Brittens Neuinterpretation vom „Sommernachtstraum“

William Shakespeares märchenhafte Komödie „Ein Sommernachtstraum“ ist unsterblich geworden durch die legendäre Bühnenmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy. Ein Inbegriff romantischer Musik.

Bis der englische Komponist Benjamin Britten sich 1960 entschloss, dem Stück Shakespeares ein ganz anderes musikalisches Gewand anzuziehen. Mit seinem Lebenspartner, dem Sänger Peter Pears, bearbeitete er selbst den Text Shakespeares und formte daraus ein intimes Kammerspiel mit einer filigranen Orchesterbesetzung.

Die Rolle des Feenkönigs Oberon besetzte er höchst stimmambivalent mit einem Countertenor, damals absolut ungewöhnlich.

A Midsummer Night’s Dream am Badisches Staatstheater Karlsruhe

Das Bühnen- und Kostümbild von Karine Van Hercke und die Videoprojektionen von Aurélie Remy zeigen eine fantastische Gegenwelt.
Edward Lee, Cantus Juvenum, Statisterie des Badischen Staatstheaters

Oper als fantastische Gegenwelt zur Realität

Die Oper kann eine fantastische Gegenwelt zur Realität sein. Denn in der Wirklichkeit laufen wir nun einmal nicht singend durch die Welt. Die Welt der Oper könnte also eine Traumwelt sein.

Auf der Bühne des Karlsruher Staatstheaters versteht Francois de Carpentries den „A Midsummer Night’s Dream“ in der Opernversion des Shakespeare-Stücks von Benjamin Britten wohl genau in diesem Sinne.

Mehr noch: Es ist eine Fantasywelt, die sich im Bühnen- und Kostümbild von Karine Van Hercke und den Videoprojektionen von Aurélie Remy in diesem fast durchgängigen Waldstück offenbart. Orientiert sind sie an mittelalterlicher Buchmalerei, an Renaissance-Dekorationen der Shakespearezeit, durch die sich allerlei Getier und Fabelwesen in der Projektion bewegt.

Da beginnen dann sogar die Baumkulissen mit Eulenaugen aus den Wipfeln zu blinzeln. Es ist eine Zauberwelt, in die die Menschen, die beiden Paare und die rüpelhaften Handwerker mit ihrem Dilettantentheater geraten.

A Midsummer Night’s Dream am Badisches Staatstheater Karlsruhe

„A Midsummer Night’s Dream“ am Badischen Staatstheater: Lidor Mesika als Oberon und Edward Lee als Puck.

Von Oberons jungenhaftem Diener Puck werden sie durch allerlei Verwandlungen und Irrtümer geführt– Sänger Edward Lee überzeugt mit einer prägnant-farbenreichen und exakten Ausführung dieser rhythmisch ausnotierten Sprechpartie.

Das ist alles hübsch anzusehen, nahezu eine Traumidylle.

Ungewöhnlich: Ein Countertenor singt Feenkönig Oberon

Doch Brittens Partitur zieht einige Brüchigkeit ein. Oberon ist mit einem Countertenor besetzt – der fabelhafte Lidor Mesika, wieder ein Repräsentant des derzeitigen Counterwunders in Karlsruhe – die weibliche Stimme im männlichen Körper.

Das ist höchst ambivalent und so ganz ist diesem Elfenkönig nicht zu trauen, will er doch eigentlich einen Knaben aus der Schar seiner Gattin Titania für sich haben. Daraus entspinnt sich der Streit des Paares. Titania ahnt wohl, dass es mit Oberon nicht ganz rein und unschuldig vor sich geht.

In fast allen Opern Brittens geht es um den Verlust der Unschuld. Wenn nun Regisseur de Carpentries aus dem Knaben ein plüschiges, rosiges Einhorn macht – das Symbol asexueller Unschuld  – dann ist das doch etwas zu viel an träumerischer Harmlosigkeit.

A Midsummer Night’s Dream am Badisches Staatstheater Karlsruhe

A Midsummer Night’s Dream am Badisches Staatstheater Karlsruhe: Oğulcan Yılmaz (Bottom), Martha Eason (Tytania), Cantus Juvenum

Immerhin wird Oberon von einer gläsernen Instrumentation mit dissonanten Sekundreibungen begleitet – die tun nicht weh, sind aber trotzdem da.

