Sorgenvoll blicken vor allem jene Kinder und Jugendliche in die Zukunft, die nicht aus privilegierten Familien kommen.

Sorgenvoll blicken vor allem jene Kinder und Jugendliche in die Zukunft, die nicht aus privilegierten Familien kommen.

Foto: dpa/Malte Christians

Um das Wohlbefinden von Kindern ist es in Deutschland nicht gut bestellt. In einer internationalen Vergleichsstudie unter Industriestaaten landet Deutschland lediglich auf Platz 25 von 37 untersuchten Ländern. Zu diesem ernüchternden Ergebnis tragen Probleme bei, die seit Jahren bekannt sind.

Die Studie zeigt, dass hohe Einkommens- und Vermögensungleichheit in Deutschland mit ausgeprägter Kinderarmut einhergehen. Viele Kinder wachsen unter Bedingungen auf, die ihre körperliche und psychische Gesundheit, ihre schulischen Leistungen und damit auch ihre Zukunftschancen erheblich beeinträchtigen. Der Befund sei alarmierend, sagte Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland.

Wachsende Einkommenskluft

Die Kinderarmutsquote verharrt in Deutschland bei 15 Prozent. Zugleich ist die Einkommensungleichheit in den vergangenen 14 Jahren weiter gestiegen. Menschen im wohlhabendsten Fünftel der Bevölkerung verfügen zurzeit über ein fünfmal höheres Einkommen als Menschen im ärmsten Fünftel. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld, die Auswirkungen auf Kinder sind jedoch erheblich.

Mit Blick auf politische Reformen der schwarz-roten Koalition äußerte sich Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kritisch. Geplante Kürzungen von Sozialleistungen träfen benachteiligte Kinder besonders stark. Bensinger-Stolze forderte, Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien stärker zu unterstützen. Dies sei eine Investition in die Zukunft und ein Beitrag zur Entschärfung der Bildungskrise.

Einfluss des Elternhauses auf die Bildung

Auch im Bildungsbereich zeigt die Studie deutliche Unterschiede: Nur 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik. Deutschland liegt damit auf Platz 34 von 41 Ländern mit vergleichbaren Daten.

Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, sieht darin vor allem den Einfluss des Elternhauses. Während Lehrkräftemangel und oft schlechte Ausstattung an Schulen in wohlhabenden Familien durch private Mittel ausgeglichen werden könnten, hätten andere Kinder diese Möglichkeit nicht, sagte er zu »nd«.

Die Studie zeigt zudem besonders große Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und privilegierten Familien: Während 46 Prozent der benachteiligten Jugendlichen die grundlegenden Kompetenzen erreichen, sind es in privilegierten Familien 90 Prozent. Die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von den finanziellen Ressourcen der Eltern sei weiterhin nicht aufgelöst, kritisierte Neckov. Es fehle an politischem Handlungswillen, um daran grundlegend etwas zu ändern.

Vergleiche mit Ländern wie Irland und Slowenien zeigten jedoch, dass bessere Ergebnisse auch unter weniger günstigen wirtschaftlichen Bedingungen möglich seien.

Wie Armut und Gesundheit zusammenhängen

Soziale Ungleichheit wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. Während 79 Prozent der Kinder aus dem wohlhabendsten Fünftel in sehr guter körperlicher Verfassung sind, gilt dies nur für 58 Prozent der ärmsten Kinder.

Auch beim psychischen Wohlbefinden zeigen sich Unterschiede. In Deutschland berichten 61 Prozent der 15-Jährigen aus einkommensschwachen Familien von hoher Lebenszufriedenheit, in wohlhabenden Familien sind es 73 Prozent. Die Studie weist darauf hin, dass Armut die mentale Gesundheit beeinträchtigen kann.

Welche Schlüsse ziehen?

Der Sozialverband Deutschland bezeichnete die Zahlen als katastrophal. »Nur Bildung kann den Teufelskreis der Armut durchbrechen«, erklärte der Verband. Zwar seien Investitionen in digitale Ausstattung ein richtiger Schritt, notwendig seien jedoch zusätzlich mehr Lehrkräfte, kostenfreie Nachhilfeangebote sowie eine bessere schulärztliche, psychologische und sozialpädagogische Versorgung.

Auch Unicef Deutschland fordert stärkere Maßnahmen gegen Kinderarmut und gezielte Investitionen in benachteiligte Kinder. Öffentliche Mittel sollten dort priorisiert werden, wo die Not am größten sei. Alle Kinder müssten Zugang zu gut ausgestatteten Schulen, medizinischer Versorgung und Freizeitangeboten haben.

»Die Bekämpfung der Kinderarmut muss politische Top-Priorität werden«, sagte Christian Schneider. Wer nicht in Teilhabe, Bildung und Gesundheit der jüngsten Generation investiere, gefährde langfristig die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung.