Nur wenige Länder haben so viele Bürger im Ausland wie Russland. Nach Angaben der Vereinten Nationen lebten 2024 mehr als neun Millionen Russinnen und Russen außerhalb ihres Landes. Schätzungen zufolge verließen fast eine Million von ihnen ihre Heimat nach Beginn der russischen Großoffensive gegen die Ukraine. Rund 650.000 davon sollen bis heute im Ausland leben. Viele Ausgewanderte halten weiterhin Kontakt zu ihrer Heimat, besuchen Angehörige oder müssen wegen bürokratischer Angelegenheiten zurückreisen. Dabei gilt der Grenzübertritt mittlerweile als eine der gefährlichsten Etappen der Reise.

Warum Russen an der Grenze ins Visier geraten

„Auch wenn es nicht offiziell erklärt wurde, befindet sich Russland faktisch im Krieg. Und entsprechend gehen die Sicherheitsbehörden vor. An der Grenze gibt es längst nicht mehr nur die übliche Passkontrolle. Stattdessen finden umfassende Filtermaßnahmen statt“, sagt Jewgenij Smirnow, Anwalt der Menschenrechtsorganisation First Department. Die meisten Betroffenen seien keine bekannten Kritiker des Regimes, sondern ganz normale Russinnen und Russen.

Besonders hoch sei das Risiko nach längeren Auslandsaufenthalten, sagt die Anwältin der Menschenrechtsorganisation OVD-Info, Walerija Wetoschkina. Auch ein Aufenthalt in Ländern, die Russland als sogenannte „unfreundliche Staaten“ einstuft und die Visarestriktionen gegen russische Staatsbürger verhängt haben, könne Anlass für eine Kontrolle sein, ergänzt Smirnow. Dazu zählten die meisten europäischen Staaten. 

„Überprüfungen finden auch im Hintergrund statt“, sagt der Anwalt. Viele Menschen würden an der Grenze aufgehalten, weil bereits Material zu ihnen vorliege und entsprechende Vermerke in internen Datenbanken der Behörden existierten. Dabei geht es nicht nur um Fragen zur Person oder zur Reise. Immer häufiger werden auch Mobiltelefone zum entscheidenden Prüfstein: Kontakte, Fotos, Chats oder Spenden können aus Sicht der Behörden verdächtig wirken. So soll es auch dem Russen Roman Jewsejew ergangen sein.

Ein Heimatbesuch wird zum Verhör

Vor Beginn der russischen Großoffensive lebte er in der sibirischen Stadt Kemerowo und arbeitete in einem Chemielabor. Aus Protest gegen den Krieg wanderte er 2022 nach Georgien aus. Dort half Roman als Aktivist ukrainischen Kriegsgeflüchteten und nahm an Antikriegsprotesten teil. Ende 2025 wollte er für einen Tag nach Russland einreisen. „Besondere Risiken habe ich dabei ehrlich gesagt nicht gesehen“, erklärte er später den Menschenrechtlern von First Department.

Was dann am Grenzübergang geschah, schildert Roman folgendermaßen: „Als ich meinen Pass vorlegte, steckte ihn der Beamte an der Kontrolle mehrmals in den Scanner, zog ihn wieder heraus, sah mich an und rief jemanden an.“ Stundenlang sei er anschließend von Grenzbeamten festgehalten und durchsucht worden. Danach sollen Mitarbeiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ihn zu seinem Aufenthalt in Georgien sowie seiner Teilnahme an Antikriegsprotesten befragt haben. Dabei sollen sie ihm mit Gewalt und einer Entsendung an die Front gedroht haben. Als er schließlich nach Russland einreisen durfte, wollte Roman Jewsejew nur noch eines: das Land schnellstmöglichwieder verlassen.

Wie schwer solche Risiken einzuschätzen sind, zeigt auch der Fall Michail Loschinin. Bei ihm wurde nicht nur die Reise selbst zum Problem, sondern vor allem das, was die Behörden auf seinem Telefon fanden. Loschinin reiste im Sommer 2025 mit seinem Motorrad über Lettland nach Russland ein. Der 48-jährige IT-Spezialist hatte zu diesem Zeitpunkt seit mehr als 25 Jahren nicht mehr in Russland gelebt und sich in Europa ein neues Leben aufgebaut – zunächst in Belgien und Luxemburg, später in Deutschland. Sein letzter Heimatbesuch hatte noch vor dem Ukraine-Krieg stattgefunden. Dieses Mal wollte er seinen kranken Vater in Sankt Petersburg sehen.

