Am Ende konnte nicht mal das zweite Gegentor die Stimmung trüben. Die 10.000 Fans in der ausverkauften Züricher Arena hatten sich längst von ihren Sitzen erhoben, hüpften, klatschten, sangen. Ob die Schweizer „Nati“ gegen Lettland nun 4:1 oder 4:2 gewinnt, interessierte niemanden mehr. Hauptsache, gewonnen. Schon am Freitag zum Start der Eishockeyweltmeisterschaft hatte es ein 3:1 über die Amerikaner gegeben.
Was vor allem für Trainer Jan Cadieux eine Erleichterung war, denn das Auftaktwochenende bei der Heim-WM sei nicht nur körperlich anspruchsvoll gewesen, sondern auch mental „mit den Erwartungen, die es gibt“.
Keine Lust auf eine weitere Finalniederlage
Die Erwartungen könnten in der Tat kaum höher sein. Gelungene Vorrunden reichen niemandem mehr. Nicht dem Publikum, nicht der Mannschaft. Der Arbeitssieg über die Letten war zwar der 30. aus den vergangenen 35 Gruppenspielen seit 2021, aber es geht eben um mehr.
Nach vier Finalniederlagen, allein zwei in den vergangenen beiden Jahren, soll es daheim endlich Gold sein. Das werden am Montag auch die Deutschen zu spüren bekommen, um 20.20 Uhr (Pro Sieben und Magenta Sport) der nächste Gegner der Schweizer.
DEB-Team nicht mehr auf Augenhöhe
Eigentlich war das Duell der Erzrivalen meist eins auf Augenhöhe. Gerade in K.-o.-Spielen hatten die Deutschen gern mal das bessere Ende für sich. Auch dank einiger Psychospielchen, wie der langjährige Kapitän Moritz Müller kürzlich noch mal erzählte. Musikboxen, die in Richtung der Schweizer Kabine aufgedreht wurden, besonders martialisch vorgelesene Aufstellungen, die die Gegner hörten und sie das Fürchten lehrten.
Manches Spiel hätten sie „schon in der Kabine gewonnen“, sagte Müller. Aber mittlerweile reicht so etwas nicht mehr, die Schweizer sind der haushohe Favorit. Weil sie es immer wieder schaffen, ihre besten Spieler für Weltmeisterschaften zu begeistern.
„Brutal eingespielt“
NHL-Stars wie Roman Josi, Nico Hischier und Timo Meier, Topspieler aus der heimischen Liga wie Sven Andrighetto, Denis Malgin oder Leonardo Genoni. Auch dieses Jahr ist das so, während die Deutschen auf Leon Draisaitl, Tim Stützle oder J. J. Peterka verzichten müssen. „Da sind wirklich alle mit dabei, deshalb sind sie brutal eingespielt, das ist ihre Stärke“, sagte Stürmer Dominik Kahun kürzlich dem Sportinformationsdienst. Kahun spielt selbst in der Schweiz, beim HC Lausanne, und weiß nur zu gut, was sein Team erwartet.
Seit knapp zehn Jahren haben sich die Schweizer in der Weltspitze etabliert. Was viele mit dem extrovertierten Patrick Fischer verbinden, der dem Team eingeimpft hat, jeden Gegner dominieren zu können. Doch ausgerechnet vor der erhofften Krönung bei der Heim-WM wurde der Nationaltrainer entlassen, weil herauskam, dass er mit einem gefälschten Impfzertifikat zu Olympia 2022 gereist war.
Die Causa Fischer ist ein nationales Thema
Seit Wochen ist das ein nationales Thema in der Schweiz. Eins, das auch die Mannschaft zu spalten schien: Während Kapitän Josi sich in einem Brief für eine Rückkehr Fischers aussprach, sollen andere Stars wie Meier oder Hischier dagegen gewesen sein. Mittlerweile heißt es, das Thema sei intern vom Tisch, man sei so eng wie nie.
Cheftrainer ist nun Cadieux, der vorherige Assistent. „Es ist schwierig, weil ich nicht bereit dafür war“, sagte er kurz nach seiner Beförderung. Nun während der WM klingt er anders. Überhaupt ist er als sachlicher Analytiker bekannt. Während Fischer wie ein Guru auf einer Bühne wirkte, ist Cadieux eher der Typ Hintergrundgespräch.
Das Portal Watson nennt ihn gar den „Anti-Fischer“. Aber genau so einen bräuchte es jetzt. Keinen Revolutionär, der alles über den Haufen wirft, sondern einen, der bei einer funktionierenden Mannschaft an letzten Details feilt. Bisher scheint das zu klappen, der WM-Auftakt war verheißungsvoll. Am Montag gegen Deutschland soll es so weitergehen. Aber auch das Spiel ist nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zum großen Ziel – dem ersten WM-Titel der Schweizer Eishockeygeschichte.