gruppe in verdeckter Armut – in Wohnarmut. Die alte Faustregel gelte nicht mehr: Maximal ein Drittel des Einkommens für die Miete auszugeben, das sei oft reine Theorie. Zumal die Mieten schneller stiegen als das Einkommen. „Und gerade Menschen mit niedrigem Einkommen geben 40 Prozent oder noch mehr ihres Budgets fürs Wohnen aus.“ Die Statistiken zeigen es deutlich: Je niedriger das Einkommen ist, desto höher ist der relative Anteil für Wohnkosten. Besonders betroffen seien Haushalte mit Kindern, aber auch Alleinlebende, immer mehr junge Erwachsene – häufig in Ausbildung oder Studium – und ältere Menschen ab 65.

In Baden‑Württemberg fehlen mindestens 200 000 Sozialwohnungen. Rund 10 000 Menschen sind wohnungslos. Fast ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Die Zahl steigt kontinuierlich – das zeigt die jährliche Stichtagserhebung der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg. Besonders betroffen: Menschen in Stuttgart, Freiburg, Mannheim, Konstanz oder Ulm. Aber längst sind auch Menschen in vielen Landkreisen unter Druck – etwa im Rhein-Neckar-Kreis, im Bodenseekreis oder im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald.

Dort macht sich Jung zufolge ein strukturelles Alarmsignal bemerkbar: „Die Zahl der Menschen in prekärer Notversorgung übersteigt das Angebot stabiler sozialer Wohnformen.“ Prekäre Notversorgung bedeutet: eine ungewisse Unterkunft in Containern, im Erfrierungsschutz oder andere notdürftige Schlafplätze – teilweise ohne jede Perspektive.

Hinzu komme eine ungesehene Seite der Wohnungsnot: verdeckte Wohnungslosigkeit. „Diese Menschen – auch ganze Familien – schlafen vorübergehend bei Bekannten, leben in überbelegten Wohnungen, ohne eigenen Wohnraum, und bleiben aus Angst vor Stigmatisierung bewusst unsichtbar.“ Die Betroffenen tauchten dadurch nicht in Statistiken auf und erhielten kaum Unterstützung.

„All unsere Hilfen arbeiten inzwischen am Limit – und sie sind projektfinanziert“, sagt Jung. Allein in Städten wie Mannheim oder Freiburg wurden vergangenes Jahr über 9000 Menschen in niedrigschwelligen Angeboten erreicht – ein Zuwachs von rund fünf Prozent. Gleichzeitig werden präventive Strukturen geschwächt: In einigen Kommunen wurden Fachstellen zur Wohnungssicherung gestrichen – etwa die Fachstelle im Landkreis Karlsruhe. „Die Folge: Notunterkünfte und ordnungsrechtliche Unterbringungen werden zu Dauerlösungen. Das Hilfesystem stagniert, statt Perspektiven zu eröffnen.“

Was erwarten die kirchlichen Wohlfahrtsverbände also von der Politik? „Wenn Wohnen ein Grundrecht ist, darf Wohnraum kein reines Spekulationsobjekt sein“, sagt Jung. Die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum könne nicht allein dem freien Markt überlassen werden. „Wir brauchen eine Wohnungspolitik, die Armut verhindert und Menschen schützt – nicht erst, wenn sie schon wohnungslos sind. Deshalb braucht es starke Prävention statt verspäteter Krisenintervention, verlässlich finanzierte soziale Hilfen und dauerhaft bezahlbaren Wohnraum.“

Der Verlust der Wohnung setzt eine Abwärtsspirale in Gang

Diözesan-Caritasdirektorin Dr. Annette Holuscha-Uhlenbrock, Vorständin des Caritasverbandes Rottenburg-Stuttgart e.V., führt die Lösungswege genauer aus: Zum einen müsse verhindert werden, dass Menschen ihre Wohnung verlieren. Denn der Verlust der Wohnung setze eine Abwärtsspirale in Gang. „Wir als Caritas und Diakonie arbeiten Hand in Hand mit Kommunen, damit betroffene Menschen in ihrer Wohnung bleiben können, etwa wenn sich Mietschulden angehäuft haben.“ Es sei wichtig, dass solche Angebote in den aktuellen Zeiten nicht aufgrund von Sparzwängen weggekürzt werden. Doch es gebe Gegenbeispiele. In Karlsruhe und Schorndorf etwa wurden die „Fachstellen für Wohnungssicherung“ der Landkreise geschlossen.

Ein zweiter Lösungsweg sei mehr sozialer Wohnungsbau. Bei Sozialwohnungen sei zwar ein Wachstum zu verzeichnen. „Das Land hat zuletzt den Neubau von 3367 Sozialwohnungen bewilligt. Ein Fortschritt – aber das ist immer noch zu wenig“, sagt Holuscha-Uhlenbrock. Der Bestand stagniere bei rund 55 000 Wohnungen. Gebraucht würden aber rund 200 000. Auch würde insgesamt zu wenig gebaut. „Seit 2021 hat sich der Wohnungsbau mehr als halbiert.“

Leerstand ist ein Teil des Problems. Foto: dpa

Der Lösungsweg drei sei, Leerstand zu nutzen. „Dieser Leerstand ist sozial und ökologisch nicht mehr vertretbar. Daher setzen wir auf die Mobilisierung des ‚unsichtbaren Wohnraums‘ – auf Wohnungen, die leerstehen.“ Die Forderungen: Leerstand systematisch landesweit erfassen, Anreize für die Vermietung von Leerstand schaffen, etwa durch die Wiedervermietungsprämie, Zweckentfremdung konsequent begrenzen, etwa durch eine Genehmigungspflicht für die Umnutzung von Wohnraum.

Ein positives Beispiel, wie etwa das Diakonische Werk mit einer Kommune erfolgreich zusammenarbeitet, ist das Projekt „Unterbringung vor Obdachlosigkeit“ (UvO). Ursprünglich als Modellprojekt durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert, wird es inzwischen von der Stadt Baden-Baden finanziert. UvO verfolgt das Ziel, Obdachlosigkeit schnellstmöglich zu beenden. Neben der zeitlich befristeten Unterbringung in städtischem Übergangswohnraum erhalten die Betroffenen eine intensive sozialpädagogische Begleitung. „Vor allem versuchen wir, die Leute zeitnah wieder in die eigenen vier Wände zu bringen“, sagt Sven Reutner, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Baden-Baden und Rastatt und betraut mit dem Projekt „Unterbringung vor Obdachlosigkeit“. Seit 2023 hatte UvO über 600 Beratungskontakte und erfolgreiche Wohnraumvermittlungen zu verzeichnen. Auch das ist ein Türöffner.