Edward Lee als quirliger Puck und die Kinder des Cantus Juvenum prägen Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ mit Spielfreude, Beweglichkeit und zauberhaft klarem Elfenchor-Gesang.
Foto: Felix Grünschloß
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- Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ feierte im Karlsruher Staatstheater Premiere.
- Die Inszenierung setzt auf märchenhaften Zauber statt auf moderne Aktualisierung.
- Georg Fritzsch dirigiert eine klangfarbige, schwebende und präzise musizierte Partitur.
- Besonders prägend sind Edward Lee als Puck und der Kinderchor Cantus Juvenum.
Diese Zusammenfassung wurde von einer KI erstellt und redaktionell geprüft.
Die Bäume haben Augen. Große, geschwungene Augen mit Wimpern wie Blütenstempel. Ein Fuchs läuft kopfüber durch den Wald, ein Igel gleich hinterher. Und irgendwo zwischen flirrenden Klangwelten und Kinderstimmen verliert man im Karlsruher Staatstheater sehr bereitwillig den Kontakt zur Wirklichkeit.
Benjamin Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ feiert dort Premiere im viel zu kalten Mai. Das aber ist auch der einzige Wermutstropfen – und gegen zwei Harfen, Celesta und glitzernde Kobold-Sneaker haben selbst die Eisheiligen schlechte Karten.
Die 1960 uraufgeführte Oper nach dem gleichnamigen Drama von William Shakespeare wird hier nicht modernisiert, zerredet oder mit Gewalt aktualisiert. Die neue Inszenierung von François de Carpentries vertraut auf etwas, das im Opernbetrieb beinahe exotisch geworden ist: Zauber.
Feenkönigin verliebt sich in einen Esel
Dabei beginnt der Abend mit einem kurzen politischen Nadelstich. Auf einem Monitor flimmern Bilder von Trump und Putin, während Puck über Tyrannen spricht.
Doch dieser Moment bleibt Randnotiz. Viel stärker prägt den Abend eine andere Idee: die Flucht in eine märchenhafte Parallelwelt, die irgendwo zwischen alten Kinderbuchillustrationen, den melancholischen Mumins und einem Hauch Monty Python schwebt. Bis man sich irgendwann nicht mehr wundert, dass eine Feenkönigin ernsthaft einen Esel anhimmelt.
Wald und Tiere machen die Szenerie traumhaft
Karine Van Herckes Bühne und Kostüme entfalten dafür einen geradezu liebevoll altmodischen Bilderreichtum. Der Wald wirkt wie aus einem riesigen Bilderbuch geklappt. Projektionen lassen Baumkronen blinzeln, Tiere huschen durch die Szenerie, vier Darsteller in Tierkostümen – Stier, Fuchs, Löwe und Bär – begleiten das Geschehen mit fein beobachteten, charaktervollen Bewegungen.
Nichts daran wirkt ironisch gebrochen. Genau das macht diese Ästhetik so stark. Sie erlaubt dem Stück, tatsächlich traumhaft zu sein.
Oberon (Lidor Mesika) und sein ziemlich vergnügter Problemverursacher Puck (Edward Lee) halten den märchenhaften Wald und seine verliebten Bewohner gehörig in Bewegung.
Foto: Felix Grünschloß
Und Britten liefert dazu die ideale Musik. Georg Fritzsch führt die Badische Staatskapelle mit großer Klarheit und Sinn für Klangfarben durch diese Partitur, die weniger von großen melodischen Bögen lebt als von schillernden Atmosphären.
Zwei Harfen, Celesta und reiches Schlagwerk erzeugen einen schwebenden, flirrenden Klangraum, der ständig zwischen Schönheit und leiser Irritation pendelt und der Solo-Trompete wunderschöne Passagen gönnt.
Brittens Musik illustriert den Wald nicht einfach – sie scheint ihn atmen zu lassen. Gerade die Mischung aus gläserner Transparenz, surrealem Schimmer und abrupten Verdichtungen macht diese Oper so faszinierend. Fritzsch kostet das genüsslich aus, ohne je ins Nebulöse abzudriften.
Plötzlich lieben die Falschen die Falschen
Dabei treibt Britten Shakespeares Verwirrspiel um Liebe und Begehren mit feinem Humor voran: Zwei junge Paare irren durch den Wald, Elfenkönig Oberon zankt mit Feenkönigin Tytania, will mit einem Liebeszauber Machtkämpfe entscheiden – und Puck verabreicht den Zaubersaft prompt dem Falschen.
Plötzlich lieben die Falschen die Falschen, Freundschaften kippen, Eifersucht lodert, während die Handwerkertruppe nebenher unbeirrbar ihre tragische Laienspielversion von „Pyramus und Thisbe“ probt.