Ähnlich putzig anzuschauen ist die Verwandlung des Handwerkers Bottom in einen Menschen mit Eselskopf, also eigentlich in ein hybrides Monstrum, in das sich Titania durch Oberons täuschende Augentropfen verliebt.

Hier ist er aber ein tapsiger Kerl mit geradezu entzückendem Graukopf. Nicht aufgrund solcher Niedlichkeit gibt ihm Britten eine emotional anrührende Tonlage, sondern weil der Außenseiter und von seinen Handwerkerfreunden aus Angst Ausgestoßene auch liebenswert und liebesbedürftig ist.

Ogulcan Yilmaz – vielleicht die schönste Stimme im tollen Ensembles

Gerade das erfüllt der spielfreudige Ogulcan Yilmaz mit der vielleicht schönsten Stimme dieses auch ansonsten homogen, tollen Ensembles – hervorragend auch der glashelle Sopran von Matha Eason als Titania und der exzellente Elfen-Kinderchor des Cantus Juvenum.

Die Paarirrungen der sich im Wald verirrenden Athener Bürgerskinder sind munter ausagiert, aber eben nicht ganz so bissig und aggressiv, wie sich die sexuelle Verwirrung eigentlich hören lässt. Da packt Brittens Musik auch zu. Der Disput wird auf der Szene etwas brav verrannt.

A Midsummer Night’s Dream am Badisches Staatstheater Karlsruhe

Daniel Pastewski, David Severin, Lars Tappert, Liangliang Zhao, Oğulcan Yılmaz, Kammersänger. Klaus Schneider

Erwachen die Paare am Ende aus diesem Alptraum – die scheinbar Richtigen finden zueinander – dann wechselt die Szene nicht mehr aus dieser nächtlichen Gegenwelt. Das Bewusstsein des Erwachens bleibt ausgespart. Die Projektionen einer im Hintergrund ablaufenden fantastischen Mechanik laufen bis zum Ende durch.

Der Bruch in der Aufführung des Dilettantentheaters der Handwerker am Ende – bei Britten eine herrliche Parodie auf die vermeintliche Floskelhaftigkeit des italienischen Opernmelodrams mit Donizetti-Zitat – wird in Karlsruhe unfreiwillig erzeugt, als eine Panne bei der Première die illusionäre Videoprojektion ins Stottern bringt. Wäre das nicht passiert, wir blieben in dieser Traumwelt stecken, die hier allzu schön ist, um wahr zu sein.

Musikalische Meisterleistung der Badischen Staatskapelle

Die ungemein präzise spielende Badische Staatskapelle meistert unter der Leitung von Georg Fritzsch perfekt all die kammermusikalisch und oft solistisch geführten Klangebenen und beleuchtet die hier aufeinandertreffenden, differenten Welten von abgründigem Begehren und Naturzauber.

Da klingt der Wald schon am Anfang nach jenem Gähnen und Stöhnen im Glissandorutschen der Streicher und stellt klanglich jene Ambivalenz des Animalischen von Lust und Traum her, die der Szene dann doch oft fehlt.

Wer von der Oper eine fantastische Gegenwelt träumerischer Schönheit erwartet, bis hin zum Anhauch des Kitschigen, der kommt bei dieser Produktion voll auf seine Kosten.

Wer aber den taghellen „Schrecken des Schönen“ und das nächtige „Schöne des Schreckens“ erfahren will, der muss sich aufs Hören verlassen. Dieser Karlsruher „A Midsummer Night’s dream“ ist zwiespältiger, als es der reine Augenschein erahnen lässt.

Was | Wann | Wo

A Midsummer Night’s Dream
Oper in drei Akten von Benjamin Britten

Wann:
Premiere am 17. Mai 2026
Weitere Aufführungen bis zum 21. Juli 2026

Wo:
Badisches Staatstheater Karlsruhe
Hermann-Levi-Platz 1
76137 Karlsruhe