Chats, Kontakte, Appdaten: Das Handy als Risiko

An der Grenze wurde Michails Telefon zur Kontrolle beschlagnahmt. Darauf sollen zahlreiche Kontakte aus der Ukraine gespeichert gewesen sein, darunter auch Verwandte, berichtet der Telegramkanal #FreeMike, der später zu seiner Unterstützung gegründet wurde.  Loschinin wurde festgehalten und drei Tage lang am Grenzübergang festgesetzt. 

„An jedem Grenzübergang gibt es spezielle kriminaltechnische Technik. Damit lassen sich innerhalb weniger Minuten einfache Sperren umgehen und der gesamte Inhalt eines Telefons analysieren“, sagt Smirnow. Zwar seien persönliche Informationen auf dem Handy formal weiterhin durch die russische Verfassung geschützt, betont der Anwalt. In der Praxis würden viele Grenzbeamte die Rechtslage jedoch ignorieren, um Zugriff auf die Daten von Personen zu erhalten, die in Verdacht geraten sind.

„Im Handy eines Menschen steckt eine Fülle an Informationen über ihn: Chats, Fotos, Banktransaktionen, Abonnements und vieles mehr“, sagt Wetoschkina. „In diesen Daten können die russischen Behörden leider vieles finden, was sie für illegal halten.“ Sie rät dazu, das eigene Handy niemals nach Russland mitzunehmen. Stattdessen solle man ein Ersatzhandy dabeihaben, das keine sensiblen Informationen enthalte.

Auf Michails Handy fanden die Beamten Hinweise auf Geldüberweisungen in die Ukraine. Das reichte für eine Anklage wegen Hochverrats gegen ihn. Seitdem sitzt Michail in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Seine Geschichte ist kein Einzelfall: Allein die Menschenrechtsorganisation First Department begleitet derzeit acht Menschen, denen nach ihrer Einreise eine Haftstrafe in Russland droht.

Vorwürfe von Folter und Agentenanwerbung

Roman Jewsejew hingegen gelang die Ausreise nach Georgien, nachdem andere FSB-Mitarbeiter in Russland versucht haben sollen, ihn als Agenten im Ausland anzuwerben. Er berichtet, gezwungen worden zu sein, ein Dokument über eine geheime Zusammenarbeit zu unterschreiben und sich den Decknamen „Iwan“ zu geben.

Seine Schilderungen decken sich mit den Beobachtungen der Anwältin Wetoschkina: Ins Visier der Sicherheitsbehörden gerieten an den Grenzen vor allem junge Menschen, die nach Beginn des Krieges ausgewandert seien. „Auf ihren Handys finden die Behörden Fotos von Protesten oder Veranstaltungen sogenannter ‚unerwünschter Organisationen‘. Ihnen werden Haftstrafen angedroht und eine Zusammenarbeit angeboten – etwa mit dem Vorschlag, nach der Rückkehr ins Ausland Informationen für die Behörden zu beschaffen.“

Jewsejew entschied sich, seinen Anwerbeversuch öffentlich zu machen. Doch auch nach seiner Rückkehr nach Georgien fühlte er sich nicht sicher und ist inzwischen nach Montenegro weitergezogen. Michail Loschinin schrieb aus der Haft mehrere Briefe, die das Online-Medium „Bereg“ vor Kurzem veröffentlicht hat. Darin berichtet er von Folter und hält fest: „Ob ich bereue, dass ich hingefahren bin? Ich habe den besten Job meines Lebens verloren, mein ganzes Geld, meine Wohnung. Ich verliere gerade rapide meine Gesundheit. Der stellvertretende Leiter der Ermittlungsabteilung stellt mir eine Haftstrafe von 18 Jahren in Aussicht. Ja, ich bereue, dass ich hingefahren bin.“ Die Anwälte Wetoschkina und Smirnow raten im Ausland lebenden russischen Bürgern derzeit dringend davon ab, ohne triftigen Grund nach Russland einzureisen.