Im Traumwald geraten die Gefühle gründlich durcheinander: Die verzauberte Tytania verliebt sich ausgerechnet in den zum Esel verwandelten Handwerker Bottom. Der Elfenchor des Cantus Juvenum beobachtet das Liebeschaos mit wachem Staunen.
Foto: Felix Grünschloß
Sehr geschlossen präsentiert sich auch das Ensemble. Im Mittelpunkt steht Lidor Mesika als Oberon – und damit jener Countertenor, der sich diese Partie mit dem Nachwuchspreis beim ersten Karlsruher Farinelli-Wettbewerb 2025 ersungen hat. Sein Oberon besitzt Autorität, klangliche Eleganz und genau jene leicht entrückte Aura, die Brittens Elfenkönig braucht.
Martha Eason gibt eine starke, vokal leuchtende Tytania. Marie-Sophie Janke, Brett Sprague, Tomohiro Takada und Ina Schlingensiepen gestalten das Liebeschaos vorzüglich, wobei Schlingensiepen ihre herrlich trotzig-zickige Bühnenenergie einmal mehr genüsslich auskostet. Don Lee und Melanie Lang verleihen dem Herrscherpaar angenehme Präsenz.
Mit maximalem Ernst und köstlich überschaubarem Talent stürzt sich die Handwerkertruppe mit Daniel Pastewski, David Severin, Lars Tappert, Liangliang Zhao, Oğulcan Yılmaz und Klaus Schneider in ihre Liebestragödie – und sorgt gerade dadurch für etliche der schönsten, liebevollsten Lacher des Abends.
Foto: Felix Grünschloß
Für etliche Lacher sorgt die Handwerkertruppe um Ogulcan Yılmaz. die Handwerkertruppe rund um Oğulcan Yılmaz. Wie sie ihre todernste Liebestragödie einstudieren, ist so herrlich ernsthaft albern, dass man ihnen beim Scheitern geradezu die Daumen drückt. Besonders Klaus Schneider als Blasebalgflicker liefert köstliche Momente.
Herrlich auch der Einfall, dass die Aufführung ihres Stücks exakt so wirkt, wie sie selbst es ankündigen: „langatmig kurz“. Entsprechend genervt verfolgt Hippolyta das Geschehen. Für die Inszenierung selbst gilt das Gegenteil: Diese knapp drei Stunden vergehen erstaunlich kurzweilig lang.
Die eigentlichen Stars des Abends aber sind zwei andere. Zum einen Edward Lee als Puck: Mit wunderbarem britischen Englisch, artistischer Beweglichkeit und einer permanent vibrierenden Bühnenpräsenz saust, tanzt und rutscht er durch die Szene wie ein Wesen zwischen Kobold, Conférencier und Kindheitsfantasie.
Dazu trägt er passend zum Kostüm glitzernde Sneaker in Rot, die man nur zu gerne selbst hätte.
Lidor Mesika als geheimnisvoller Oberon und Edward Lee als hyperbeweglicher Puck treiben das Liebeschaos im verzauberten Wald mit sichtbarer Spielfreude und glitzernden Kobold-Sneakern voran.
Foto: Felix Grünschloß
Zum anderen die 21 Kinder von Cantus Juvenum. Was diese Singschule seit Jahren für Opernproduktionen in Karlsruhe und Baden-Baden leistet, weiß man längst.
Doch selten erhalten die jungen Stimmen eine derart zentrale und würdige Aufgabe wie hier. Brittens Elfenchor trägt die Oper über weite Strecken – und die Kinder erfüllen diese Musik mit berührender Präzision, Klarheit und Präsenz. Wenn sie gegen Ende kleine Wölkchenkissen auf die Bühne tragen, mündet der Abend endgültig ins Zärtliche.
Spielfreude prägt die ganze Inszenierung sichtbar
Überhaupt ist bemerkenswert, wie viel Spielfreude in dieser Produktion steckt. Die Personenführung wirkt lebendig bis in die kleinsten Momente. Selbst die Souffleuse darf gelegentlich ihre Hände aus dem Kasten strecken, als wolle sie den Traum vorsichtshalber persönlich zusammenhalten. Alle haben sichtbar Freude an diesem sonderbaren, poetischen Werk.
Das Publikum feiert Ensemble und Regieteam am Ende mit langem Jubel. Zurecht. Dieser „Midsummer Night’s Dream“ ist kein Opernabend, der mit Gewalt Bedeutung behauptet. Er macht etwas viel Schwierigeres: Er bezaubert.