Woody Allen kam nicht aus New York zur Uraufführung im Theater an der Kö angereist. Schade. Aber ist ja immerhin schon 90. Doch der garstige Humor über die Intellektuellen Schickeria im Big Apple, die besser ihren Psychiater kennt als Partner oder ihren Hausarzt, die bitterböse Ironie über das ewig triebgesteuerte Fremdgehen und verkorkste Typen soweit das Auge aus dem 35. Wolkenkratzer-Stockwerk reicht – all‘ die Markenzeichen des Kult-Regisseurs und das, was seine Streifen weltbekannt machte, wird derzeit im Theater an Kö rauf und runter konjugiert.
Denn Woody der Große, der kaum noch Filme dreht, hat ein Theaterstück geschrieben „Vollversammlung im Neurosengarten“. Das René Heinersdorff ins Deutsche übersetzte und auf die Programme seiner Theater setzte. Nach einem Versuch in Essen war die Premiere in seinem Schadow-Arkaden-Theater ein Volltreffer. Wenn die Turbo-Inszenierung von Katarina Schmidt auch manchmal ziemlich harsch über die Rampe kommt und stellenweise bildungsbürgerlich hohe Ansprüche stellt – Jubel und Ovationen für fünf Darsteller und Regisseurin waren anhaltend. Viele Anspielungen in Rededuellen auf russische Weltliteratur von früher – Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und seine Hauptfigur Raskolnikow inklusive – man muss sie nicht kennen, um die Spitzen der rhetorischen Pfeil- und Bogen-Spiele zu ahnen.
Heimlich wird in Theaterkreisen diese Aufführung als ‚Welt-Uraufführung“ gehandelt. Denn in seiner Heimat New York hatte das Film-Genie Allen zuletzt wieder viel Ärger – unter anderem wegen seiner Nähe zu Jeffrey Epstein, des andauernden Medien-Rummels und wegen möglicher Verstrickungen in Gewalt und Missbrauchsvorwürfen. Kein Wunder, dass er von US-Produzenten und Theatermachern derzeit eher gemieden wird. Dass Heinersdorff mit der Übersetzung und Aufführungen die Initiative ergriff, beweist seinen Mut zum Risiko.
Worum geht’s? Um Neurosen. Oberhalb und unterhalb der Gürtellinie. Ähnlich wie in Woodys Filmen. Die kultiviert jeder, der im nobel eleganten Appartement in modischem Look in New Yorks Uppertown verkehrt. Es gehört Jake und Sheila, die sich, wie sie betonen, heiß und innig lieben. Und eine gute Tat vollbringen wollen. Sie laden Sheilas Schwester Fay ein, um sie zu verkuppeln. Fay, ein gebildeter Blaustrumpf und Buchhändlerin, hat sich einmal verguckt in Richard Statler, seines Zeichens Verleger, der auch die Romane des Autors Jake herausgibt. Richard erscheint an dem Abend als Gast, in adrettem Anzug in Fliederfarben (Markus Angenvorth). Reich, ungebunden und voller Hemmungen knetet er wie ein verlegener Pennäler seine Hände, hält den Kopf meist in Schräglage. Und ist mindestens genauso verklemmt wie Fay, die, in pastellfarbigem Gelb, ständig Selbstgespräche führt und alte Geschichten erzählt, die Sheila in- und auswendig kennt und mitsprechen kann. Die Gastgeber bemühen sich redlich und hoffen, dass die zwei Großstadt-Neurotiker irgendwie zusammenfinden. Könnte gelingen.
Dummerweise hat Jake gleichzeitig seine Ex geladen – Boots (Stiefel). Eine ‚bipolare Nymphomanin‘ aus dem Bilderbuch, die gerade einen neuen Lover (einen Kunstmaler) per Messerstich ins Jenseits befördert hat. Und in phosphorrotem Kleidchen mit ultraknappem Röckchen Zuflucht sucht und hinein stürmt (überspitzt als Wirbelwind: Dorkas Kiefer). Sie mischt die mühevolle Gediegenheit der Abend-Gesellschaft auf. Hemmungslos und hyperventiliert, dreist und unverblümt flirtet sie drauflos, gibt sich einen Touch zu vulgär. Was Gastgeberin Sheila (streng und auf den Punkt gespielt: Aline Hochscheid) eifersüchtig macht und auf die Palme bringt. Und stört; denn ihr Plan droht zu scheitern – Schwesterchen Fay (Bianca Spiegel als extrem naive Unschuld vom Lande) unter die Haube zu bringen. Richard – auf wen der wohl abfährt? Die Richtung ist vorgegeben.
Ralph Stech überzeugt als Jake, der bei aller Liebe zu Sheila schwach wird, als seine Ex den Raum betritt und sofort in Erinnerungen schwelgt. Nicht alles, aber vieles läuft für die gute Fay schief. Nicht für alle gibt’s ein Happy End. Doch das Publikum hat in Schmidts temporeicher Inszenierung genügend Gelegenheiten, sich über spitzzüngige Wortgefechte, schwarzhumorige Psychiater- und Psycho-Parodien und temperamentvollen Tiraden zu amüsieren. Nicht nur Sigmund Freud(t) sich. Bis 15., Juni. Düsseldorf Theater an der er Kö. TEL: 0211/ 322 333